Direkt zum Hauptbereich

Software-Projekte sind Lernprojekte (Teil 1)

„Schluss mit dem vielen theoretischen Schwätzen! Jetzt die Ärmel hochkrempeln und loslegen!“, ist das Motto mancher Projektverantwortlicher zu Projektbeginn. Nichts macht Projekte so langsam wie diese Parole. Will man Projekte beschleunigen, muss man am Anfang lang genug an der Begriffsklärung arbeiten. Der Aufwand wird später im Projektverlauf um ein Vielfaches zurückerstattet.

Die Stadtwerke Ludwigsberge a. Z. haben ein Projekt zur Einführung eines Dokumentenmanagementsystems (DMS) gestartet. Zwei Pilotabteilungen sollen ab Projektstart dabei sein: die Liegenschaftsverwaltung und die Öffentlichkeitsarbeit.

Der erste Arbeitsworkshop eines solchen Projekts dient bei uns immer dazu, die Anforderungen aus Anwendersicht zu erheben. Das geschieht in Form von User Storys. Die User Storys haben dann im Projekt drei Funktionen:
  • Sie füttern das Lastenheft für die Ausschreibung.
  • Sie strukturieren die Herstellerpräsentationen.
  • Sie stellen das Product Backlog für die agile Software-Einführung dar.
Einen langen Tag – neun Stunden – hatten wir für den Workshop vorgesehen:
  • Drei Stunden für alle Anwender, um ihnen das Prinzip der Userstorys zu erklären und an allgemein bekannten Beispielen zu üben;
  • dann jeweils drei Stunden für die Anwendervertreter jeder Pilotabteilung getrennt, für das eigentliche Schreiben der Storys. Also insgesamt sechs Stunden.
Der erste Workshopabschnitt, der Lernteil, ging am Anfang ganz zügig voran. Die Anwendervertreter in Ludwigsberge sind sowieso sehr motiviert und waren auch diesmal begierig, Neues zu lernen und eine Projektetappe voranzukommen.

Die Anwender wollen Begriffe klären

Aber auf einmal trat eine Stockung ein. Zum Üben verwenden wir immer einen ganz einfachen Vorgang, nämlich „Einstellung eines Hausmeisters für das Verwaltungsgebäude in der Krullstraße“. Dafür braucht es keine Spezialkenntnisse, und der Vorgang ist trotzdem realistisch.

Abbildung 1: Ablauf eines einfachen Vorgangs
Der Vorgang hat einen Auslöser, ein Ergebnis und ist in fünf Meilensteine unterteilt, die wiederum aus verschiedenen Aktivitäten bestehen und zu denen unterschiedliche Dokumente gehören. Alles ganz klar, und schnell weiter!

Und jetzt stellte ein Anwendervertreter – und noch dazu ein Sachgebietsleiter! – die Frage: „Was unterscheidet eigentlich einen der Meilensteine vom gesamten Vorgang? Kann man nicht sagen, dass ein Meilenstein auch ein Vorgang ist? Oder anders herum: Wie kann man einen Meilenstein eindeutig von einem Vorgang abgrenzen?

Meinen Zeitplan vor Augen (und, ich muss es gestehen, vor allem meinen Zugtermin am Abend, um noch nach Hause zu kommen) versuchte ich, die Frage kurz abzubügeln. „Ein Vorgang hat ein eigenständiges, nützliches Ergebnis, wie z. B. dass die Hausmeisterstelle wieder besetzt ist. Und das ist bei einem Meilenstein eben nicht der Fall.“

Mit meinem Verhalten weckte ich aber das Interesse der übrigen Teilnehmer. „Ja aber“, sagte ein anderer, „ja aber die Besetzung der Stelle ist auch kein eigenständig nützliches Ergebnis. ‚Personal bereitstellen‘ ist ein Unterstützungsprozess – schauen Sie mal auf Ihre eigene drittletzte Folie! – und damit gerade nix Eigenständiges.

