Montag, 22. Juni 2020

Welche Erfahrungen wollen wir aus der Corona-Krise mitnehmen? Eine Umfrage als Hilfsanker

Warum "Hilfsanker"? Weil wir sonst alles ganz schnell wieder vergessen, auch das, was zu merken sich lohnen würde. Und davon gibt es einiges.

Wir laden ein, sich an einer Umfrage zu beteiligen, die diese Erfahrungen sammelt und deren Ergebnisse wir dann veröffentlichen. Hier ist der Link dahin: https://jf200399.survey.fm/lehren-aus-der-krise

Seit März wurden wir – im persönlichen Kontext und in der Arbeitswelt - nahezu täglich vor neue Herausforderungen gestellt. Die volatile Umwelt erforderte unser schnelles und trotzdem strukturiertes Handeln. Viele Unternehmen aus dem gewerblichen und dem Dienstleistungsbereich und auch freigemeinnützige Organisationen haben Herausforderungen gemeistert, wie sie sich das vorher nie hätten träumen lassen. Das betraf oft sowohl die operativen Abteilungen, die den Kundenservice auf neue Beine stellen mussten. Als auch natürlich die Querschnittsbereiche - IT, Personal und Finanzen -, die ihre "internen Kunden" bei der Umstellung auf das Online-Arbeiten unterstützen mussten.

Projekte wurden in wenigen Tagen „gestemmt“, für die man zu anderen Zeiten Monate angesetzt hätte. Eine Universität hat ihre Vorlesungen und Seminare für 25.000 Studierende innerhalb von wenigen Wochen komplett auf Online-Lehre umgestellt und hat so erreicht, dass das Semester nach Ostern pünktlich wieder starten konnte. Der IT-Leiter sagt: "Hätten wir vor Corona so eine Umstellung vorgeschlagen, hätte man daraus ein Dreijahres-Projekt gemacht, mit 6 Monaten Planungsvorlauf. Jetzt ging auf einmal alles ohne interne bürokratische Hürden."

Und das hat auch einen neuen Teamgeist aus der Flasche gelassen. Eine Kollegin der Hochschule Osnabrück berichtet: 
"Während ich im letzten Jahr noch dachte, dass dem Team es manchmal an Innovationsgeist und Motivation fehlt, kam mit der Entscheidung, wir stellen auf Online-Lehre um, der Wandel über Nacht. Seit dem sprühen sie nur vor Energie und leisten eine beeindruckende Arbeit. Diese Motivation steckt uns alle an, auch andere Personen in meinem Umfeld, sind teilweise wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht, alle wollen plötzlich was gemeinsam bewegen. Das Ziel, diese Krise gemeinsam durchzustehen, eint nicht nur uns als kleines Team, sondern es ist ein gemeinsamer Geist entstanden." (https://musterwandler-hochschulen.org/2020/04/08/inne-halten/)
Derartige Erfahrungen könnte man jetzt noch vielfach aufführen. Viele von ihnen stellen "spontane agile Vorgehensweisen" dar, zum Beispiel:

  • Menschen wurden von sich aus aktiv, weil sie Herausforderungen von sich aus erkannten, ohne dass es ihnen jemand aufgetragen hätte.
  • Es bildeten sich spontan Teams, um für Probleme Lösungen zu suchen, oft auch über Abteilungsgrenzen hinweg.
  • Regeln und definierte Prozesse wurden spontan außer Kraft gesetzt, wenn die Umstände es verlangten und die Beteiligten es für unumgänglich hielten.
  • Führungskräfte verzichteten darauf, vor Entscheidungen gefragt zu werden, um ein schnelles Arbeiten der selbstorganisierten Teams zu ermöglichen.
  • Der Fokus lag nicht mehr auf der langwierigen Suche nach perfekten Lösungen, sondern auf dem Liefern von Ergebnissen, die unseren Kunden und Mitarbeitern halfen, mit der Corona-Krise fertig zu werden.

Aber die meisten dieser Erfahrungsberichte haben einen Haken: Sie werden nicht aufgeschrieben, sondern nur mündlich berichtet, vielleicht mal irgendwo in einem Chat geäußert. Und das bedeutet: Sie werden nach der Corona-Krise wieder in der Vergessenheit versinken.

Gerald Hüther, der bekannte Hirnforscher,  verwies in einem Gespräch auf das Beispiel der sogenannten "Trümmerfrauen" nach dem Zweiten Weltkrieg. Das waren die Frauen, die mit Hacken und Spaten und handgeschobenen Loren die deutschen Städte von den Trümmern befreiten. Das war ein Schub an Selbstorganisation und weiblicher Emanzipation. Dieser Schub war aber aus der Not geboren (und damit im Gedächtnis immer auch mit negativen Erfahrungen verknüpft). Und sowie wieder (zumindest im Westen Deutschlands) die "neue Normalität" des Wirtschaftswunders herrschte, wurden alle diese Erfahrungen verschüttet und die alten patriarchalen Ordnungen kamen wieder zu Würden.
"Trümmerfrauen" 1947: Die Trümmer wurden beseitigt, aber die emanzipatorischen Erfahrungen schnell wieder verschüttet.
 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-Z1218-316 / Kolbe / CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE  - https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)


Dieses Vergessen muss aber nicht sein. Wir können versuchen, den Schatz zu retten. Das setzt aber voraus, dass wir unsere neuen Erfahrungen jetzt festhalten, solange sie noch frisch im Gedächtnis sind.
Dazu haben eine Umfrage erarbeitet. Sie soll unsere Leser, Kunden, Netzpartner und befreundete Organisationen dabei unterstützen, ihre Erfahrungen, Eindrücke und Erfahrungen zu reflektieren, zu benennen, zu verschriftlichen und auszuwerten.

Wir können sie dann in unsere Organisationen einbringen, damit auch sie lernen können. So will die Umfrage letztlich zum „inneren Dialog“ der Unternehmen beitragen.

Diese Umfrage wird 4 Wochen aktiv sein. Danach werten wir sie anonym aus und veröffentlichen die Ergebnisse an dieser Stelle. Wer in der Umfrage seine E-Mail-Adresse angibt, erhält die Ergebnisse zugeschickt. Dann werden wir zu einer gemeinsamen Diskussion in Form einer öffentlichen Webkonferenz einladen und die Umfrageergebnisse gemeinsam mit euch diskutieren.

Und hier nochmal der Link zur Umfrage: https://jf200399.survey.fm/lehren-aus-der-krise

Für Fragen, Anregungen und Ideen schickt ihr bitte eine Mail an j.fischbach[ätt]commonsenseteam.de.

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