Freitag, 4. April 2014

Muss ich mich an Regeln von Methoden halten?

Ein beliebtes Diskussionsthema bei Prozessänderungen ist die Frage, ob man sich wirklich an alle Regeln der vereinbarten Methoden halten muss. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich denke, dass es im Zweifelsfall einfacher ist, wenn Teams es tun.


Kennen Sie Aberscrum (engl. Scrum but): "Wir machen Scrum, aber wir machen keine Retrospektiven und planen nicht." Kennen Sie PINO? PRINCE2 in name only: "Unsere Projektmanager sind zertifiziert, aber wir brauchen keine Beschreibungen der Ergebnisse und eine keine Phasenplanung."

Ich sehe Aberscrum, PINOs und sonstige halbherzige Prozessänderungen immer wieder in Teams. Einerseits denke ich, dass jede Methode immer erst einmal ein Werkzeugkoffer ist, aus dem sich Teams bedienen können. Keine Methode ist ein Allheilmittel. Es ist auch völlig verständlich, dass man mit den Teilen startet, den man gut versteht. Zudem ist das Anpassen ("Tailoring") von Methoden eine Kunst für sich, die man ebenfalls lernen muss.

Denken wir auf der anderen Seite mal weiter. Haben Sie schon von Aberschach ("Wir spielen Schach, aber wir setzen die Türme wie Damen ein.") oder von FINO (Football in name only - Wir spielen Fussball, aber jeder bekommt einen Ball) gehört? Ich eigentlich nicht. Beim Schachspielen ist es für uns ganz klar, dass wir uns selbst Zeit geben, bis wir sicher in den Regeln sind.

Der Spass beim Schachspielen mit anderen kommt erst, wenn man alle Regeln einhält (und am besten nicht verliert). Und das gilt aus meiner Sicht auch für das Umsetzen von Methoden. Der Nutzen entsteht erst, wenn alle Betroffenen alle Regeln einhalten. 

Beispiel: Bei Scrum sollen die Teams den Aufwand in sog. Story Points schätzen und notieren, wie viele Punkte sie in einer bestimmten Zeit schaffen. Nur wenn sie das tun, sehen sie, wie sie sich verbessern. Wenn sie es nicht tun, können sie nicht sehen, dass sie besser werden. Das Nicht-Sehen führt immer wieder zu Diskussionen über Scrum-Praktiken: Müssen wir denn gemeinsam planen? Brauchen wir einen Scrum Master? usw.

Ich finde solche Diskussionen berechtigt. Aber sie bringen leider nichts, weil alle Meinungen richtig sind. Letztendlich muss doch jede Prozessänderung zeigen, dass sich das Team verbessert. Deshalb brauchen Teams für sich Messpunkte. Bei Scrum mag es die Abarbeitungsgeschwindigkeit sein, bei PRINCE2 das Abliefern von definierten Ergebnissen und weniger Streit sein, bei Kanban der Durchsatz und bei Change Management weniger Überstunden und weniger Fehler sein.

Jede Prozessänderung, jedes Einhalten von Praktiken ist ein Experiment darüber, ob sich etwas verbessert. Es geht also nie um das Einführen und Umsetzen von PRINCE2, Scrum, Kanban o. ä. Es geht immer nur um die Frage, wie PRINCE2, Scrum, Kanban o. ä. Teams dabei helfen, besser zu werden. Erfahrungsgemäß ist der Verbesserungseffekt sehr viel größer, wenn man die Methoden dann komplett umsetzt und nicht nach den Basisänderungen aufhört.

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