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Wie man wissenschaftliche Texte schreibt und selbst prüft

Gut schreiben kann man lernen. Aber es ist etwas Arbeit, die leider in Hochschulen selten geübt wird. Das ist schade, weil viele Studierende Angst vor dem Schreiben und noch mehr Angst vor dem Feedback der Lehrenden haben. Es wird allerdings einfach, wenn man eine andere Frage an die Texte stellt.

Vielleicht gibt es unter den Leserinnen und Lesern Leute, deren Kinder studieren und Haus-, Bachelor- oder Masterarbeiten abgeben müssen. Bitte teilt diesen Text mit ihnen, damit sie bessere Texte schreiben. Es gibt zu viele schlechte Texte, die auch keine KI retten kann. (Dazu komme ich später.) Für den Beruf ist es sehr wichtig, sich klar und richtig ausdrücken zu können. Mit unseren Texten bezwecken wir etwas. Es wäre doch schade, wenn die viele Mühe, die wir in unseren Text stecken, am Ende vergeblich ist.

Bild von Patrick Fore auf Unsplash

Bitte keine Selbstzweifel

Textarbeit ist Arbeit. Wir sollten uns von der Erwartung verabschieden, dass der erste Entwurf schon perfekt ist. Von anderen Handwerkerinnen, Sportlern, Autorinnen oder Künstlern sehen wir nur die Endergebnisse. Aber wir sehen nicht die Zwischenversionen, die Rohentwürfe, die verworfenen Werkstücke oder Kunstwerke. Viele Menschen haben jahrelang geübt, bevor ihre Ergebnisse präsentabel waren. Wir sollten also mit unseren eigenen Texten gelassen sein und ausreichend Zeit zum Überarbeiten einplanen; am besten genauso viel Zeit wie für das Schreiben selbst.

Ein schlechter Text ist keine Kritik an der Person, die schreibt. Es ist nur eine erste Version. Klar, wer seinen Text anderen zeigt, ist verletzbar. Und Kritik tut weh. Wer würde nicht gern für seinen ersten Text gelobt werden?

Bei jeder Kritik schwingt auch die Panik mit: „Wie soll ich diese ganzen Änderungswünsche in der restlichen Zeit noch umsetzen?“ Deswegen noch einmal der Hinweis: Bitte plant viel Zeit für das Überarbeiten ein. Zeigt den Lektoren schon frühe Versionen. Dann können diese auf regelmäßige Fehler aufmerksam machen.

Jede Autorin und jeder Autor bleibt Herrin oder Herr des Textes. Das heiß, dass man Kritik auch ablehnen kann.

Schreibt klar

Klarheit ist mein wichtigster Maßstab für die Qualität eines Textes. Verstehe ich, was mir der Autor sagen will? Bei ungeübten Autoren sehe ich viele Passivkonstruktionen. Sie denken, dass dieser Stil besonders wissenschaftlich sei. Der Grund ist nachvollziehbar: die Autoren wollen den Fokus auf die Arbeit und nicht auf sich richten. Einige Unis erwarten bei technischen Arbeiten einen sog. Gutachterstil. In einer Anleitung der TU Berlin heißt es beispielsweise: „Weiterhin ist der Nominalstil geradezu ein stilistisches Mittel in der Fachsprachenverwendung; er ist als normale, übliche und fachsprachentypische Ausdrucksform einzusetzen.“ (S. 87). Das stellt die Schreibenden scheinbar vor einen Widerspruch.

Erst einmal stellen wir fest: Passivsätze sind oft länger als Aktivsätze. Zudem bleiben (unnötig) Fragen offen.

  • Passiv: Es erfolgte eine Messung.
  • Aktiv: Ich maß die Stromstärke.

Der zweite Satz ist kürzer und verständlicher. Wichtige wissenschaftliche Institutionen und Verlage raten zur aktiven Schreibweise.

  • In der 7. Ausgabe des Style Guides der APA heißt es auf S. 114 (Abschnitt 4.5): „When possible and appropriate for the context, use active voice to reduce wordiness and redundancy.“ Auf S. 118 (Abschnitt 4.13) heißt es weiter: „… many writers overuse the passive voice. Use active voice as much as possible to create direct, clear, and concise sentences.

  • Im Style Guide von Nature Portfolio heißt es: „Nature journals prefer authors to write in the active voice ("we performed the experiment...") as experience has shown that readers find concepts and results to be conveyed more clearly if written directly.

Die Herausgeber bei der APA und bei Nature haben sicherlich ihre Gründe, warum sie zu dieser Empfehlung kommen. Klar, Passivkonstruktionen sind nicht verboten. Nur sollte nicht der ganze Text passiv geschrieben sein.

Wie erfüllen wir nun die Anforderungen des Gutachterstils? Ganz einfach: Wir suchen nach anderen Subjekten.

  • „Das Messgerät zeigt die Stromstärke an.“
  • „Diese Arbeit legt dar, wie …“
  • „Der Versuchsaufbau erfüllt den Zweck …“

Textwerkzeuge wie das Blablameter, der Fleschindex oder das LanguageTool können gut Passivsätze erkennen. Aber Tools wie Deepl Write oder KI-Werkzeuge können Passsivsätze nicht korrigieren, weil sie ja nicht am Text erkennen, wer was gemessen hat. Das muss man der KI vorher sagen.

Für wen schreiben wir?

Eine Haus-, Bachelor- oder Masterarbeit richtet sich nicht nur an die Erst- und Zweitprüfer:innen. Es gibt auch Leser:innen bei der Praktikumsstelle, an der ein Studierender die Arbeit erstellt hat. Die Menschen dort haben andere Bedürfnisse als ein Hochschulprofessor. Häufig machen andere Studierende dort weiter, wo der erste Student angefangen hat. Sie lesen sich mit Hilfe vorheriger Arbeiten in das Thema ein. Sie können nicht arbeiten, wenn sie die Texte nicht verstehen. Helga Esselborn-Krumbiegel nennt es, Kontakt zum Leser aufbauen./1, S. 166/ Das gefällt mir.

