Ein neuer Ratgeber für gestresste Unternehmerinnen und Unternehmer ist erschienen. Bietet er wirklich nützliche Antworten auf ein bekanntes Problem? Ich denke, ja.
Wenn der Unternehmer zum Engpass wird
Bernd Geropp hat ein neues Buch geschrieben. Sein Thema: Was ist, wenn Unternehmer:innen selbst zum Engpass in ihrer Firma werden? Trotz guter Leute landen alle wichtigen Entscheidungen dann doch auf dem Tisch des Unternehmers oder der Unternehmerin. Wie kann das sein?
Bernd bietet hier eine Antwort, die mich überzeugt hat. In seinem Buch erklärt er zunächst, warum einzelne Initiativen (ein Coaching hier, eine neue Methode dort) nicht nachhaltig sind. Er beschreibt fünf Ebenen wie die Schichten einer Pyramide. Erst, wenn eine Ebene tragfähig ist, wird an der nächsten Ebene gearbeitet.
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| Cover vom Buch "Struktur schlägt Heldentum" |
Wir schauen uns das gleich genauer an. Ich habe Bernd gefragt, warum das Buch jetzt herausgekommen ist. Hier ist seine Antwort:
Im November 2025 war ich auf einer Leadership-Konferenz in Cambridge. Mir fiel dort auf, dass praktisch alle Speaker ihre Erfahrungen und ihr Wissen anhand eines eigenen Frameworks erklärten. Da wurde mir bewusst: So etwas habe ich eigentlich gar nicht. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Unternehmern und Führungskräften und weiß ziemlich genau, wo ich ansetze. Vieles davon machte ich bis dahin allerdings intuitiv und aus dem Bauch heraus.
Über die Weihnachtstage habe ich mich deshalb hingesetzt und mir eine einfache Frage gestellt: Wie arbeite ich eigentlich wirklich mit meinen Klienten? Ich habe versucht, mein Vorgehen einmal systematisch auseinanderzunehmen. Dabei habe ich festgestellt, dass sich meine Arbeit tatsächlich einem klaren Muster zuordnen lässt. Daraus entstand mein 5-Ebenen-Modell.
Und dann dachte ich: Wenn mir dieses Modell hilft, die Zusammenhänge klarer zu sehen, könnte es auch anderen Unternehmern helfen. Das war letztlich der Ausgangspunkt für „Struktur schlägt Heldentum“.
Das Nachdenken und Fragenstellen hat sich aus meiner Sicht gelohnt.
Was erwarte ich von einem Buch für Unternehmer?
Zur Information: Bernd hat mir das Buch vorab als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hatte aber keinen Einfluss auf meine Bewertung.
Ich bin generell sehr kritisch mit Managementratgebern. Gerade Bücher von deutschen Autoren finde ich oft sehr dünn. Wenig Substanz, Banalitäten, keine Referenz auf die Forschung. Oft und gerade bei selbstverlegten Büchern ist der Text schwer lesbar. (Über das Prüfen von Texten habe ich in diesem Blog ja schon öfter geschrieben.)
Ich erwarte von einem Ratgeber folgende Punkte: klare Zielgruppe, klare Benennung des Problems, eine frische Antwort auf ein bekanntes Problem, eine schlüssige Argumentation, Benennung der Quellen sowie einen gut lesbaren Text.
Schauen wir uns an, wie das Buch hier abschneidet.
Unternehmer müssen dranbleiben
Man merkt dem Autor seine Liebe zu seinen Kunden an. Er ist begeistert von ihren Produkten und den Menschen. Und deswegen wundert es ihn, woher in vielen mittelständischen Unternehmen Probleme im Vertrieb, mit den Kunden und mit den Mitarbeitern kommen. In jedem Abschnitt gibt es immer wieder anonymisierte Beispiele von Kunden, bei denen etwas nicht klappte. Diese kleinen Einschübe machen das zuvor Erklärte einprägsam.
Jeder Unternehmer, jede Unternehmerin im Mittelstand profitiert von diesem Buch. Immer wieder führt der Autor seine Ausführungen auf eine Frage zurück: "Was ist wenn Sie als Unternehmer:in für zwei Wochen ausfallen? Funktioniert der Laden dann noch?"
Es reicht halt nicht, dass man es seinen Mitarbeitern schon hundertmal gesagt hat oder dass man irgendein neues System implementiert habe.
Bernd hat sein Buch in drei Teile gegliedert:
- Teil 1 beschreibt das Problem. Es geht um den Unternehmer als Engpass und darum, dass Führung kein Persönlichkeitsproblem ist. Führung braucht mehr Struktur, als den Lenker:innen eines Unternehmens bewusst ist. Das ist eine gute Nachricht. Strukturen kann man schnell schaffen und ändern. Eine Persönlichkeitsänderung dauert Jahre, wenn das überhaupt möglich ist.
- Teil 2 stellt die fünf Ebenen unternehmerischer Führung vor. Die erste und unterste Ebene ist die Selbstführung. Wie soll jemand Klarheit bei seinen Mitarbeitern erwarten, wenn er selbst nicht weiß, was er will? Das ist ein guter Einstieg. Erst auf der fünften Ebene steht die Mitarbeiterführung. Wer Mitarbeiter gut führen will, sollte vorher ein paar grundlegende Dinge geklärt haben: Wie positionieren wir uns als Unternehmen überhaupt? Wen wollen wir als Kunden haben und welchen konkreten Nutzen können wir ihnen bieten? Wofür machen wir das überhaupt, abgesehen davon, dass auch Geld hereinkommen muss? Welche Meetings und welche Regeln brauchen wir? Wo sollte der Unternehmer dabei sein und wo nicht?
