Direkt zum Hauptbereich

Muss ich mich an Regeln von Methoden halten?

Ein beliebtes Diskussionsthema bei Prozessänderungen ist die Frage, ob man sich wirklich an alle Regeln der vereinbarten Methoden halten muss. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich denke, dass es im Zweifelsfall einfacher ist, wenn Teams es tun.


Kennen Sie Aberscrum (engl. Scrum but): "Wir machen Scrum, aber wir machen keine Retrospektiven und planen nicht." Kennen Sie PINO? PRINCE2 in name only: "Unsere Projektmanager sind zertifiziert, aber wir brauchen keine Beschreibungen der Ergebnisse und eine keine Phasenplanung."

Ich sehe Aberscrum, PINOs und sonstige halbherzige Prozessänderungen immer wieder in Teams. Einerseits denke ich, dass jede Methode immer erst einmal ein Werkzeugkoffer ist, aus dem sich Teams bedienen können. Keine Methode ist ein Allheilmittel. Es ist auch völlig verständlich, dass man mit den Teilen startet, den man gut versteht. Zudem ist das Anpassen ("Tailoring") von Methoden eine Kunst für sich, die man ebenfalls lernen muss.

Denken wir auf der anderen Seite mal weiter. Haben Sie schon von Aberschach ("Wir spielen Schach, aber wir setzen die Türme wie Damen ein.") oder von FINO (Football in name only - Wir spielen Fussball, aber jeder bekommt einen Ball) gehört? Ich eigentlich nicht. Beim Schachspielen ist es für uns ganz klar, dass wir uns selbst Zeit geben, bis wir sicher in den Regeln sind.

Der Spass beim Schachspielen mit anderen kommt erst, wenn man alle Regeln einhält (und am besten nicht verliert). Und das gilt aus meiner Sicht auch für das Umsetzen von Methoden. Der Nutzen entsteht erst, wenn alle Betroffenen alle Regeln einhalten. 

Beispiel: Bei Scrum sollen die Teams den Aufwand in sog. Story Points schätzen und notieren, wie viele Punkte sie in einer bestimmten Zeit schaffen. Nur wenn sie das tun, sehen sie, wie sie sich verbessern. Wenn sie es nicht tun, können sie nicht sehen, dass sie besser werden. Das Nicht-Sehen führt immer wieder zu Diskussionen über Scrum-Praktiken: Müssen wir denn gemeinsam planen? Brauchen wir einen Scrum Master? usw.

Ich finde solche Diskussionen berechtigt. Aber sie bringen leider nichts, weil alle Meinungen richtig sind. Letztendlich muss doch jede Prozessänderung zeigen, dass sich das Team verbessert. Deshalb brauchen Teams für sich Messpunkte. Bei Scrum mag es die Abarbeitungsgeschwindigkeit sein, bei PRINCE2 das Abliefern von definierten Ergebnissen und weniger Streit sein, bei Kanban der Durchsatz und bei Change Management weniger Überstunden und weniger Fehler sein.

Jede Prozessänderung, jedes Einhalten von Praktiken ist ein Experiment darüber, ob sich etwas verbessert. Es geht also nie um das Einführen und Umsetzen von PRINCE2, Scrum, Kanban o. ä. Es geht immer nur um die Frage, wie PRINCE2, Scrum, Kanban o. ä. Teams dabei helfen, besser zu werden. Erfahrungsgemäß ist der Verbesserungseffekt sehr viel größer, wenn man die Methoden dann komplett umsetzt und nicht nach den Basisänderungen aufhört.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Warum du als Führungskraft klügere Mitarbeiter einstellen solltest (und Mikromanagement dein größter Fehler ist)

Es ist einer der am häufigsten zitierten Führungsratschläge: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du. Und einer der am seltensten wirklich befolgten. Warum? Weil er sich leichter sagt, als er sich anfühlt.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Unternehmenskultur frisst Agilität zum Frühstück

