Dienstag, 22. Dezember 2015

Lichtet den Nebel der Technologie: Worum es bei User Engagement im Journalismus wirklich geht

Drüben beim Nieman Journalism Lab ist es Tradition, dass Medienschaffende am Jahresende Prognosen für das neue Jahr abgeben. Die Beiträge sind immer sehr interessant und weisen eine große inhaltliche und technologische Breite auf. Von unserem Blog aus möchte ich ebenfalls einen Beitrag leisten, weil ich den Eindruck habe, dass manchmal das Wesentliche übersehen wird.


Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich eine Schwäche für Medien habe. Seit mehr als 25 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema. Es hat die Wahl meines Studiums beeinflusst, und ich habe zehn Jahre in einem Medienkonzern gearbeitet. Ich freue mich immer, wenn mich Trainings oder Beratungsaufträge ins Medienumfeld führen. Denn dort treffe ich auf sehr gut ausgebildete, kreative Menschen, die für ihre Themen brennen.

Medien sind auf der Suche nach ihrer Zukunft

Seit einigen Jahren werden die Geschäftsmodelle aller Medienhäuser, also von Verlagen, Zeitungen, Radio, Fernsehen und sogar dem Internet infrage gestellt. In der Medienwelt ist es mit Geldverdienen nicht mehr so einfach wie früher. Für viele (westdeutsche) Verlage z. B. bedeutete die Lizenz zur Herausgabe einer Zeitung fast, die Lizenz zum Gelddrucken zu besitzen. Dieses Geschäft kam das erste Mal durch das Kabelfernsehen, dann das Internet und zu guter Letzt auch noch durch den demographischen Wandel unter Druck, weil sich das Nutzungsverhalten der Leser, Zuschauer und Zuhörer stark veränderte. Das lukrative Anzeigen- und Werbegeschäft funktionierte nicht mehr wie vorher.

Viele Medienunternehmen versuchen deshalb fieberhaft, durch Veränderung ihrer Geschäftsmodelle das weggebrochene Anzeigengeschäft zu kompensieren. Neben ihren "Informationsprodukten" verkaufen sie nun allerlei andere Dinge, z. B. Wein und Reisen. Oder sie investieren in neue Abomodelle oder Bezahlschranken. Wieder andere sammeln Spenden. Ein weiterer Trend ist das Bedienen von Nischen oder Spezialinteressen.

Die Diskussion um neue "Tools" hat für mich, zumindest gefühlt, gerade den größten Anteil bei dieser Suche nach zukünftig erfolgreichen Geschäftsmodellen. "First online" zu sein und seine Medien "social" zu gestalten, scheint dabei der verheißungsvolle technologisierte Erfolgsweg: Man bindet Artikel automatisiert vor allem bei den großen Playern Facebook oder Google ein, Roboter schreiben Artikel, die visuell durch tolle Infografiken aufgehübscht werden, Algorithmen storyfizieren Tweets. Beim Lesen der aktuellen Posts bei Nieman scheint mir allerdings, dass die Technologie den Blick auf das Wesentliche vernebelt. Denn: Worum geht es denn beim Journalismus?

Medien engagieren Bürger

Mehrere Beiträge bei Nieman schreiben über "User Engagement". Aus meiner Sicht geht das in die richtige Richtung, sofern es dabei nicht um noch mehr Likes oder noch mehr Klicks oder noch mehr Aktivität auf der eigenen Plattform geht. Jeff Jarvis hat dies Ende 2012 in einem Beitrag gut zusammengefasst:
„Journalists should measure their success not by column inches or by page views but by results: whether we, the public, know what we want and need to know.” /1/
Es geht darum, eine relevante Zielgruppe informiert zu halten. Journalisten (und im gewissen Umfang auch Künstler und Autoren) beobachten gesellschaftliche Zustände und Strömungen und machen auf wichtige Entwicklungen und Themen aufmerksam. Sie informerieren darüber, indem sie zusammenfassen, bewerten und kommentieren. Doch Informieren in diesem Sinne reicht nicht mehr aus. Denn es gibt mittlerweile so viele Informationen, dass öffentlich schon zu "Informationsdiäten" aufgerufen wird./2/.

Warum informieren Journalisten die Bürger? Weil es wichtig ist, dass sich die Bürger für eine demokratische und pluralistische Gesellschaft engagieren, sich einmischen und mithelfen. Doch seien wir ehrlich: Bei vielen Nachrichten bleiben wir Bürger ratlos zurück: Was soll oder kann ich tun, um mich einzubringen? Hier ist Journalismus gefragt, denn er kann zeigen, welche Möglichkeiten sinnvollen Engagements es gibt. Journalisten sind hier allerdings einer gewissen Neutralität verpflichtet, also haben sie hier Möglichkeiten, aber auch Grenzen. Eine Zeitung ist schließlich keine Bürgerinitiative.

Medien als Engagement-Plattform

Die Zeitung war das Twitter des 18. Jahrhunderts. Und ja, heute existieren wie damals eine Fülle sehr neuer technischer Möglichkeiten, um Bürger auf wichtige Themen aufmerksam zu machen. Und auch heute ist es wieder an den (Medien-) Unternehmen, mehr sinnvolle und zielgerichtete Experimente zu machen: Wie lassen sich die verschiedenen Techniken für mehr Engagement nutzen? Hier ein paar Ideen:
  • Lokale Veranstaltungen bringen Politiker und Bürger mit verschiedenen Standpunkten zu einem Thema zusammen.
  • Die gedruckte Wochenendausgabe oder Wochenzeitung (oder digitale Dossiers) als Long-Read für Hintergründe.
  • In Live-Blogs wird von Ereignissen berichtet, damit mehr Bürger teilnehmen können.
  • Spezielle Apps machen auf die wichtigen politischen Veranstaltungen in der Stadt aufmerksam, damit man sich beteiligen kann.
  • Die elektronische "Zeitung von gestern" zeigt, was aus den Aufregern der Vergangenheit geworden ist und ob sich ein bestimmter Aufwand gelohnt hat.
  • Mit breit zugänglichen Big und Open Data sowie Analysetools können Anwender selbst (!) Zusammenhänge erforschen.
Wesentlich und wichtig bei all diesen und auch den anderen denkbaren journalistischen Projekten ist, dass sie nicht nur das User Engagement ermöglichen, sondern auch fördern. Bei aller nachvollziehbarer Lust zur Spielerei, dafür ist Technologie allerdings nur: Mittel zum Zweck.

Wenn Medien uns dabei helfen, engagierte Bürger zu sein, sind ihre Inhalte viel Geld wert.

Anmerkungen


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