Direkt zum Hauptbereich

Scrum-Projekte budgetieren

Wie kann man eigentlich (agile) Projekte budgetieren? Wenn man noch nicht weiß, wie lange das Projekt schlussendlich dauern wird? Müssen wir dafür nicht erst alle Aufgaben wissen, um den Aufwand abzuschätzen? Nein. Denn wir haben in aller Regel wahnsinnig viele Daten, die wir zur Planung nutzen können.

Nutzt historische Daten!

2015 habe ich schon einmal über das Schätzen von Projektaufwänden geschrieben./1/ Schaut gern nochmal in den Beitrag. (Ich bin übrigens kein Freund von NoEstimates. Wenn wir das Geld und die Zeit von anderen Leuten verbrennen, haben diese das Recht zu erfahren, wie lange etwas dauern und wieviel Geld es sie kosten wird!)

Bild von Scott Graham auf Unsplash

Meist ist ein Projekt, über deren Umsetzung wir nachdenken, in ähnlicher Form in der eigenen Organisation oder auch in anderen Unternehmen schon einmal gelaufen. Ein paar Details werden zwar anders sein. Aber unsere grundsätzliche Herangehensweise, das Kundenverständnis, ein Teil der eingesetzten Technologie und die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, bleibt gleich. Daher lohnt es sich, Daten von vergleichbaren Projekten zu sammeln (ich empfehle von mindestens fünf):

  • Wie viel KALENDERzeit ist vergangen - von Projektbeginn bis -ende?
  • Wie viele Bearbeitungstage wurden auf die Projekte TATSÄCHLICH gebucht?
  • Welche Kosten sind in dieser Zeit entstanden?
  • Was wissen wir über Art und Menge der Aufwandstreiber in diesem Projekt? Bei IT-Projekten sind Treiber oft die aktiven Anwender und die unterschiedlichen Module (weil sie für unterschiedliche Geschäftsprozesse stehen).

Sollten wir die Daten (nicht alle) im eigenen Haus haben, müssen wir sie uns durch Herumtelefonieren und Recherchieren besorgen. 

Sobald sie uns vorliegen, können wir den Aufwand und ihre Treiber in Vergleich setzen und das könnte z.B. so aussehen:

  • Projekt A: 104 PT, 105 aktive Anwender, 2 Module
  • Projekt B: 176 PT, 200 aktive Anwender, 2 Module
  • Projekt C: 67 PT, 66 aktive Anwender, 2 Module
  • Projekt D: 96 PT, 80 aktive Anwender, 1 Modul
  • Projekt E: 72 PT, 90 aktive Anwender, 1 Modul (aber ein anderes als in Projekt D)

Der Aufwand schwankt in diesem Beispiel pro aktivem Anwender zwischen 0,8 und 1,2 Personentagen - wobei ein Modul mehr Aufwand verursacht als ein anderes (aus dem Vergleich von Projekt D mit E). 

Nun können abfragen, wie viele aktive Anwender im neuen Projekt zu erwarten sind. Und ob beide Module eingesetzt wird bzw. welches davon. 

Nehmen wir an, wir erwarten 150 Anwender für das aufwändigere Modul aus Projekt E. Dann wäre es eine gute Idee mit 180 Tagen in die nächste Planungsrunde zu gehen (150 Personen x 1,2 PT/Person).

Dieses Vorgehen nennt man übrigens "Reference Class Forecasting". 

Für mich ist besonders wichtig, dass all dies mit den Expert:innen zu besprochen werden. Und es ist gut, wenn das Ausrechnen des Aufwands dabei keine einfache und schon gar keine simple Formel ist. 

DASS der neue Planungswert zu berechnen ist, liegt schlicht daran, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Dinge wieder sehr ähnlich laufen werden, wie in den vorangegangenen Projekten. Aus der Diskussion können die Expert:innen aber die Unterschiede herausfiltern und so aus den bisherigen Erfahrungen lernen:

  • Wie unterscheiden sich die abgelaufenen Projekte untereinander? Inwiefern ist das anstehende Projekt anders?
  • Wie ändert sich der Aufwand, wenn sich die Größenordnungen ändern? Was passiert, wenn wir 10.000 aktive Anwender haben oder 10 Module brauchen?
  • Können wir ein Projekt in kleinere Teile zerlegen?

