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Die Krankheit des Besser-Wissens! Drei powervolle Fragetechniken und eine Haltung zur Heilung.

Kennst Du das:

Du betrittst einen Raum und bist Teil einer Situation, hörst eine Problembeschreibung, siehst eine Aufgabe oder list eine Anfrage.

Auf jeden Fall weisst Du mit einem Blick, einem Satz, einem Augenzwinkern sofort Bescheid.

Du weisst:

  • um was es geht
  • was das Problem ist
  • wieso das passiert ist
  • was als Nächstes passiert
  • und oft auch was dann (nicht) zu tun ist

So wie mit dem Video hier:


Ziemlich klar oder? Was für Gedanken gehen Dir durch den Kopf?
Vielleicht sowas wie Oh weh!, Unfall!, gibts Verletzte? 
Oder Gehts denen gut? Wo ist das passiert? Viel Spass beim Flottmachen!
Etc, etc...
Auf jeden Fall aber: Was für ein Malheur! - oder irgend etwas Anderes in der Art.

oder?


Anderes Beispiel.


Schau Dir mal folgendes Bild an und les im Geiste die beiden Reihen vor:


A-B-C
12-13-14
oder?

Unser Geist beruft sich auf sein Wissen und gibt uns in sekundenschnelle seine Annahme, seine Interpretation, seine Projektion der Wirklichkeit ein.

Und die ist in dem Video oben nunmal ein verheerender Unfall - und auf dem Bild eine Buchstabenreihe gefolgt von einer Zahlenreihe.

Für uns ist das unsere Wahrnehmung der Welt, unsere Realität - und so auch (für uns) richtig.
Leider heisst das nicht, das unsere Interpretation der Realität auch stimmt.
Dem ist nämlich oft nicht so.

Viel zu oft fehlt uns - und unserem schnell denkenden Teil des Hirns (2) nämlich wichtiger Kontext.

So wie in dem Video unten - jetzt ein paar Sekunden länger:


und in die zweite Reihe in dem Bild hier


die eigentlich 12-B-14 lautet.
Das B und die 13 sind tatsächlich exakt das gleiche Symbol, unser Geist macht es nur einmal zu einem B und einmal zu einer 13 - basierend auf dem Kontext in dem wir es wahrnehmen.

Unser Hirn lädt also zum "Besser"-Wissen ein.

Und so ist das auch in unserem Alltag. Viel zu schnell bilden wir uns eine Meinung - und nicht nur das, wir offerieren auf unserer Meinung, unserer Interpretation dann auch Vorschläge, Ratschläge, gut gemeinte Handlungshinweise. Allzu oft teilen wir gerne freiwillig (und oft auch ungefragt) unser Wissen, wie es besser geht. Leider ist das alles oft nur für unseren Kontext sinnig und im aktuellen Kontext der aktuellen Situation wenig hilfreich.

Was tun, nun?

Auch wenn es schwerfällt, sich mit den eigenen Ratschlägen zurückzuhalten ist es aus meiner Sicht hilfreich, erstmal neugierig zu bleiben und Dinge (nochmal) zu hinterfragen - auch wenn sie scheinbar glasklar sind.

Lieber einmal mehr nach dem Wozu dahinter fragen
Dabei bietet es sich an, tatsächlich Wozu anstatt Warum zu fragen. Wozu das? Warum zielt in die Vergangenheit und lädt dazu ein, einen Schuldigen auszumachen und erzeugt daher eher Rechtfertigung und Abgrenzung als wirklich mehr Informationen über den Situationskontext.

Eine Wozu Frage zielt dagegen in die Zukunft und bietet die Möglichkeit das dahinterliegende Ziel, das Bedürfnis, den Wunsch hinter der Handlung offenzulegen. Ein in die Zukunft gerichtetes Wozu hilft dann auch eher, alternative Lösungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.

Auch Klärungsfragen, z.B. "Welche Art von <abstrakter Begriff> ist <abstrakter Begriff>?", helfen oft um abstrakte Begriffe greifbarer zu machen und mehr Informationen zu der Situation sichtbar zu machen.
Sehr einfach und oft sehr wirkungsvoll, weshalb man diese Frage im Clean Language Umfeld den Lazy Jedi Questions (3) zuordnet.

Auch öffnende Bitten, z.B. "Was kannst Du mir noch über <Begriff> erzählen” zielen in die gleiche Richtung: mehr Kontext, mehr Informationen sichtbar machen.

Schliesslich finde ich auch Ressourcenfragen hilfreich. Ressourcenfragen sind Fragen die auf Stärken, Potentiale und bereits Funktionierendes abzielen. "Was hat denn in der Vergangenheit schon funktioniert?" ist ein Beispiel für eine Ressourcenfrage.
Oft hilft es auch nach Ausnahmen zu fragen. "Wann war es denn schon mal besser/anders?"
Auch das gibt mehr Kontextinformationen und häufig auch direkt Lösungsimpulse.

Das Wichtige: Wir halten uns zunächst bewusst zurück und versuchen - trotz unseres Wissens und unserer Erfahrung - zunächst mehr Informationen zu sammeln bevor wir einen Ratschlag anbieten. All die Informationen und Lösungsimpulse kommen erstmal nicht von uns, sie kommen von den Personen, die mit uns in der Situation sind. 
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, das die Impulse der Personen um uns überraschend mehr Informationen zu der Situation beisteuern und daher auch besser zur Situation passen, als unser vorgegebener Ratschlag.

Man spricht hier von der Haltung des Nichtwissens. Im Englischen: (A Beginners Mind). Die Haltung des Nichtwissens drückt das Bedürfnis aus, mehr über das zu erfahren, was gesagt wurde, als vorgefasste Meinungen und Erwartungen über das Problem oder das was geändert werden sollte, zu vermitteln. 

Diese Haltung ermöglicht es uns also unvoreingenommener und bewusst neugierig zu bleiben und öffnet damit uns und der Situation in der wir uns befinden einen alternativen Lösungsraum. 

Um es mit den Worten von Shunryu Suzuki zu sagen:
In the minds of experts there are few possibilities. In the mind of the beginner there are many.

In diesem Sinne: viel Spass mit dem Experimentieren.

Lass mich gerne in den Kommentaren wissen, wo sich scheinbar klare Situationen durch die Haltung des Nichtwissens für Dich überraschend entwickelt haben!



Mehr zum Thema

(1) Lisa Feldman Barrett's Ted Talk wie der Geist Emotionen erzeugt:
(2) David Kahnemann's Buch Schnelles Denken, Langsames Denken
(3) Mehr zu den Lazy Jedy Questions der Clean Lanuage von den Freunden von §1



Kommentare

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