Direkt zum Hauptbereich

Projekt Agile Verwaltung (Teil 2): Gibt es eine besondere Verwaltungskultur?

Gestern habe ich mich auf die Initiative von Thomas Michl bezogen, ein Projekt "Agile Verwaltung" zu starten. Meine Frage war, ob es überhaupt objektiv feststellbare Unterschiede zwischen Privatunternehmen und Kommunalverwaltungen gibt. /1/ Heute gehe ich auf die Frage der unterschiedlichen Kulturen ein.

Gibt es eine besondere „Verwaltungskultur“?


Jede Verwaltung hat ihre eigene Kultur, so wie jedes Unternehmen auch. Eine ganze Reihe von Verwaltungen hat aber ähnliche Erfahrungen mit der sog. „Verwaltungsreform“ gemacht, die seit Anfang der 1990er Jahre durch viele Kommunen fegte. Und daraus haben sich ähnliche Formen innerer Verwerfungen ergeben.

Seit etwa der 1980er Jahre ist die neoliberale Denkrichtung auch in Deutschland zur herrschenden geworden. In Bezug auf den Staat predigt sie Armut und Beschränkung, weil der Markt der Maßstab aller Dinge ist. Die Gemeindefinanzen wurden ausgedünnt, insbesondere im Verhältnis zu ständig umfänglicheren Aufgabenübertragungen durch die Länder.

In den Gemeinden (und befördert durch neoliberale Ideologiefabriken wie die Bertelsmann-Stiftung) entstand eine Strömung, die sich durch Ausweitung der Gebührenbasis sanieren wollte. Alle Gebühren sollten möglichst kostendeckend sein. Voraussetzung dafür schien die Einführung einer Kostenträgerrechnung, bei der z. B. jede Leistung eines Querschnittsamtes (Personalabteilung, IT, aber auch der Bürgermeister oder Landrat selbst) kostenanteilig jedem „Produkt“ (also jedem Führerschein und jeder Baugenehmigung) zugerechnet wurde. Produktpläne wurden erstellt (eigentlich Aufstellungen von Kostenträgern = Gebührentatbeständen), die gesamte Finanzsoftware umgewälzt (SAP machte einen guten Schnitt) und die herkömmliche kameralistische Haushaltswirtschaft auf die kaufmännische Buchführung, die „Doppik“ umgestellt. Je nach Bundesländern geschah das in unterschiedlichem Ausmaß. In NRW als westlichem Bundesland mit den meisten klammen Kommunen ist die Umstellung fast flächendeckend vollzogen, während im wohlhabenden Bayern die Inseln herkömmlicher kameraler Behaglichkeit überwiegen.

Diese hier nur holzschnittartig angerissene Reform führte zu einer bizarren Frontstellung zwischen „Konservativen“ und „Reformern“. Die Reformer fühlten und fühlen sich als Modernisierer und wollten vieles ändern, bis hin zur Sprache. Auf einmal sollte nicht mehr von Bürgern gesprochen werden, sondern von „Kunden“. Dieser Sprachwandel aber hatte zwei unterschwellige Folgen:

  1. Determinatio est negatio, sagt Spinoza. Jede Bestimmung ist ein Ausschluss. Wenn ich als Verwaltung die „Bürger“ als Bezugsmenge meiner Leistungen definiere, so schließe ich die „Nicht-Bürger“ tendenziell aus – also im Wesentlichen die Einwohner ohne deutschen Pass.
    Wenn ich aber den „Kunden“ zum Gegenstand meiner Zielsetzungen mache, so wende ich einen Marktbegriff an, der Zahlungsfähigkeit voraussetzt. Ich schließe also alle Einwohner ohne Geld aus. Dies ist erst einmal eine Verschiebung in der Sprache, also in der kollektiven Vorstellung.
  2. In einer Transaktion eines Unternehmens mit einem Kunden spielt immer der Kunde den aktiven Part. Die Kommune reagiert in diesem Bild nur auf die Anforderungen der Leistungsberechtigten. Sie wird nicht selbstständig aktiv. Insbesondere wird der bürgerliche Wert der Fraternité, der geschwisterlichen Solidarität und ihrer Beförderung durch kommunale ausgleichende Gerechtigkeit, unter den Generalverdacht ausgreifender politischer Hybris gestellt.
Es gab einige jüngere Führungskräfte, die sich von der Verwaltungsreform einen frischen Wind erhofft hatten. Aber es gelang ihnen nicht, den Qualitätsgedanken zu verankern. Viele Standards wurden im Zuge einer Politik des „Sparens als Selbstzweck“ heruntergefahren, statt neue Standards guter kommunaler Versorgung zu befestigen. Auf einmal waren die „Konservativen“ diejenigen, die zumindest an einigen kommunalen Leistungen festhalten wollten, die die neoliberale Reformerfraktion als freiwillige Leistung dem Sparziel opfern wollte.

Ein zweiter Rückschritt, der von den Modernisierern ins Werk gesetzt wurde, betraf die Arbeitsorganisation. Unter dem Motto der „Leistungsorientierten Bezahlung“ (LOB) wurde im Tarifvertrag TVÖD vereinbart, ab 2007 bestimmte Anteile an der Bruttogehaltssumme nach „individueller Leistung“ auszuschütten. Damit wurde der Teamgedanke zurückgedrängt und vor allem wurde die althergebrachte Hierarchie kräftig gestärkt: denn letzten Endes ist es der Vorgesetzte, der relativ willkürlich über die Verteilung der LOB-Prämien entscheidet.
Und natürlich gelang es den Mixern neoliberaler Zaubertränke auch nicht, ihr großes Versprechen einzuhalten und die Kommunalfinanzen nachhaltig zu sanieren.

