Neurodivergente Menschen verarbeiten Information anders als die meisten anderen Menschen. Das wirkt sich natürlich auch auf das Arbeitsleben aus. Als "Normalo" findet man immer wieder Themen, von denen man noch nie gehört hat und die im Nachhinein als Erklärung für beobachtetes, damals unverstandenes Verhalten anderer dienen könnten. Sie könnten aber auch, sofern sie bekannt sind, dazu beitragen, dass Teamwork und sogar das gesamte soziale Leben in Zukunft noch besser gelingen.
Hat das was mit dem Management zu tun?
In unseren Zeiten wird immer wieder gerne das sogenannte "Management Bashing" gemacht. Nicht selten findet es wahrscheinlich auch in den Zirkeln enttäuschter agiler Coaches und Scrum Master statt, deren Arbeit der letzten Jahre (bzw. das, was davon überhaupt Traktion entwickelte) in verschiedensten Konzernen gerade wieder zurückgerollt wird. Auch der Begriff "Exekutive Dysfunktion" scheint in diese Richtung zu deuten. "Ah, da geht es wieder mal um unfähiges Management, das nicht ordentlich arbeitet..."
Wer meinen letzten Artikel im Teamworkblog gelesen hat, weiß, dass ich mich seit einiger Zeit für Neurodiversität interessiere. Vor wenigen Tagen stieß ich auf YouTube, einem meiner Weiterbildungskanäle (gefährlich natürlich auch wegen der drohenden Filterblase durch Auswahl bestimmter Themen und dadurch "Justierung des YouTube-Algorithmus", ich weiß), auf das Thema dieses Artikels.
Ich will aufräumen, sitze aber stattdessen nur herum
Betroffene berichten für neurotypische Ohren Unglaubliches, nämlich, dass sie nicht dazu in der Lage seien, vermeintlich einfache Aufträge auszuführen, nicht einmal dann, wenn sie sich selbst die Aufgaben gestellt haben, weil sie sie als notwendig oder richtig erkannt haben (siehe z. B. das Aufklärungsvideo eines selbst Betroffenen im YouTube-Kanal "InsideAut" mit hohen Aufrufzahlen und die darunter gesetzten Kommentare von Betroffenen /1/).
Ein plastisches Beispiel:
"Eines meiner größten Probleme ist Ordnung. (...) Vor geraumer Zeit beim erst anfänglichen Chaos war mal eine Freundin da, die fing dann an aufzuräumen. Ganz triviale Sachen wie Gewürze in einen Karton zusammengestellt und in der Küche platziert. Eigentlich total einfach, aber für mich erschien es wie unerreichbar. (...)." /1/
Wie zeigt sich eine Exekutive Dysfunktion nach außen?
"Typische klinische Verhaltensweisen bei Dysexekution sind:
- unflexible, stereotype , situationsinadäquate Verhaltensweisen
- unorganisiertes, zielloses Verhalten ohne Antizipation
- Perseverationsverhalten
- gestörtes Zusammenfügen von Teilhandlungen zum Erreichen eines Ziels
- gestörtes Abweichen von einem bereits eingeschlagenen Handlungsmuster bei Veränderung der Umstände
- gestörtes Umsetzen von bekannten Verhaltensweisen in tatsächliche Handlungen ("knowing-doing-Dissoziation")
- gestörtes Multitasking.
Die genannten Verhaltensdefizite treten häufig in neuen, unerwarteten Situationen auf." /2/
Da kann einem die Idee kommen, dass die Nicht-Umsetzung von tollen spontanen Änderungen (soll es in Unternehmenskontexten ja - wenn auch ultraselten - tatsächlich geben) oder neuen Konzepten durch Personen bzw. Teammitglieder auf solche Ursachen zurückzuführen sein könnten und nicht auf eine "des war schon immer so"-Haltung oder passiv-aggressives Verhalten. "Neu" und "unerwartet" ist von "agiles Umfeld" (wenn es wirklich ein solches ist) in meinen Augen zudem auch nicht so weit entfernt...
Wie funktioniert das Hirn laut Standardplan?
Exekutive Funktionen im Gehirn sorgen dafür, dass Menschen sich Ziele setzen, Aufgaben planen, Entscheidungen treffen, ihre Aufmerksamkeit auf die geplanten Aufgaben fokussieren und ihre Impulse steuern können:"(...) Exekutivfunktionen sind Regulations- und Kontrollmechanismen, die zielorientiertes und situationsangepasstes Verhalten ermöglichen.(...)" /3/
Auf der Suche nach einer griffigen neurologisch basierten Erklärung der genannten Kontrollmechanismen konnte ich folgende Information finden: "(...) Eine topologische Zuordnung der exekutiven Dysfunktion zu einer Hirnregion ist nur teilweise möglich, vermutlich auch deshalb, weil die Exekutivfunktionen eine heterogene Gruppe kognitiver Funktionen sind und eher von neuronalen Netzwerken als von einzelnen Regionen gesteuert werden. (...)" /3/ Die genannte Quelle beschreibt außerdem ausführlich mögliche Ursachen für die Exekutive Dysfunktion: Neben Neurodivergenz kommen auch Schädigungen und Erkrankungen des Gehirns in Frage.