- Teil 3 fordert realistische Erwartungen an die Umsetzung. Es dauert Zeit. Aber nicht anzufangen macht alles noch viel aufwendiger. Natürlich wird man scheitern. Aber das gehört dazu.
Dranbleiben ist doch eine Unternehmertugend, oder?
Was mir am Buch gefallen hat
Mir gefällt die Antwort auf die Probleme in vielen Unternehmen. Klarheit entsteht nicht durch eine einzelne Aktion, sondern durch das Zusammenspiel von Selbstführung, Positionierung, Vision, Strukturen und Mitarbeiterführung.
Immer wieder weist der Autor darauf hin, dass Dinge gelebt werden müssen. Nur eine Vision, die allen bekannt ist und die als Entscheidungshilfe im Alltag genutzt wird, ist eine gute Vision. Oder: Fangt mit der Dokumentation von den Prozessen an, die kritisch sind, wenn jemand ausfällt. Dokumentiert für die Mitarbeiter, nicht für den Qualitätsauditor.
In jedem Kapitel gibt es gute Fragen, die zum Nachdenken anregen. An einer Stelle fragt Bernd danach, ob man sein Unternehmen auch so führen würde, wie man es gerade tut, wenn man es in ein paar Jahren verkaufen wolle.
Aber es bleibt nicht nur bei den Fragen. An vielen Stellen gibt der Autor auch Hilfe dazu, wie man zu einer Antwort kommt. Beim Formulieren einer Vision gibt er den Tipp, einmal daran zu denken, was Kunden, Mitarbeiter und der Unternehmer selbst davon haben, dass es dieses Unternehmen gibt. Ich finde das deutlich praxisorientierter, als ich es an anderen Stellen gelesen habe. Das dürfte vielen Unternehmern gefallen.
Bernd gibt Hinweise zu den Zeitmengen, die ein Unternehmer sich pro Tag, Woche und Jahr nehmen sollte, um über sein Unternehmen nachzudenken und um nächste Schritte zu planen. Das sind gute Richtwerte für den Start. Sein Eskalationsstufenplan ist praxisorientiert.
Auch wenn die fünf Ebenen seines Modells sich gegenseitig beeinflussen, kann man jede Ebene fokussiert angehen und zum Abschluss bringen. So kann man selbst gut damit arbeiten. Zum Buch gibt es übrigens ein ausführliches Arbeitsheft als Download.
Die Leser:innen bekommen hier übrigens wertvolle Tipps zu unterschiedlichen Bereichen in einem Buch, die sie sich sonst aus verschiedenen Quellen zusammensuchen müssten.
Wer sollte das Buch lesen?
Bernd fasst es am Anfang zusammen: Unternehmer im deutschsprachigen Raum, typischerweise mit zehn bis hundert Mitarbeitern. Die Branche spielt keine Rolle. Aber erleben alle das gleiche Phänomen: Auch wenn der Laden oberflächlich läuft, hängt alles am Unternehmer/ an der Unternehmerin. Das Buch ist ein praktischer Leitfaden, zunächst zur Selbsterkundung für mehr Klarheit und dann für den schrittweisen Rückzug aus dem Engpass. (Für sie bietet das Buch auch einen guten Einblick in die Beratungsarbeit des Autors.)
Beraterinnen und Berater auch aus anderen Branchen profitieren ebenfalls davon. Sie können sich selbst Fragen stellen: Was muss bei meinen Kunden zusammen betrachtet werden, damit Veränderungen nachhaltig sind? Wie kann ich die wichtigen Dinge einfacher erklären? Und wie kann ich meinen Kunden helfen, prägnante Antworten zu finden?
Das Buch passt gut zu den Büchern von Peter Drucker (The Effective Executive), Fredmund Malik (Führen Leisten Leben) und Michael Watkins (Die entscheidenden 90 Tage). Aber wo diese Autoren aufgrund der Breite des Themas und der Bevorzugung für Konzerne an der Oberfläche bleiben (müssen), bietet "Struktur schlägt Heldentum" konkrete Antworten, die sich sofort umsetzen lassen.
Wo es vielleicht Kritik gibt
Der Autor spricht eine deutliche Sprache. Manchen könnte das vielleicht zu deutlich sein. Manche wünschen sich vielleicht mehr Spielraum bei Umsetzung. Das steht natürlich jedem frei. Aber der Autor warnt davor, Dinge halbherzig anzugehen. Deshalb macht das Buch klare Ansagen.
Ich selbst habe zunächst ein paar Quellen vermisst. Worauf gründet sich die eine oder andere Empfehlung? Aber die wichtigsten Bücher werden am Ende auch erwähnt. Viele Empfehlungen kommen aus der Arbeitspraxis des Autors. Sie sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie sind aus meiner Sicht ausreichend gut begründet. Damit bin ich zufrieden.
Also, klare Lese- und Arbeitsempfehlung für Unternehmerinnen und Unternehmer, die gemerkt haben, dass sie selbst vielleicht zum Engpass geworden sind, und die daran arbeiten wollen.
Das Buch hat 385 Seiten. Es ist im Eigenverlag von Bernd Geropp erschienen. Die gedruckte Ausgabe kostet 39,90 EUR. Offizieller Erscheinungstermin ist der 2. November 2026.

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