Direkt zum Hauptbereich

Führung braucht Zeit zum Nach-Denken

Leiden Sie unter VUCA? Eigentlich wollte ich diesen Blogbeitrag nutzen, um mich über den inflationären Gebrauch des VUCA-Begriffs zu beschweren. Das haben schon andere vor mir getan und dem ist nichts hinzuzufügen./1/ VUCA wird aus meiner Sicht zu oft als Ausrede genutzt, um sich vor der Planung zu drücken, oder als Drohmittel benutzt, wenn einem die Argumente ausgehen. Mir ist Substanz wichtig, wenn man solche Begriffe benutzt. An einer Stelle habe ich gelesen, dass Anpassungsfähigkeit und Reaktionsfähigkeit die beste Antwort auf komplexe Situationen sind. Ich bin da anderer Meinung.

Vielleicht ist der/die eine Leser:in auch schon auf den Artikel "Who first originated the term VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity and Ambiguity)?" gestoßen./2/ Die militärischen Planer des US-amerikanischen Army War College haben sich gefragt, was sie in der Ausbildung tun können, um Offiziere besser auf unsichere Situationen vorzubereiten. 

Wir brauchen gute Führungskräfte

Die Antwort auf VUCA ist die Entwicklung einer klaren Vision davon, wie sich eine Organisation in Zukunft sieht. (Im Wort Vision steckt das lateinische Wort für sehen.)./3, S. 2; 4, S. 3/ Strategische Führung bedeutet daher Visionsarbeit, vor allem entwickeln und kommunizieren. Eine Vision hat folgende Eigenschaften /3, S. 7/:

  • erzeugt ein klares inneres Bild,
  • ist klar zu kommunizieren und einfach zu verstehen,
  • spricht Herz und Bauch an,
  • erzeugt Energie und Selbstverpflichtung,
  • beschreibt einen künftigen Zustand,
  • berücksichtigt die Außenwelt und
  • legt die Werte einer Gruppe fest oder bestätigt sie.

Der Strategic Leadership Primer des Army War College (AWC) nimmt sich daher Zeit, um Visionsarbeit und Führungsarbeit zu erklären./4/ 

Neben der Visionsarbeit brauchen Führungskräfte Problemlösungskompetenz. Die Planer des AWC gehen davon aus, dass solch eine Kompetenz erlernt werden kann. Und jetzt wird es wichtig: die künfige Führungskraft erlernt diese Kompetenz zu gleichen Teilen durch formale Ausbildung, durch Praxiseinsatz und durch Selbststudium./3, S. 11/

Je unsicherer die Umwelt ist, desto stärker sind wir gefragt, welche Zukunft wir (nicht individuell, sondern im Team, als Organisation) anstreben. Je komplexer die Außenwelt ist, desto mehr lohnt sich Lernen und Reflektieren.

Das ist sicher eine Antwort, die wir von einer militärischen Hochschule erwarten. Eigentlich haben die Planer nur das bestätigt, was Carl von Clausewitz schon 150 Jahre früher empfohlen hat.

Wie sollten wir über Strategie nachdenken?

Das Army War College bildet Offiziere aus und wurde als Reaktion auf das katastrophale Management im Spanisch-Amerikanischen Krieg gegründet. Der damalige Kriegsminister Elihu Root kopierte dazu das System der preußischen Kriegsakademie./5, S. 24/ Preußen hatte mit seiner Auftragstaktik den Krieg 1870/71 gewonnen. Die militärische Führung und der Generalstab im Deutschen Reich genossen ein hohes Ansehen.

Die Grundlagen für diese Erfolge wurden allerdings deutlich früher gelegt. Ende des 19. Jahrhunderts war die Kriegsakademie längst zum Hort des Militarismus und Preußentums geworden. Zudem hat nach der Pensionierung von Helmuth von Moltke kein Generalstab (bis 1945) mehr taugliche militärische Pläne vorgelegt./5, S. 26/

Moltkes Ausbilder war Carl von Clausewitz. Clausewitz selbst wurde von Scharnhorst ausgebildet. In einer kurzen Biographie beschreibt Clausewitz Scharnhorst als eine ideale Führungsfigur. Clausewitz Verständnis und Erfahrung von komplexen Situationen wurde in dem Buch "Vom Kriege" nach seinem Tod veröffentlicht./7/ Dieses Buch ist auch noch heute relevant.

