Direkt zum Hauptbereich

"Wollt Ihr die totale Konkurrenz?!" - Nein, danke. Ich will lieber Erfolg, ich will spielen!

Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern, um was es wirklich geht: Dass wir gemeinsam gestalten, spielen und auch gemeinsam gewinnen. Und was wir riskieren, wenn wir das ignorieren.    

Zeichnung vom Autor

“Du musst lernen, härter zu werden.” Das war der Tipp einer wohlmeinenden Kollegin in einem meiner letzten angestellten Jobs. Vermutlich hatte sie sogar recht. Zumindest für die Firma, für die ich damals arbeitete. Ich wollte (und konnte) aber nicht härter werden. Ich wollte nur meinen Job gut erledigen. 

Denn das macht mir am meisten Spaß. Ich liebe es, mich Herausforderungen zu stellen. Vor allem dann, wenn es knifflig zu werden scheint. Wenn viele Menschen und unterschiedliche Interessen beteiligt sind. 

Wenn Ziele noch ein bisschen unklar sind. Wenn der Weg auszuloten und zu finden ist. Wenn alles mit ein bisschen Anstrengungen und Abenteuer verbunden ist. Wenn es darum geht, mich mit meinen Fähigkeiten und Ideen einzubringen. Vor allem: Wenn es darum geht, all das gemeinsam mit anderen zu tun. 

Nichts ist für mich also schöner und befriedigender, als mit guten Leuten gute Dinge zu bewegen und dafür zu sorgen, dass möglichst alle beteiligten Menschen möglichst viel gewinnen.

Das ist total normal. Den meisten Menschen geht es so. Denn Menschen sind “Homo Ludens”. Wir spielen gerne. Wir gestalten gerne. Wir probieren gerne aus. 

Und: Wir gewinnen gerne. Denn das gibt uns ein gutes Gefühl, weitere Gestaltungsmöglichkeiten und Sicherheit. 


Zeichnung vom Autor

Und weil wir nicht nur spielende, sondern auch SOZIALE Wesen, also auf den guten Willen und die Solidarität anderer angewiesen sind, spielen wir eben immer auch gerne: GEMEINSAM. Mit anderen. Für andere. Das ist das soziale Spiel.

In meiner damaligen Firma herrschte allerdings eine andere Vorstellung von “sozial” und “Spiel”. Es ging selten und wenn, dann vorgeblendet darum, GEMEINSAM etwas auszuprobieren oder gar GEMEINSAM zu gewinnen. Es galt das Recht der Stärkeren, der schlaueren Strippenzieher. 

Diejenigen, die den Ton angaben und die Richtung vorgaben, waren einige wenige, die bevorzugt natürlich an den Machtpositionen der Unternehmung saßen. Die (übrigens meist männlichen) Führungskräfte lebten allen anderen vor, dass es zuerst darum ging, die eigenen Interessen durchzusetzen und für sich und seines- bzw. ihresgleichen zu sorgen.  

Um ihre Ziele zu verfolgen und die eigenen Erfolge zu sichern, bedienten sie sich des ganzen Arsenals der bekannten zwanghaften Machtmittel: Umschmeicheln, “Bestechen”, Eigen-PR bzw. -Propaganda, Verbreiten von Unwahrheiten und Gerüchten, Intrigen, Einschüchterungen, struktureller Stress, subtile bis unverhohlene Drohungen etc. 


Zeichnung vom Autor

Das Klima, das dadurch geschaffen wurde, sorgte natürlich AUCH dafür, dass Dinge erledigt wurden.  Dies sicherlich aber eher TROTZ und nicht WEGEN des Drucks. Denn es war eben kein Klima des spielerischen, kreativen Erfolgs, sondern eines des Erledigens unter Druck, Zwang und Existenzangst. Für viele in der Organisation war es deshalb auch: Ein Klima manchmal des versteckten Widerstands, meist aber des Aufsteckens, der Demotivation, des Krank-Werdens, der Depression. 

Schwer zu sagen, was mehr schmerzt: Die Dramatik der anfallenden menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Kosten für die Ausfälle. Oder die Tragödie der nicht realisierten kreativen, innovativen, wirtschaftlichen Potenziale.      

Dieses Klima von individueller und struktureller Gewalt und - ja - Minderleistung ist hierzulande wahrlich kein Einzelfall. Im Gegenteil ist es in unseren Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen schon lange sehr verbreitet. Fast kann man den Eindruck bekommen, es sei der Normalfall. 

Jedenfalls legen das die alljährlichen und niederschmetternden Zahlen z.B. der weltweiten Gallup-Workplace-Studie zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz (aktueller Bericht) oder auch die jährlich immer wieder aufs neue berichteten desaströsen Fallzahlen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen der Krankenkassen nahe.   