Soll ich mich bei der Teamleitung outen?
Ohne dafür einen wissenschaftlichen Beweis zu haben, vermute ich, dass Personen mit erworbenen Hirnschädigungen eher dazu bereit sind, ihrem Arbeitgeber von ihrer Besonderheit zu berichten als Personen, die von Geburt an anders beschaffen sind und denen man ihre mentale Besonderheit äußerlich auch nicht anmerkt - insbesondere dann nicht, wenn die Person versiert in Masking ist /4/.
Im Zusammenhang mit einem möglichen offenen Gespräch mit dem Arbeitgeber verweise ich auf eine in einem anderen Artikel von mir verwendete Quelle, die sich allerdings auf Österreich als Stichprobe bezieht: "20% der Menschen sind rein statistisch gesehen neurodivergent. Im Büro sind es 1 von 5 Personen, im C-Level sogar 2 von 5 Personen. 80% von diesen Betroffenen sagen, dass sie sich lieber verstellen. 95% von ihnen verschweigen ihre Diagnose im Job." /5/
Von "faulen" Teammitgliedern
Gibt es für die "faulen Teammitglieder" im eigenen Berufsleben vielleicht eine andere Erklärung? (Ich selbst habe, nebenbei bemerkt, bisher noch niemanden getroffen, der die oben beschriebenen Symptome erkennbar im Berufsleben zeigte, Prinzipal-Agent-Problematik hin oder her.)
Wir haben ja bereits weiter oben /1/ erfahren, dass Betroffene selbst unter ihrer angeborenen Besonderheit und der Fehleinschätzung durch das Umfeld ("faul", "zu dumm",...) leiden. Die Orte, an denen solche Menschen stranden, spezialisierte Praxen z. B., beschreiben gravierende psychische Folgen für die Betroffenen: "(...) Jahrelange Selbstvorwürfe: „Ich packe es nicht“ – eine Selbstattribuierung, die Depression und Angst erheblich begünstigt; Verkennung der exekutiven Grundproblematik; Interventionen, die auf Motivation und Willenskraft setzen – und dadurch das Selbstbild weiter beschädigen, weil sie nicht wirksam sind (...)" /6/ Mit exekutiver Grundproblematik ist die neurologische, also nicht willentlich beeinflussbare Ursache gemeint.
(Image-Bild mit Hilfe von KI erstellt)
Handlungsimpuls für die Coaching-Branche
Falls also einmal (wieder) jemand den Weg eines Coaches, Scrum Masters, Facilitators, Teamleiters (...) kreuzt und die weiter oben aufgelisteten Schwierigkeiten bei der Erledigung von Aufgaben zeigt, könnte es hilfreich sein, einfach mal in einem vertraulichen Gespräch nachzufragen, ob das beobachtbare Verhalten vielleicht an etwas anderem als Faulheit liegen könnte. Dafür ist eine vorher erarbeitete Vertrauensbasis mit der Person nützlich, wenn nicht sogar notwendig.
Im Netz gibt es zahlreiche Quellen, die dem wohlwollenden Coach oder der gutmeinenden Teamleiterin Tipps im Umgang mit Exekutiver Dysfunktion bei Untergebenen an die Hand geben, die sich in der Praxis bewährt haben (siehe z. B. /6/).
Mal wieder alter Wein in neuen Schläuchen
Auf den Seiten der Generali findet die geneigte Leserschaft in einem Interview mit Experte Florian Malicke wertvolle nicht spezifische Hinweise für das Zusammenarbeiten von allgemein neurodivergenten und neurotypischen Menschen: "Es braucht weniger Appelle und mehr Strukturarbeit. (...) Dazu gehören auch kurze, niedrigschwellige Feedbackschleifen. Also Führung, die regelmäßig kurz innehält, nachfragt und bei Bedarf nachjustiert, statt Irritationen lange liegen zu lassen. Entscheidend ist, mit Menschen zu reden, nicht über sie. Und bei Feedback zunächst bei der Beobachtung bleiben – was habe ich konkret wahrgenommen – statt sofort zu bewerten." /7/
Eigentlich wäre das für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut. Wie so oft haben wir es hier mit keiner neuen Erkenntnis zu tun. ("Bei der Beobachtung bleiben" etwa ist gutes und bewährtes Handwerkszeug für coachende Berufe.) In manchen individuellen Fällen ist möglicherweise das eingangs erwähnte Management Bashing angebracht.
Es scheint in vielen Unternehmen offenbar immer noch eine Exekutive Dysfunktion bei der Umsetzung der im obigen Absatz genannten Strukturarbeit zu geben...
Quellen
/1/ https://www.youtube.com/watch?v=7vy30XChwWA
/2/ https://flexikon.doccheck.com/de/Exekutive_Dysfunktion
/3/ https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/exekutive-dysfunktion
/4/ https://www.pharmazeutische-zeitung.de/nach-aussen-angepasst-innerlich-erschoepft-166618/
/5/ https://www.teamworkblog.de/2026/07/vom-geheimen-anderssein-in-deutschen.html
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