Bewertet erst den Nutzen

Bisher lag der Planungsfokus fast ausschließlich auf den Kosten, Denn die ließen sich scheinbar leichter erheben und nachverfolgen. Allerdings wurde dabei vergessen, dass wir uns mit Projekten einen Vorteil erarbeiten wollen. Es fehlte uns eine einfache Methode, um diesen Vorteil in Geld- oder Finanzwerten zu fassen.

Wer eine Anleitung genau dafür sucht: Für IT-Projekte finde ich das Benefits-Management-Buch von Ward und Daniel immer noch eine gute Anleitung./2/ Die Autoren legen schlüssig dar, dass IT dauerhafte Änderungen bei den Abläufen unterstützt. 

Nur die DAUERHAFTEN ÄNDERUNGEN führen zu ZUSÄTZLICHEN ERLÖSEN oder KOSTENEINSPARUNGEN. Daher sollten wir genau nach diesen Änderungen suchen. Um eben dieses Erlöse oder Einsparungen abschätzen zu können.

Doch auch hier sollten wir vorsichtig sein und uns immer einmal wieder an Taiichi Ohnos Worte erinnern: Was nützt es, wenn eine Maschine mehr Teile produzieren kann, wir sie aber nicht verkaufen können? Was ist der Vorteil von einer automatischen Maschine, wenn ich weiterhin eine Person brauche, um diese Maschine zu überwachen?

Von welchen Kunden kommen die zu erwartenden Erlöse wirklich? Sind das Wunschkunden oder gibt es diese Kunden tatsächlich? Sind sie bereit, den echten Preis dafür zu bezahlen? Welche Arbeitskraft brauchen wir nach dem Projekt NICHT mehr? Was machen diese Personen dann?

Gibt es günstigere Alternativen?

Wenn die Erlöse oder Einsparungen trotzdem nicht zu bewerten sind, gibt es zwei Lösungen: 

  • Aus unternehmerischer Sicht sollte das Projekt gar nicht erst gestartet werden. Zumindest fangen wir das Projekt so lange nicht an, solange wir nicht mehr über den Nutzen wissen.
  • Wir machen Vorstudien oder kleine Experimente, um Erlöse oder Einsparungen abzuschätzen. Danach wird phasenweise investiert.

In der Realität gibt es oft viel mehr Optionen als den EINEN Projektantrag, der auf dem Tisch liegt. 

Wie könnte man bei einem ganz kleinen Kundenkreis Geld verdienen? Wie könnte man in einem Teilbereich mit Änderungen anfangen, um Kosten einzusparen? Wir können auch wie ein Investor eine bestimmte Summe in die Hand nehmen: Wenn das Projektteam für X EUR mind. eine Summe von Y erwirtschaftet, gibt es die nächste Tranche. (Der Fachbegriff hier für lautet "real options").

Bevor wir ein Projekt starten, können (und sollten) wir uns ohnehin die Frage stellen, ob wir mit vielen kleinen Verbesserungen und bestehenden Mitteln nicht auch schon gute Ergebnisse erzielen können. 

Vielleicht wird jetzt ein:e Leser:in einwenden: "Ja, Jan das steht doch aber auch in jedem guten Projektmanagementhandbuch. Bei PRINCE2 ist das sogar ein eigenes Thema." Ja, natürlich ist das so. 

Trotzdem ist für mich wichtig, hierauf immer wieder hinzuweisen. Denn viele Projektplaner folgen diesen Anleitungen ohne wirkliches Verständnis und sie gehen damit große, meist auch zu große Risiken ein. 

In vielen Unternehmen laufen zu viele Projekt gleichzeitig, um die sich zu wenig Leute kümmern. Früher frustrierte das vielleicht "nur" alle Projektbeteiligten (inklusive der verärgerten Klientel und Geldgeber). Heute aber brennen ebendiese Beteiligten aus und/oder wenden sich ab (und anderen Zulieferern zu). 

Führungskräfte, Mitarbeitende, KundInnen und Geldgeber verlassen also wegen solch (vermeintlich) aussichtsloser Situationen ihre Unternehmen. Das nur teilweise investierte Geld bringt dann nicht nur keine Rendite. Es ist einfach nur ein Strohfeuer - reine Verschwendung. Die Folge oft: Kosten werden eingespart, Gehälter gekürzt oder den KundInnen werden überteuerte Produkte verkauft.

Sollten wir das nicht besser verhindern?

Sie wollen mehr über gute Projektarbeit lernen? Es gibt eine Übersichtsseite zum Thema Projektmanagement in diesem Blog. Dort finden Sie weitere Artikel, mit denen Sie sich in das Thema einlesen können.

