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Was kann eine Konferenz wie das freiräume.camp #frrm15 leisten? (Eröffnungsrede)

Am 29. und 30. Mai 2015 fand das erste freiraum.camp in Hannover statt. Das war für uns vom Vorbereitungsteam ein Experiment. Wir wollten wissen, ob wir den Umgang und die Ideen, die wir bei Scrum schätzen gelernt haben, auch außerhalb der IT populär machen können. Das Experiment war ein Erfolg. Für mich (Jan) wären 30 Besucher eine Bestätigung und 60 Besucher ein großer Erfolg gewesen. Wir haben 110 Tickets verkauft. Yeah! Wenn man sich dann trifft, welchen Beitrag kann solch eine Konferenz eigentlich leisten? Hier ist ein Auszug aus unserer Eröffnungsrede.

Wir wissen nicht, wie groß die Krise in Europa heute ist. Was wir sehen, ist, dass sich viele Unternehmen anders organisieren, als wir es in den 1990er Jahren gelernt haben. In dieser Konferenz wollen wir Euch Einblicke in dieses #NewWork oder Arbeiten auf Augenhöhe geben. Dazu haben wir einen kleinen virtuellen Reiseführer zusammengestellt.

1. Station der Schreibtisch von Ben Kuiken

Ben Kuiken ist Managementphilosoph und Journalist und wohnt in den Niederlanden. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Ende des klassischen Managements und neuen Organisationsformen. An seinem Schreibtisch entstehen seine Bücher über wie „De laatste manager“ /1/ oder „Fuck de regels“ /2/.



Während viele Bücher Beispiele aus der Praxis zeigen, arbeitet Ben auch die kulturellen Hintergründe auf und zeigt, dass wir eigentlich eine ganz lange Tradition von selbst-organisiertem Arbeiten haben, die in Vergessenheit geraten ist.

In seinem neusten Buch „Eerste hulp bij nieuw organiseren” /3/ vergleicht er den Gesundheitszustand von Firmen mit dem von den Menschen der westlichen Welt. Wir sind zwar relativ gesund aber eigentlich nicht richtig fit. Wir bewegen uns zu wenig und essen zu viel.

Im übertragenen Sinne geht es vielen Unternehmen vergleichbar. Ben hat viele neu organisierte Unternehmen besucht. Schließlich fragte er sich, warum es denn nicht noch mehr solcher Unternehmen gibt. Seine Antwort: Solch eine Veränderung ist schwierig. Die anderen Arten von Zusammenarbeit und dem Treffen von Entscheidungen sind neu und unbekannt. Und das macht auch Arbeit. Das bringt uns zur zweiten Station.

2. Station: Das Wohnzimmer von Dark Horse

Dark Horse ist eine Agentur für Innovationsentwicklung in Berlin. Die Kollegen von Dark Horse beschreiben in dem Buch „Thank God it's Monday!“ /4/ wie sie ihre Firma gegründet und entwickelt haben.


Aus der Innensicht wird klar, warum ein Wandel in der Unternehmensführung so schwierig ist. Es geht oft um grundsätzliche Dinge, bei denen es auf den ersten Blick keine Wahrheit gibt. Die Kollegen berichten von ihren unterschiedlichen Versuchen zu Entscheidungen zu kommen, bis sie schließlich bei der Soziokratie gelandet sind.

Dark Horse hat sich ein Wohnzimmer eingerichtet. Fast jeder Gegenstand dort hat einen Sinn oder eine Bedeutung. Dark Horse hat sich immer wieder Zeit genommen, an der Kultur zu arbeiten, mit der alle gut zusammen leben, auskommen und arbeiten können.

Dark Horse ist wie gesagt kein Einzelfall. In Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt haben sich Unternehmen neu erfunden und sich neu organisiert. Einen guten Überblick darüber gibt Frederic Laloux in seinem Buch „Reinventing organizations“ /5/. Der ehemalige Berater von McKinsey listet systematisch die neuen Arbeitsweisen und Eigenschaften auf und ordnet diesen Unternehmen eine neue Kulturkategorie zu: Evolutionary Teal.


Bei so vielen neuen Ideen ist es gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten. Und das bringt uns zur letzten Station unseres kleinen Reiseführers.

3. Station: Unser eigener Kopf

Gunther Dueck hat ein Buch geschrieben, in dem er den Wahnsinn in großen Unternehmen sehr treffend beschreibt. Dafür hat er eine schöne Bezeichnung gefunden: „Schwarmdumm“ /6/, so blöd sind wir nur gemeinsam.

Wenn man die Rezensionen bei den Online-Buchhändlern und die Kritiken im Netz liest, merkt man, wie sehr er seinen Lesern aus dem Herzen spricht.

Aber nur wenigen ist die für mich entscheidende Stelle an Position 482 des E-Books aufgefallen:
 „Wenn man die Schwarmdummheit eindämmen oder verhindern will, dann ist eine gute angestrebte Gestalt unerlässlich, die jeder sehen und verstehen kann und die sich auch jeder wünscht, weil er sie sinnvoll findet.
Viele Unternehmen haben keine klare Gestalt mehr. Sie sind zu einem komplizierten Stückwerk von Strukturen, Regeln und widersprüchlichen Zielen geworden.

Die Unternehmen, die sich auf unserer Konferenz vorstellen, haben für sich eine klare Gestalt gefunden. Dark Horse hat sich an einem Kloster orientiert, in dem alle mitarbeiten, um gemeinsam von den Erträgen zu leben. Uwe Lübbermann von PREMIUM benutzt den Vergleich mit einer Wohngemeinschaft, in der der Wohnungsbesitzer davon abhängig ist, dass andere mit ihm in der Wohnung wohnen, weil er sich die Wohnung allein nicht leisten kann.

Der Vorteil einer Konferenz ist, die verschiedenen Vergleiche und Gestalten zu entdecken. Im Gespräch können wir neue Modelle ansprechen, herausarbeiten und erkennen. Wenn ich meine Firma von der Struktur her mit einem Kloster vergleiche, passt es einfach nicht ins Bild, wenn alle bis zum Umfallen arbeiten. Ich weiß, dass ich als Chef bei der nächsten Ernte allein da stehe. Es ist in meinem eigenen Interesse, dass wir alle achtsam miteinander umgehen.

Wir fordern alle Sprecher und Besucher auf, bewusst auf Vergleiche und Analogien zu achten. Das können die eigenen Vergleiche sein, die vielleicht jetzt erst auffallen. Das können auch die Bilder der anderen sein. Vielleicht werden die Gestalten direkt genannt. Vielleicht fallen sie aber auch nur in einem Nebensatz. Wo unterscheiden sich die Gestalten? Wo sind sie gleich? Das ist der Beitrag, den diese Konferenz leisten kann, weil so viele Leute zusammen kommen.

Stückwerk haben wir schon. Nun liegt es an uns, daraus konsistente Bilder, konsistente Geschichte zu formen, mit denen wir unsere Zukunft gestalten wollen.

Die Änderungen im Menschenbild, die Orientierung am Ergebnis (und nicht am Status der Führung), das freiwillige Mitarbeiten und schließlich eine gute Ausbildung sind die Grundlagen für eine gute vitale Organisation.

Anmerkungen


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