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Mit Open Space Technology eingerostete Strukturen aufbrechen

Keine Agenda. Keine Folien. Kein ausgewiesener Moderator. Und trotzdem löst eine Gruppe an einem Vormittag Konflikte, die monatelang festhingen. Klingt wie Wunschdenken. Ist aber Open Space Technology.

Open Space Technology / Options Place Logo
„15 Open Space Technology“ von Liberating Structures, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.

Ein kurzer Praxisbericht aus einem Münchner Unternehmen: Dort hat das Format nicht nur die Gräben zwischen Abteilungen sichtbar gemacht, sondern auch ermöglicht, was danach nötig war, damit sie nicht gleich wieder zugeschüttet werden.

Ein Freitagmorgen. Im Kreis sitzt eine bunte Truppe: Entwickler, Tester, Designer, Vertrieb, Buchhaltung und Führungskräfte. Weder Podium noch Folien oder Tagesordnung. Wir fangen trotzdem an.

Ich begleite das Unternehmen als Agile Coach. Schnell werden die ersten Probleme im Unternehmen sichtbar: Die Teams arbeiten nebeneinander statt miteinander. Silos sorgen für unnötige Reibung. In Meetings fallen immer wieder dieselben Sätze: "Nicht mein Thema." Oder: "Dafür bin ich nicht zuständig." Die Hierarchie, die das eigentlich auffangen sollte, verschärft es eher. Sie trennt, statt zu verbinden.

Die Agenda kommt von den Leuten, nicht von mir

Ich habe Open Space genutzt (ein Baustein aus Liberating Structures), um die Gräben überhaupt erst sichtbar zu machen. Es ist (eigentlich) ganz einfach: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmen selbst die Agenda und bringen die Themen ein, die ihnen wirklich am Herzen liegen.

Die Resonanz war eindeutig: 65 von rund 100 Kollegen sind der unverbindlichen Einladung gefolgt. Im "Marktplatz" schrieben sie ihre Themen auf Zettel und hängten sie an die Wand. Von kniffligen technischen Fragen über Projektideen bis zu alten, nie geklärten Organisationsproblemen war alles dabei. Danach bildeten sich Gruppen und sie legten los. Keine künstliche Struktur, kein Programm von oben. Bearbeitet wurde, was da war, von denen, die es betrifft, mit dem Wissen, das ohnehin im Raum steckte.

Digitalisierte Version des Ablaufs
Digitalisierte Version des Ablaufs

Vier Prinzipien und ein Gesetz

Open Space funktioniert über eine klare Haltung, nicht über ein dickes Regelwerk. Vier Prinzipien reichen:

  • Wer auch immer kommt, ist die richtige Person.
  • Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte.
  • Es beginnt, wenn die Zeit reif ist.
  • Vorbei ist vorbei – und wenn nicht, geht es weiter.

Dazu kommt das Gesetz der zwei Füße (auch Gesetz der Mobilität): Wer irgendwo sitzt, nichts lernt und nichts beiträgt, steht auf und geht. Ohne Drama. Das nimmt Druck raus und sorgt dafür, dass die Energie dahin wandert, wo sie gerade tatsächlich gebraucht wird.

Wie ernst das gemeint ist, zeigte sich im Kleinen: In einer Pause fragte mich die Geschäftsführerin: "Gilt das hier wirklich?" Ich nickte. Sie lächelte: "Dann brauche ich in den anderen Sessions nicht dabei zu sein. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse und komme zur Abschlussrunde zurück." Sie ging. Der Rest lief erstaunlich reibungslos weiter. Niemand wartete mehr auf "die Führung". Es wurde das bearbeitet was zu tun war.

Vom Reden zum Tun

Die Ergebnisse standen am Nachmittag auf Flipcharts, und man brauchte kein besonderes Gespür, um zu merken: Das hatte gesessen. Im Team kam sofort Erleichterung auf. Sätze wie "Darüber hätten wir sonst ewig diskutiert" fielen nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie stimmten. Einer brachte es trocken auf den Punkt: "Nach acht Jahren hier hätte ich nicht gedacht, dass wir so schnell vom Reden ins Tun kommen."

Aus dem ersten Anstoß ist mehr geworden. Open Space und andere Elemente aus Liberating Structures gehören heute zum Alltag – online wie vor Ort, mit sechs Leuten oder mit fünfundsiebzig. Die früheren Zweifler? Sind leise zu Fans geworden. Nicht wegen großer Versprechen, sondern wegen Tempo und Ergebnissen. Auch die anfängliche Unsicherheit („Darf ich hier wirklich einfach mitmachen?“) ist verschwunden.

Geholfen hat eine simple Leitfrage, die seitdem vor jedem Treffen steht: Hilft uns dieses Treffen, gemeinsam mehr Wert zu schaffen? Seitdem ist klarer, worum es überhaupt geht, und was man sich sparen kann.

Kein Wundermittel, aber ein guter Auslöser

Open Space löst keine Organisationsprobleme auf einen Schlag. Aber Silos geraten ins Wanken, und Respekt wächst, und das manchmal überraschend schnell. Ein Teilnehmer formulierte es so: "Die Kollegen aus der anderen Abteilung sind gar nicht so dumm, wie man mir erzählt hat."

Der Start war unspektakulär: ein Freitagmorgen. Und die Entscheidung, das Steuer denen zu überlassen, die vom Thema wirklich etwas verstehen. Für Führungskräfte, die den Eindruck haben, dass Meetings eher verwalten als vorankommen, ist das ein ungewohnt direkter Ansatz.

Kleiner Praxistipp am Rande: In den Liberating Structures taucht die Open-Space-Variante inzwischen auch unter neuem Namen auf: "Options Place".

Weitere Quellen




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