Link zum dritten und letzten Teil: http://www.teamworkblog.de/2015/12/projekt-agile-verwaltung-teil-3-ein.html

Anmerkung

/1/ http://www.teamworkblog.de/2015/12/projekt-agile-verwaltung-gibt-es-dafur.html

Kommentare

  1. Lieber Wolf,

    da habe ich mal wieder viel gelernt. Mir hat der Bürger als Kunde schon immer stark missfallen. Verschwörungstheoretiker sprechen ja inzwischen davon, dass unsere Staaten inzwischen alle nach Handelsrecht zu Firmen transformiert seien. Das würden dann so richtig ins Bild passen ;-)

    Sehr gefallen hat mir Dein Hinweis, dass die Hierarchien durch die Leistungsprämien befördert wurden, anstatt in Richtung Augenhöhe zu kommen, was der Agilität sehr viel förderlicher wäre. Ich bin im Falle der Prämien sehr skeptisch. Meist hängen sich doch alle rein, und dann ist der überwiegende Teil des Teams demotiviert, weil er nichts abgekommen hat. Konnte ich bei einer meiner Töchter mitbekommen, wie stark das wirken kann.

    Viele Grüße
    Martin

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Outlook-Aufgabenliste: bitte nicht die Aufgaben des ganzen Teams!

Am Tag der Arbeit kommt eine Lösung, nach der ich schon so oft gefragt wurde: Wie schaffe ich es, dass meine Outlook-Aufgabenliste nur meine eigenen Aufgaben anzeigt und nicht auch die E-Mails, die meine Kollegen gekennzeichnet haben oder Aufgaben, die einfach in einem gemeinsamen Postfach stehen?

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

E-Mail-Vorlagen gemeinsam nutzen (Outlook)

Mittlerweile wird praktisch alle Routine-Korrespondenz in Outlook erledigt. Was liegt da näher, als ein gutes Set von Vorlagen zu erstellen und diese gemeinsam in Team zu nutzen? Leider hat Microsoft vor diesen – an sich simplen – Wunsch einige Hürden gebaut.

OneNote Prinzipien: Zugriffsrechte und Speicherorte

OneNote ist praktisch – ohne jeden Zweifel. OneNote ist auch einfach und intuitiv zu bedienen… Ja… so am Anfang. Doch früher oder später kommen Fragen wie: - wer genau hat eigentlich wie Zugriff auf die Daten? Wie ist das mit Synchronisation zwischen Büro-PC und Smartphone oder iPad? Wie funktioniert OneNote auf dem SharePoint? Auf diese Fragen findet sich die Antwort nicht ganz so leicht. Ich versuche hier die nicht ganz so offensichtlichen Zusammenhänge deutlich zu machen und "gern genommene" Fallen zeigen.

Protokolle in OneNote - neue Ideen für's neue Jahr

Protokolliert Ihr Team seine Besprechungen in OneNote? Das geht einfach, schnell ist teamfähig und hat eine exzellente Suchfunktion. Die beliebte Fragen "Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass..." ist so schnell beantwortet. Darum wird OneNote an dieser Stelle immer beliebter. In meinen Seminaren dazu sind gute Ideen entstanden, die ich hier weitergeben will.

Leitlinien-Werkstatt für Microsoft-Teams

Mittlerweile hat Microsoft Teams in sehr vielen Unternehmen einen Platz gefunden. Es bedient den Wunsch nach schneller Kommunikation und gemeinsamer Datei-Bearbeitung. Und spart damit Zeit und unnötige Prozessschleifen. Oder? 

Beispiel für eine Partyplanung mit Scrum

Wer sich neu mit Scrum beschäftigt, ist vielleicht überwältigt von den ganzen Fachbegriffen. Dann sieht man vielleicht gar nicht, wie einfach die einzelnen Elemente von Scrum sind. Deshalb hier ein einfaches Beispiel für die Vorbereitung einer Party mit Hilfe von Scrum.

Die Krankheit des Besser-Wissens! Drei powervolle Fragetechniken und eine Haltung zur Heilung.

Kennst Du das: Du betrittst einen Raum und bist Teil einer Situation, hörst eine Problembeschreibung, siehst eine Aufgabe oder liest eine Anfrage. Auf jeden Fall weisst Du mit einem Blick, einem Satz, einem Augenzwinkern sofort Bescheid. Du weisst: um was es geht was das Problem ist wieso das passiert ist was als Nächstes passiert und oft auch was dann (nicht) zu tun ist So wie mit dem Video hier: Ziemlich klar oder? Was für Gedanken gehen Dir durch den Kopf? Vielleicht sowas wie Oh weh!, Unfall!,  gibts Verletzte?  Oder Gehts denen gut? Wo ist das passiert? Viel Spass beim Flottmachen! Etc, etc... Auf jeden Fall aber: Was für ein Malheur! - oder irgend etwas Anderes in der Art. oder? Anderes Beispiel. Schau Dir mal folgendes Bild an und les im Geiste die beiden Reihen vor: A-B-C 12-13-14 oder? Unser Geist beruft sich auf sein Wissen und gibt uns in sekundenschnelle seine Annahme, seine Interpretation, seine Projektion der Wirklichkeit ein. Und die ist in dem Video oben nunmal ein ve

Nur was sichtbar ist, kann gemanagt werden

Ihr steckt fest? Langsam wird’s brenzlig? Ihr wisst nicht so recht, was tun? Kleiner Tipp: Nur was sichtbar ist, kann gemanagt werden.