Es könnte sein, dass dies das Resultat einer gängigen, aber falschen Vorstellung davon ist, worum es geht, wenn wir gemeinsam wirtschaften, wenn wir uns in Firmen und Organisationen zusammenfinden, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen und uns einem Wettbewerb stellen. Es könnte sein, dass wir deshalb weit hinter unseren Möglichkeiten bleiben, weil wir einer radikalen und ideologischen Vorstellung von Konkurrenz und Gewinn anhängen. 

Diese Vorstellung geht davon aus, dass das Leben allgemein und Konkurrenz im Speziellen nicht jenes gemeinsame Spiel ist, das uns Menschen doch so sehr am Herzen liegt (und das Geheimnis unseres evolutionären Erfolges ist): Ein Spiel, bei dem möglichst viele gewinnen und möglichst wenig verlieren./1/ Im Gegensatz aber sollen wir das Leben als Kampf begreifen, bei dem es darum geht, sich mit Härte durchzusetzen und die Konkurrenten möglichst nachhaltig aus dem Feld zu schlagen. 


Zeichnung vom Autor

Es ist der Kampf um den Erfolg des Einzelnen oder der EINEN Unternehmung, des EINEN Produkts, der EINEN Idee. Ein Kampf, in dem es darum geht, sich absolut durchzusetzen und den oder die anderen, den “Gegner” oder “gegnerische Idee” zu unterwerfen. Und zwar nach dem Entweder-Oder-Prinzip: "Meine, unsere Firma, unsere Angebote, unsere Ideen über alles!"

Vielleicht ist es ja den extremen und totalitären Ideen- und Gewaltexzessen der vergangenen Jahrhunderte zu verdanken. Vielleicht nehmen wir deshalb diese Zustände mittlerweile als Normalität hin. So dass wir uns schwer tun, die krankmachende, existenzbedrohende und lebensfeindliche Dimension zu erkennen. Mit engagiertem Streben nach Erfolg, mit dem kreativen Spiel und dem echten Wettbewerb um die besten Ideen hat dies jedenfalls wenig bis nichts zu tun.  

Es wird Zeit, dass wir uns wieder auf die Wortbedeutung von "Konkurrenz" besinnen, nämlich “mit/zusammen” (con) “laufen” (currere). Wir laufen also nicht GEGEN, sondern MIT jemandem. Wir tun das also ZUSAMMEN. Ja, ein Wettbewerb klingt da an, nicht aber jener martialischer Kampf auf Leben oder Tod, als den viel zu viele Konkurrenz missverstehen. 

Zwei deutsche Synonyme von Konkurrenz heißen „Wettbewerb“ und „Wettstreit“. “Wette” - ja dabei geht es auch ums Gewinnen oder Verlieren. Aber viel mehr gehts um das Spiel ums Glück mit einem gewissen, am besten nicht existenzgefährdenden Einsatz. Und unter Einsatz FAIRER Mittel (keine Manipulation oder Gewalt und Zwang, sonst ist das Wettspiel weder Wette noch Spiel, und damit wird’s uninteressant). 

Es geht in der Konkurrenz nicht um Leben oder Tod. Es geht darum, das Beste herauszuholen. Für alle Beteiligten.


Zeichnung vom Autor

Müssen wir dazu "härter werden”? Wozu? Wir wollen doch Erfolg! Wir wollen, wir müssen dazu spielen!  

Sollten wir uns nicht also eher alle dringend genau daran erinnern: Dass es ums GEMEINSAME SPIELEN geht? Bei dem möglichst ALLE gewinnen und KEINER verliert? 

Es steht enorm viel auf dem Spiel, wenn wir das aus dem Auge verlieren.   

Wahrscheinlich ist heute dringender und wichtiger denn je, dass wir uns und die anderen daran erinnern.


Alle Teamworkblog-Posts von Edgar Rodehack.

Edgars eigener Blog: www.trellisterium.de
Edgars Podcast: trellisterium.podbean.com 

Edgar Rodehack ist Teamwork-Enthusiast mit einem Faible für agile Formen der Zusammenarbeit. Da trifft es sich natürlich gut, dass er das beruflich macht. Er ist Organisationsberater, Business und Agile Coach, Teamentwickler und Moderator. Außerdem ist er ein Mensch mit Frau und drei Kindern, der viel Spaß am Musikmachen, Schreiben und Lesen hat. Mehr über ihn: www.rodehack.de


Anmerkungen

  • /1/ ("Dabei sein ist alles!" hieß es früher einmal.)

