Direkt zum Hauptbereich

Was tun, wenn die Anforderungen unklar sind: bauen, um zu spezifizieren

Bei der klassischen Projektplanung ist es wichtig (und richtig), dass man erst alle Anforderungen aufnimmt und versteht, bevor man mit der eigentlichen Umsetzung beginnt. Was aber, wenn man die Anforderungen nicht spezifizieren kann?

Jüngst haben ein Product Owner und ich zusammengesessen, um die Anforderungen für die nächsten Sprints durchzugehen. Bei einem bestimmten Bereich von Anforderungen gab mir der PO zu verstehen, dass das Team dort eine Spezikation braucht und erwartet. Aber irgendwie ging es nicht voran. Deswegen haben wir uns das genauer angesehen.

Schnell war klar, dass der PO hier keine Spezifikation liefern kann. Es gab zu viele Variablen,  Bedingungen und Regeln. Und die Seiteneffekte waren nicht abzusehen. Mit ein wenig Übung hätten wir sicherlich eine Grammatik erstellen können, um die Regeln zu formalisieren. Aber das war gar nicht der Punkt: Bei bestimmten Konstellationen waren wir uns einfach nicht sicher, was denn das gewünschte Verhalten überhaupt ist.

Das ist ein klarer Fall, bei dem Scrum wieder seine Stärken ausspielt. Statt zu spezifizieren, um zu bauen, baten wir das Team zu bauen, um zu spezifizieren. Jeder neue Produktstand sollte dazu genutzt werden, dass wirkliche Verhalten zu beschreiben. Nur durch das Benutzen eines echten Produkts konnten Team und Product Owner lernen, was wirklich wichtig ist.

Das bedeutet nun aber nicht, dass das Team sich aussuchen kann, woran es arbeitet und welche Ergebnisse raus kommen sollen. Nein. Statt eine Spezifikation zu schreiben, hatte der PO die Aufgaben, möglichst intelligent User Storys zu suchen, durch die man am meisten lernen kann.

Die Frage war nicht: "Welche Funktionen muss das Produkt beherrschen?" Die Frage war: "Mit welchen (möglichst wenigen) User Storys kommen wir am besten an die Grenzen unseres Wissens, um dort die Auswirkungen zu verstehen."

Für die User Storys wurden ein paar Basisfunktionen ausgewählt. Dann brauchten wir ein paar Storys, die typische Kombinationen zeigten. Dann folgen die komplizierten Kombinationen.

Dieses Vorgehen ist auf jeden Fall schneller als das Suchen nach der perfekten Anforderungsbeschreibung. Das hat auch Auswirkungen auf die Arbeit des Teams: Nun geht es ja um Lernen und nicht um die perfekte Software. Die Arbeit soll schon ordentlich gemacht werden. Aber es ist völlig OK, wenn das Verhalten der Software noch Fehler hat. Nur so können wir die Lücken in der Spezifikation erkennen und uns überlegen, was ein gutes Ergebnis ist.

Solche Situationen sind mit einer agilen Arbeitsweise einfacher zu meistern. Wir bereiten uns vernünftig vor. Dann arbeiten wir an einem repräsentativen Teil, holen uns Feedback und passen die weitere Planung auf Grund des Feedbacks an.

Kommentare

  1. Warum gleich entwickeln? Die Erstellung von Wireframes wäre mit Sicherheit deutlich kostengünstiger gewesen?! Sofort mit der Entwicklung zu beginnen produziert meiner Erfahrung nach mehr Kosten, als die Entwicklung eines visuellen Prototypen mit Tools wie z.B. Pidoco.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kategorien im Neuen Outlook - für das Team nutzen: Remake

Einer unserer erfolgreichsten Artikel auf diesem Blog ist im Teenageralter angekommen! Grund genug für ein Remake mit der aktuellen Outlook-Version. Spoiler: Es ändert sich nur wenig. 😉

Vom geheimen Anderssein in (deutschen) Unternehmen

Vielleicht kennen einige noch die Werbung einer Orangenlimonadenfirma aus den 80er Jahren: "Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?" Dieses Wissen, metaphorisch gesprochen, setzt sich sehr zögerlich immer mehr im öffentlichen Bewusstsein fest: unsere Hirne sind nicht alle gleich. Im Arbeitskontext kann es zu nicht verstandenen Konflikten kommen, wenn alle über einen Kamm geschoren werden. Außerdem wundern sich Krankenkassen über steigende Ausgaben wegen Depressionen, Burnouts und Angstzuständen ihrer Mitglieder. Dafür könnte es Gründe geben, die weitgehend noch im Dunkeln zu liegen scheinen.