Zyklische Abfolgen sind an vielen Stellen im Leben beobachtbar: Wiederkehrende vier Jahreszeiten, alte Songs, die plötzlich als Cover-Versionen wieder auf den Markt kommen (Jugendliche identifizieren diese dann als "Grundform", denn sie kennen das Original nicht), erst Karottenjeans, dann wieder Hosen mit Schlag, dann wieder Karotte, in der Politik Republikaner, Demokrat, Republikaner, Demokrat..., Hardliner-Papst, Vermittler-Papst... - alles kommt in regelmäßigen Abständen wieder. So auch die Erkenntnis, was man alles tun müsste, um in Unternehmen wirklich agil arbeiten zu können. Warum aber gelingt die Installation agiler Zusammenarbeit in größeren Unternehmen bis heute so wenig zufriedenstellend? Werden dabei vielleicht Aspekte immer noch zu wenig gesehen?

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Coaching- und Führungsframeworks im Überblick: 21 Linsen für Teams und Organisationen

Gute Scrum Master:innen und Coaches betrachten das Geschehen durch mehr als eine Brille oder Linse. Jede Linse gibt andere Hinweise für angemessene Interventionen. Im Prinzip suchen wir immer nach der kleinsten Intervention mit der größten Wirkung. Aber welche Linsen gibt es eigenlich? In diesem längeren Beitrag stelle ich die wichtigsten 21 Konzepte von 37 Autor:innen vor, die mir bei der Recherche begegnet sind.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Warum Veränderungsinitiativen scheitern - und wie Du veränderungsresistente Strukturen knackst

[TL;DR] Viele Veränderungsinitiativen stossen auf harten Widerstand - nicht weil die Idee der Veränderung oder das Zielbild schlecht ist, sondern weil Organisationen wie Tensegrity-Strukturen funktionieren: hochgradig vernetzt, unter Spannung, systemisch. Wer das versteht, geht Veränderung anders an. Hast Du schon mal von Tensegrity Strukturen gehört? Nimm Dir doch mal kurz Zeit und schau Dir das Video an. Dann hast Du's sofort im Kopf. Und wenn Du die 58 Sekunden nicht hast und lieber weiterliest: Tensegrity-Strukturen sind faszinierende Gebilde aus schwebenden Stäben und Seilen, bei denen sich kein Stab direkt berührt - und trotzdem hält das ganze Ding sehr resilient gegen Störungen zusammen. Ich bin Tensegrity-Strukturen zuerst in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet - in der Trainingslehre. Der menschliche Körper wird nämlich von einer solchen Struktur aus Zug und Druck - Muskeln, Faszien, Sehnen - permanent im Gleichgewicht gehalten. Das Elegante daran: Stabilität entsteh...

Office-Hacks - Sammlung Teil 2: OneNote und PowerPoint

Immer wieder werde ich nach speziellen Hacks, Tipps und Tricks gefragt, die einem die Arbeit mit MS-Office-Produkten erleichtern. Also habe ich eine zeitlose Sammlung von kleinen Handgriffen zusammengestellt, die in meinen Seminaren oft für erhellende AHA-Momente sorgen. Dies ist der zweite Teil meiner kleinen Serie mit OneNote und  PowerPoint. Der erste Teil hat Outlook und Teams behandelt;  Word, und Excel werden folgen.

High Performance Teams: 10 Prinzipien, die Spitzenteams von innen heraus stark machen

Manche Teams liefern konstant Spitzenleistung, nicht weil sie aus lauter Ausnahmetalenten bestehen, sondern weil sie Prinzipien verinnerlicht haben und danach arbeiten. Sie finden schneller gemeinsame Richtung, erholen sich als Einheit von Rückschlägen und wachsen an Herausforderungen, anstatt an ihnen zu zerbrechen. Was steckt dahinter? Kein Geheimrezept, sondern eine Handvoll Prinzipien, die High Performance Teams konsequent leben: im Umgang miteinander, in der Art wie sie lernen, Entscheidungen treffen und mit Druck umgehen. Die folgenden zehn Prinzipien dienen als Orientierung für Teams, die nicht nur irgendwie gut funktionieren wollen, sondern wirklich gemeinsam stark sein wollen.