Montag, 14. September 2015

Verstehen wir, was wir sehen?

Es gibt Dinge, die wir nicht verstehen, obwohl wir direkt davor stehen und sie sehen. Das ist ein viel größeres Hindernis für Veränderungen als der direkte Widerstand. Dem kann man nämlich argumentativ begegnen. Aber im ersten Fall helfen Argumente nicht. Oft ist es gut, wenn man solch ein Sitation selbst erlebt. Genau das ist mir letztens passiert.

Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Sie sind dabei, sich die zweite Staffel Ihrer Lieblingsserie anzusehen. Sie fiebern mit den Protagonisten mit. Ein lieber Mensch sieht sich zusammen mit Ihnen diese Folge an. Aber er kennt die Serie gar nicht. Er stellt dauernd Fragen, warum dies und jenes wichtig ist. Jetzt sind Sie in der Zwickmühle. Einerseits wollen Sie die spannende Szene weitersehen und andererseits müssen Sie viel erklären, damit der andere "reinkommt".

Genau so ist es oft, wenn Sie in der Firma von einer Sache begeistert sind. Ich bin zum Beispiel von Scrum und Selbstorganisation begeistert. Ich will am liebsten loslegen, weitermachen, was bewegen. Dann kommt jemand, der "die erste Staffel noch nicht gesehen hat". Der kann der Situation, in der ich mich gerade befinde, gar nichts abgewinnen. Es hilft nichts; ich muss jetzt erst einmal auf "Pause" drücken und erzählen, was bisher passiert ist. Sonst hat der andere keine Chance.

Jan fällt ins Wasser

Aber selbst wenn ich viel rede, bedeutet das noch nicht, dass er auch versteht, was ich da sage. Das ist mir letztens passiert. Ich war mit meinem Sohn Wasserski fahren. Im Wartebereich lief ein Video, das uns mit den grundsätzlichen Regeln vertraut machte. Eine wichtige Regel war, dass man in den Kurven durch ein auf dem Wasser markiertes Tor fahren muss.

OK, habe ich verstanden. Ich muss durch das Tor. Aber auf dem Wasser war das ganz anders. Ich hatte keine Ahnung, wie ich durch diese Tore sollte. Naja, fahre ich erstmal dran vorbei und versuche es später. Platsch, da lag ich schon im Wasser. Das gleiche in der nächsten Runde.

Was war das Problem? Eine Wasserski-Bahn ist wie eine Seilbahn, die im Kreis fährt. Damit das geht, braucht man mehrere Rollen, um die Seile laufen. Das Seil, das mich gezogen hat, wird an jeder Rolle auf den nächsten Teil der Seilbahn umgesetzt. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über die Wasserski-Bahn.
Abbildung 1: Schema einer Wasserski-Bahn
Durch den Rollenwechsel in den Kurven ändert sich auch der Zug und die Zugrichtung. Wenn man durch die Tore fährt, ist der Unterschied gering. Wenn man nicht durch die Tore fährt, ist der Unterschied so stark, dass man sich nicht mehr auf den Ski halten kann.

Durch die Tore fahren, war also keine Sicherheitsregel, sondern etwas, das mir das Fahren erleichtert. Obwohl ich das Video am Anfang gesehen hatte, hatte ich es nicht verstanden. Erst als ich mich ein paar Mal hingelegt hatte, begann ich zu lernen. Mir fehlten die wichtigen Begriffe "Zug" bzw. "Änderung im Zug".

Als ich es verstanden hatte, war es kein Problem mehr, vier Runden am Stück auf der Bahn zu drehen (siehe Abb. 2).
Abbildung 2: Jan fährt Wasserski

(Den Muskelkater im Brustbereich in den Tagen danach verschweige ich einfach mal). Der Nachmittag hat dann noch viel Spass gemacht. Und mich wieder eine gute Portion Demut gelehrt.

Tore gibt es immer wieder

Wenn es um Veränderungen im Betrieb geht (z.B. um die Einführung von Scrum oder von einer gemeinsamen Ablage), besteht immer das Risiko, dass andere die Tore nicht verstehen, die die neue Arbeitsweise aufstellt. Sie sind nicht da, um Regelkonformität zu gewährleisten, sondern um die Benutzung zu erleichtern. Doch selbst wenn man das erklärt, heißt das noch nicht, dass andere das verstehen.

Mehr reden hilft in dieser Situation nicht. Besser ist es, Übungssituation zu ermöglichen und auch, aus Anfangsfehlern lernen zu können. Mit Spielen geht das besonders gut. Sie können bestimmte Situationen auf das Wesentliche reduzieren und wichtige Begriffe sichtbar machen. Bei TastyCupcakes gibt es viele Anregungen.

Wenn Sie die Person sind, die Spiele auswählt, ist es gut, wenn Sie sich vor jeder Auswahl überlegen, welche Begriffe eigentlich wichtig sind und im Spiel erlebt werden sollen. Bei Scrum ist der Begriff Unsicherheit sehr wichtig. Das Spiel Lean Startup Snowflakes /2/ zeigt den Mitspielern, dass man trotz unsicherer Ausgangslage gute Ergebnisse produzieren kann. Unsicherheit ist also nichts Schlechtes. Man muss nur anders als üblich mit ihr umgehen.

Am besten gefallen mir Spiele, bei denen das Team die gleiche Situation mehrfach durchspielen und irgendetwas messen. Von Runde zu Runde wird etwas geändert. Dann sehen alle Mitspieler die Auswirkung.

So, jetzt sehe ich mir die die nächste Folge der zweiten Staffel meiner aktuellen Liebslingsserie an. Bin gespannt, was Mr. Reese heute erleben wird. ("Ach Herrje, ich habe ja noch seinen Hund.")

Anmerkungen

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