Der (ehemalige BCG-Deutschland-Chef) Bolko von Oetinger hat sich mit Clausewitz intensiver beschäftigt. Er fasst in einem Artikel zusammen, was wir von Clausewitz für die Unternehmensführung lernen können./8/ Zunächst beginnt von Oetinger mit einer wichtigen Unterscheidung: Wirtschaft ist kein Krieg. Wirtschaft dient dem Kunden und schafft Werte. Krieg hat keine Kunden und vernichtet Werte. Was beide verbindet, ist die Kraft strategischen Handelns. 

Clausewitz lehnt eine vollständige, in sich geschlossene Theorie über den Krieg ab. Ein Krieg ist kein naturwissenschaftliches, sondern ein soziales Phänomen./8, S. 15/ Er versuchte, die Zusammenhänge durch Bewegungen zwischen Abstraktion und konkreten Erfahrungen und zwischen extremen Polen zu ergründen. Widersprüche lassen sich nicht so einfach aufheben und sie lassen sich auch nicht auf einer höheren Ebene integrieren./8, S. 16/ 

Von Oetinger schreibt: "Clausewitz hätte Führungskräften [...] empfohlen, die eigenen Überlegungen unentwegt zwischen widersprüchlichen Standpunkten pendeln zu lassen, ja Freude an diesen Widersprüchen zu gewinnen, bis Talent und Erfahrung den Punkt bestimmen, an dem die Entscheidung gefällt werden kann. Clausewitz blendet also keine Alternative aus, nur um so zu vermeintlich unbezweifelten Wahrheiten zu gelangen. Geschähe dies, würde die Führungskraft die vielen und oft unbemerkten Facetten der Wirklichkeit übersehen, die keine herkömmliche Theorie antizipieren kann."

Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit ist also das Ergebnis von guter Ausbildung, Praxiserfahrung und Nachdenken, nicht nur individuell, sondern in Teams und ganzen Organisationen. Das braucht Zeit. Das lässt sich nicht auslagern oder schnell einkaufen. 

 

Anmerkungen


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom geheimen Anderssein in (deutschen) Unternehmen

Vielleicht kennen einige noch die Werbung einer Orangenlimonadenfirma aus den 80er Jahren: "Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?" Dieses Wissen, metaphorisch gesprochen, setzt sich sehr zögerlich immer mehr im öffentlichen Bewusstsein fest: unsere Hirne sind nicht alle gleich. Im Arbeitskontext kann es zu nicht verstandenen Konflikten kommen, wenn alle über einen Kamm geschoren werden. Außerdem wundern sich Krankenkassen über steigende Ausgaben wegen Depressionen, Burnouts und Angstzuständen ihrer Mitglieder. Dafür könnte es Gründe geben, die weitgehend noch im Dunkeln zu liegen scheinen.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Warum du als Führungskraft klügere Mitarbeiter einstellen solltest (und Mikromanagement dein größter Fehler ist)

Es ist einer der am häufigsten zitierten Führungsratschläge: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du. Und einer der am seltensten wirklich befolgten. Warum? Weil er sich leichter sagt, als er sich anfühlt.

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

The Ubongo Flow Game (instruction and templates)

Games are a good opportunity to condense temporal experiences and learn together. Karl Scotland and Sallyann Freudenberg published their Lego Flow Game in May 2014. We took the game's main idea, and changed the material. Instead of Legos we use the material of Gregorz Rejchtman's Ubongo Game. These are the instructions of the Ubongo Flow Game.

Wenn das Gehirn lügt: Cognitive Biases und warum sie Teamarbeit sabotieren (Cognitive Biases Teil 1/3: Confirmation Bias)

In meiner Arbeit als Agile Coach beobachte ich immer wieder, wie kluge, gut ausgebildete Menschen in Teams Entscheidungen treffen, die im Nachhinein kaum nachvollziehbar scheinen. Nicht weil sie unaufmerksam waren oder schlechte Absichten hatten – sondern weil unser Gehirn uns systematisch in die Irre führt. Ich habe lange gedacht, das sei vor allem eine individuelle Herausforderung. Mittlerweile bin ich überzeugt: Es ist eine kollektive. Und man kann etwas dagegen tun.

Scrum Master als Manager?

Laut einer aktuellen Auswertung  offener Stellen und Stellensuchenden gibt es gerade mehr Scrum Master und Agile Coaches, die eine Stelle suchen, als es offene Stellen gibt. Gleiches gilt offenbar für Teamleitungsrollen. Ist die Ursache für den Überhang, dass diese Rollen nicht genug Wert für die Organisation liefern? Falls dem so wäre: Wie könnte man den Wert wieder erhöhen?