Ihr wollt mehr über Scrum wissen? Wir haben eine Übersichtsseite zu Scrum, über die man sich in die wichtigsten Artikel in diesem Blog einlesen kann.

Anmerkungen

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Warum du als Führungskraft klügere Mitarbeiter einstellen solltest (und Mikromanagement dein größter Fehler ist)

Es ist einer der am häufigsten zitierten Führungsratschläge: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du. Und einer der am seltensten wirklich befolgten. Warum? Weil er sich leichter sagt, als er sich anfühlt.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Unternehmenskultur frisst Agilität zum Frühstück

Zyklische Abfolgen sind an vielen Stellen im Leben beobachtbar: Wiederkehrende vier Jahreszeiten, alte Songs, die plötzlich als Cover-Versionen wieder auf den Markt kommen (Jugendliche identifizieren diese dann als "Grundform", denn sie kennen das Original nicht), erst Karottenjeans, dann wieder Hosen mit Schlag, dann wieder Karotte, in der Politik Republikaner, Demokrat, Republikaner, Demokrat..., Hardliner-Papst, Vermittler-Papst... - alles kommt in regelmäßigen Abständen wieder. So auch die Erkenntnis, was man alles tun müsste, um in Unternehmen wirklich agil arbeiten zu können. Warum aber gelingt die Installation agiler Zusammenarbeit in größeren Unternehmen bis heute so wenig zufriedenstellend? Werden dabei vielleicht Aspekte immer noch zu wenig gesehen?

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Coaching- und Führungsframeworks im Überblick: 21 Linsen für Teams und Organisationen

Gute Scrum Master:innen und Coaches betrachten das Geschehen durch mehr als eine Brille oder Linse. Jede Linse gibt andere Hinweise für angemessene Interventionen. Im Prinzip suchen wir immer nach der kleinsten Intervention mit der größten Wirkung. Aber welche Linsen gibt es eigenlich? In diesem längeren Beitrag stelle ich die wichtigsten 21 Konzepte von 37 Autor:innen vor, die mir bei der Recherche begegnet sind.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Warum Veränderungsinitiativen scheitern - und wie Du veränderungsresistente Strukturen knackst

[TL;DR] Viele Veränderungsinitiativen stossen auf harten Widerstand - nicht weil die Idee der Veränderung oder das Zielbild schlecht ist, sondern weil Organisationen wie Tensegrity-Strukturen funktionieren: hochgradig vernetzt, unter Spannung, systemisch. Wer das versteht, geht Veränderung anders an. Hast Du schon mal von Tensegrity Strukturen gehört? Nimm Dir doch mal kurz Zeit und schau Dir das Video an. Dann hast Du's sofort im Kopf. Und wenn Du die 58 Sekunden nicht hast und lieber weiterliest: Tensegrity-Strukturen sind faszinierende Gebilde aus schwebenden Stäben und Seilen, bei denen sich kein Stab direkt berührt - und trotzdem hält das ganze Ding sehr resilient gegen Störungen zusammen. Ich bin Tensegrity-Strukturen zuerst in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet - in der Trainingslehre. Der menschliche Körper wird nämlich von einer solchen Struktur aus Zug und Druck - Muskeln, Faszien, Sehnen - permanent im Gleichgewicht gehalten. Das Elegante daran: Stabilität entsteh...

Office-Hacks - Sammlung Teil 2: OneNote und PowerPoint

Immer wieder werde ich nach speziellen Hacks, Tipps und Tricks gefragt, die einem die Arbeit mit MS-Office-Produkten erleichtern. Also habe ich eine zeitlose Sammlung von kleinen Handgriffen zusammengestellt, die in meinen Seminaren oft für erhellende AHA-Momente sorgen. Dies ist der zweite Teil meiner kleinen Serie mit OneNote und  PowerPoint. Der erste Teil hat Outlook und Teams behandelt;  Word, und Excel werden folgen.

Neuer Scrum Master? Mit drei einfachen Fragen sofort wirksamer werden (drei praktische Linsen)

Es gibt eine Vielzahl von Linsen, durch die Scrum Master:innen und Agile Coaches auf die Arbeit eines Teams schauen können. Man muss sich aber auch mit ihnen beschäftigen, um gut zu sehen. Gibt es vielleicht Linsen, die neue Scrum Master:innen schnell benutzen und lernen können? Ja, die gibt es und sie haben ihre Nützlichkeit 1,7 Mio. mal bewiesen. Aber fast kein Scrum Master kennt sie.