Wie versteht mich mein Team besser? - Über freie Textanalysetools im Netz

Mitglieder von Teams beklagen sich oft, dass sie nicht verstanden werden. Wieso wird die gute Idee nicht aufgenommen? Wieso antwortet keiner auf die guten Konzepte? Mein Punkt ist, dass viele Texte einfach nicht verständlich sind. Interessanterweise gibt es Werkzeuge, die die Verständlichkeit messen können. Hier ist meine persönliche Auswahl. 

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Was macht eine Vorgangsverwaltung?

Eine Vorgangsverwaltung ist ein Mittelding aus persönlicher Aufgabenverwaltung, Projektmanagementsoftware und einem Helpdesksystem. Leider gibt es solche Produkte bisher nicht fertig. Diese Lücke haben meist Dokumentenmanagementsysteme gefüllt. Wie könnte eine Vorgangsverwaltung konkret aussehen?

Profi-Suche für Teams, OneDrive und SharePoint

Wenn ich nur eine Sache aus meinem kompletten Portfolio zeigen dürfte, würde ich die Suche wählen. Brauchen alle, kennt kaum jemand wirklich und ist zu alldem noch schnell umzusetzen. Ich zeige dir hier, wie du Dateien oder Informationen aus deiner Microsoft 365-Umgebung schnell und sicher findest.

Rebellieren für den Wandel: die 8 Regeln des totalen Stillstandes von Prof. Dr. Peter Kruse

In einem legendärem Vortrag skizzierte Peter Kruse 8 Regeln des totalen Stillstands. Ihm zufolge wurden die Regeln entwickelt, um Managern und Führungskräften dabei zu helfen, Bereiche mit potenziellem Widerstand gegen Veränderungen zu erkennen und Menschen auf strukturierte Weise durch den Veränderungsprozess zu führen.

Warum du als Führungskraft die ersten 90 Tage nicht dem Zufall überlassen solltest (und schlechtes Onboarding dich mehr kostet, als du denkst)

Der erste Arbeitstag ist meistens gut organisiert: Laptop, Zugänge, ein freundliches Willkommen. Die Wochen danach entscheiden aber, ob jemand bleibt – und genau da lassen die meisten Unternehmen ihre neuen Mitarbeitenden allein. Ich erinnere mich an eine erfahrene SAP-Beraterin, die in ein großes Transformationsprojekt eingestiegen ist. Fachlich absolut top, hoch motiviert, mit besten Referenzen. In der ersten Woche bekam sie einen Laptop, einen Zugang zum Wiki und den Satz: „Schau dich einfach mal ein bisschen um, du findest dich schon zurecht." Niemand hatte Zeit, ihr die Systemlandschaft zu erklären. Niemand stellte sie den Stakeholdern vor, mit denen sie ab Woche zwei zusammenarbeiten sollte. Nach zehn Wochen kündigte sie noch in der Probezeit. Ihre Begründung im Abschlussgespräch: „Ich hatte nie das Gefühl, gebraucht oder eingebunden zu sein. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob ich hier überhaupt richtig bin." Das Traurige daran: Sie war fachlich genau richtig. Ver...

Wer nicht Nein sagen kann, dessen Ja ist nichts wert.

Klar, wir wollen hilfsbereit sein, Dinge möglich machen, niemanden enttäuschen. Das ist eine gute, eine schöne Motivation, ein schönes Ziel. Nur: Wer immer ja sagt, gefährdet genau das: das gute Ergebnis. Ein Plädoyer für leistungsorientierte Ehrlichkeit.

Erfolgsvermeider - Eine Buchrezension

  Du übernimmst ein Team und merkst schnell, dass einige Dinge nicht rund laufen. Es gibt "Ja, aber ..."-Blockierer oder Unsichtbare im Team. Es gibt Überforderte und Dramageneratoren. Für den Autor Dieter Strak sind das Zeichen für erfolgsvermeidende Muster. Er hat eine kurze Anleitung für Führungskräfte und Teams geschrieben, die solche Muster erkennen und durchbrechen wollen. Lohnt sich das Buch?