Literaturhinweise

  • Bauer, Joachim: Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Hamburg, 2008.
  • Gallup State of the Global Workplace 2021 Report, o.Verf., o.O., o.J. (2021)
  • Huizinga, Johan: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Reinbek bei Hamburg, 2004.
  • Nowak, Martin A., Highfield, Roger: Kooperative Intelligenz. Das Erfolgsgeheimnis der Evolution. München, 2013.
  • Pinker, Steven: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt am Main, 2011.
  • Sapolsky, Robert M.: Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens. München, 2017.
  • Tomasello, Michael: Warum wir kooperieren. Frankfurt am Main, 2010.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Optimieren wir uns zu Tode?

Als jemand, der mehr als fünfzehn Jahre in der Welt des IT-Service-Management-Prozessmanagements verbracht hat, musste ich das Buch von Guther Dueck aus dem Jahr 2020 Heute schon einen Prozess optimiert? Das Management frisst seine Mitarbeiter lesen/1/. Typisch für ihn bietet Dueck uns einen provokanten, teils vernichtenden, jedoch humorvoll geschriebener Weckruf. Er behauptet, dass das moderne Management von “Pacesetters” und “Controllers” dominiert wird. Sie sind so sehr auf Optimierung und Profit fokussiert, dass sie den Willen zu Innovation und Unternehmertum abtöten. Jedoch ohne mehr Kreativität und Tatkraft werden wir die Herausforderungen der Digitalisierung, des Klimawandels etc. nicht bewältigen. Ein agiles Mindset kann helfen.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Das neue Outlook - One Outlook - erster Eindruck

Microsoft hat ein Problem: Outlook ist nicht gleich Outlook. Da ist das gute alte Outlook in der Desktop-Version. Das ist das, womit fast alle von uns im Alltag arbeiten und worüber ich hier schon oft berichtet habe. Outlook auf dem MAC sieht aber anders aus. Outlook auf Mobilgeräten sowieso. Dann gibt's noch Outlook im Web. Kein Wunder, dass Microsoft das alles entwirren, verschlanken und vereinheitlichen möchte. Gelingt es? Hier die interessantesten Funktionen des neuen Outlooks . 

Eine einfache Anleitung zum Führen eines Notizbuchs im Business

Professionelle Arbeit ist dokumentiert und reproduzierbar. Die Basis für eine gute Dokumentation ist das persönliche Aufschreiben von Dingen. Es gibt im Netz sehr viele Anleitungen für unterschiedliche Einsatzbereiche. Ich habe nach einem integrierten Ansatz gesucht.

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Und jetzt alle zusammen! Teams - OneNote - Aufgaben - To Do

Ein Meeting jagt das nächste. Sich da nicht zu verzetteln, wird  im Zeitalter virtueller Besprechungen  noch anspruchsvoller. Kein Wunder, dass  im Zusammenhang mit Microsoft 365  zwei Fragen besonders häufig auftauchen: Wie dokumentiert man Besprechungen gut? Was hilft, offene Aufgaben nachzuhalten? Eine gute Lösung: Das in MS Teams integrierte OneNote-Notizbuch als gemeinsame Plattform auch für den Aufgabenüberblick zu nutzen.

E-Mail-Vorlagen gemeinsam nutzen (Outlook)

Mittlerweile wird praktisch alle Routine-Korrespondenz in Outlook erledigt. Was liegt da näher, als ein gutes Set von Vorlagen zu erstellen und diese gemeinsam in Team zu nutzen? Leider hat Microsoft vor diesen – an sich simplen – Wunsch einige Hürden gebaut.

Nie wieder Ärger mit Besprechungsserien in Outlook

Erstellen auch Sie Besprechungsserien in Outlook? Ärgern auch Sie sich manchmal darüber, wenn Sie etwas zu ändern haben? Falls nicht, versenden Sie entweder keine wiederkehrenden Outlook-Besprechungen (Serienterminen). Oder Sie ändern nie etwas daran. Dann ist dieser Artikel nichts für Sie. Lesen Sie aber bitte weiter, falls Sie sich schon immer mal gefragt haben, ob es eine Lösung gibt? 

Outlook-Aufgabenliste: bitte nicht die Aufgaben des ganzen Teams!

Am Tag der Arbeit kommt eine Lösung, nach der ich schon so oft gefragt wurde: Wie schaffe ich es, dass meine Outlook-Aufgabenliste nur meine eigenen Aufgaben anzeigt und nicht auch die E-Mails, die meine Kollegen gekennzeichnet haben oder Aufgaben, die einfach in einem gemeinsamen Postfach stehen?

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.