Für die meisten Studierenden sind natürlich die Professorinnen und Professoren, die die Arbeit bewerten, die wichtigste Zielgruppe. Aber es geht nicht darum, dass der eigene Text dem Professor gefallen muss. Das würden die meisten Profs, die ich kenne, auch von sich weisen. Sie haben ein praktisches Problem: Sie müssen die Arbeit nachvollziehbar bewerten. Bitte lest Eure Arbeit einmal durch die Brille einer Person, die Material für eine gute Note finden muss. 

Hier sind einige Punkte, auf die ich bei der Bewertung achte:

  • Der Student versteht, wovon er schreibt. Er kann das Problem klar beschreiben.
  • Er kennt die relevante Literatur und zitiert nicht einfach irgendwas.
  • Er kann die relevanten Begriffe klar beschreiben und damit arbeiten. Diese Begriffe kommen immer wieder im Text vor.
  • Der Student geht nicht irgendwie an das Problem, sondern wissenschaftlich heran. Er stellt eine Diagnose auf. Er beschreibt die Behandlungsmöglichkeiten und begründet die Auswahl seines Handlungsplans.
  • Er macht sein Denken nachvollziehbar. Er startet mit dem Allgemeinen und geht dann zum Speziellen. So ist es später bei Fehlern leichter, die Ursache zu finden.
  • Es ist klar erkennbar, was die eigene Leistung des Studenten ist.
  • Die Arbeit erfüllt die formalen Ansprüche (Seiten, Tabellen, Abbildungen nummeriert, richtig zitiert, keine Rechtschreibfehler).

Wenn ich Texte von Arbeiten oder für Bücher lese, gehe ich diese Punkte durch. Der Text muss mir nicht gefallen. Ich muss auch nicht der gleichen Meinung sein. Aber ich will nachvollziehen, wie die Autorin oder der Autor zu den entsprechenden Schlüssen gelangt.

Viele Unis haben Listen mit Bewertungskriterien veröffentlicht, die genau auf solche Punkte hinweisen. Hier ein längeres Zitat, wieder aus einer (anderen) Anleitung der TU Berlin (Abschnitt 10/S. 6), für Empfehlungen zur Bewertung einer Arbeit: 

„a) Gliederung (15%): formale Logik; sachadäquater Aufbau und Struktur; harmonische Gewichtung; roter Faden der Arbeit wird deutlich

b) Inhalt (50%): ausgewogene Darstellung von Inhalten; Objektivität der Argumentation; Passung des Inhaltes zur Forschungsfrage; Entsprechung zwischen inhaltlicher Darstellung und Gliederung; Eigenständigkeit der Gedanken; Quantität und Qualität von Schlussfolgerungen und Diskussion; Originalität

c) Wissenschaftliche Sprache (10%): Verständlichkeit, Klarheit und Präzision bei der Wortwahl; Vermeidung von populärwissenschaftlichen bzw. plakativen Aussagen; Unterlassung von Selbstbezügen („ich“, „mich“, „mein“, „wir“), stattdessen Nutzung anderer Formen der Selbst-Referenz (z.B. aus Sicht des*der Autor*in, Passivkonstruktionen, etc.); Auslassung stark wertender Aussagen (z.B. „enorm“, „überhaupt nicht“); Textteil in Verbalphrase; Stichpunkte werden sparsam genutzt. […]

d) Formale Gestaltung (10%): Einheitlichkeit und Sorgfalt; Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und Ausdruck sind korrekt; Aussagen sind mit Vielzahl von Quellen belegt; Quellen sind einheitlich und vollständig zitiert sowie bibliografiert

e) Literatur (15%): Qualität und Quantität der verwendeten Quellen: Quellen sind relevant für Thema, einschlägig wissenschaftlich, aktuell, deutsch- und englischsprachig.“

Die Frage ist also nicht, ob dem Professor der Text gefällt. Die Frage ist: „Habe ich genug Material im Text, damit der Prof eine gute Note begründen kann?

Wie wird ein Text überarbeitet?

Jetzt haben wir Hinweise gesammelt, um den Text zu überarbeiten. Das machen wir in mehreren fokussierten Durchgängen.

  • Kernbotschaften prüfen. Am Anfang und am Ende eines Abschnitts oder Kapitels prüfen, ob die richtige Botschaft herüberkommt. Wird klar, was die besondere Leistung des Autors ist?
  • Vom Allgemeinen zum Speziellen. Viele Arbeiten sind zu schnell und zu tief im Thema. Daher würde ich jeden Abschnitt daraufhin prüfen, was ein unvorbereiteter Leser an der Stelle braucht, um den Rest zu verstehen. Meist reichen 1-2 Sätze.
  • Literaturquellen prüfen.
  • Schreibstil prüfen: Passivkonstruktionen, lange Sätze auflösen.
  • Rechtschreibung und Zeichensetzung prüfen
  • Erneut formale Anforderungen prüfen. 

Fassen wir zusammen. Textarbeit ist Arbeit, die Zeit kostet. Gute Texte machen es dem Leser einfach, seine Ziele zu erreichen. Professoren wollen gute Noten vergeben. Das ist ihr Ziel. Dazu muss der Text ihnen Angebote machen. Was leicht zu finden und zu verstehen ist, kann auch gut bewertet werden. 

Und jetzt viel Spaß beim Schreiben.

Literatur

  • /1/ Esselborn-Krumbiegel, Helga. Von der Idee zum Text: eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. UTB, 2021.

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