Mir blieb nichts anderes übrig, ich musste mich auf die Diskussion einlassen. Wir fingen an, mit den einschlägigen Begriffen – „Vorgang“, „Meilenstein“, „Prozess“, „Vorgangsteam“ usw. – herumzuspielen. Am Ende von über einer Stunde (!) hatten wir ein komplexes Mindmap erstellt. Und das Mindmap in einem Glossar zusammengefasst mit Erklärungen der obigen Begriffe. Das Glossar sieht (in redaktionell überarbeiteter Version) so aus:

Abbildung 2: Ein Glossar mit Fundamentalbegriffen des Dokumentenmanagements

Ich fand die Diskussion zwar auch sehr anregend, warf aber einen leicht angesäuerten Blick auf die Uhr: über eine Stunde Verzögerung! „Das hat Ihnen jetzt ziemlichen Spaß gemacht“, sagte ich bemüht anerkennend zu den Teilnehmern. „Ja klar!“, sagte eine Teilnehmerin aus der IT-Abteilung. „Das ist genau das, was wir bei unserem letzten Projekt nicht gemacht haben und das dann richtig chaotisch wurde. Und ich denke, es hat sich gelohnt.

Dass es sich gelohnt hatte, sollte ich gleich erfahren. Doch darüber mehr im nächsten Teil.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Warum du als Führungskraft klügere Mitarbeiter einstellen solltest (und Mikromanagement dein größter Fehler ist)

Es ist einer der am häufigsten zitierten Führungsratschläge: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du. Und einer der am seltensten wirklich befolgten. Warum? Weil er sich leichter sagt, als er sich anfühlt.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Unternehmenskultur frisst Agilität zum Frühstück

Zyklische Abfolgen sind an vielen Stellen im Leben beobachtbar: Wiederkehrende vier Jahreszeiten, alte Songs, die plötzlich als Cover-Versionen wieder auf den Markt kommen (Jugendliche identifizieren diese dann als "Grundform", denn sie kennen das Original nicht), erst Karottenjeans, dann wieder Hosen mit Schlag, dann wieder Karotte, in der Politik Republikaner, Demokrat, Republikaner, Demokrat..., Hardliner-Papst, Vermittler-Papst... - alles kommt in regelmäßigen Abständen wieder. So auch die Erkenntnis, was man alles tun müsste, um in Unternehmen wirklich agil arbeiten zu können. Warum aber gelingt die Installation agiler Zusammenarbeit in größeren Unternehmen bis heute so wenig zufriedenstellend? Werden dabei vielleicht Aspekte immer noch zu wenig gesehen?

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Coaching- und Führungsframeworks im Überblick: 21 Linsen für Teams und Organisationen

Gute Scrum Master:innen und Coaches betrachten das Geschehen durch mehr als eine Brille oder Linse. Jede Linse gibt andere Hinweise für angemessene Interventionen. Im Prinzip suchen wir immer nach der kleinsten Intervention mit der größten Wirkung. Aber welche Linsen gibt es eigenlich? In diesem längeren Beitrag stelle ich die wichtigsten 21 Konzepte von 37 Autor:innen vor, die mir bei der Recherche begegnet sind.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Warum Veränderungsinitiativen scheitern - und wie Du veränderungsresistente Strukturen knackst

[TL;DR] Viele Veränderungsinitiativen stossen auf harten Widerstand - nicht weil die Idee der Veränderung oder das Zielbild schlecht ist, sondern weil Organisationen wie Tensegrity-Strukturen funktionieren: hochgradig vernetzt, unter Spannung, systemisch. Wer das versteht, geht Veränderung anders an. Hast Du schon mal von Tensegrity Strukturen gehört? Nimm Dir doch mal kurz Zeit und schau Dir das Video an. Dann hast Du's sofort im Kopf. Und wenn Du die 58 Sekunden nicht hast und lieber weiterliest: Tensegrity-Strukturen sind faszinierende Gebilde aus schwebenden Stäben und Seilen, bei denen sich kein Stab direkt berührt - und trotzdem hält das ganze Ding sehr resilient gegen Störungen zusammen. Ich bin Tensegrity-Strukturen zuerst in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet - in der Trainingslehre. Der menschliche Körper wird nämlich von einer solchen Struktur aus Zug und Druck - Muskeln, Faszien, Sehnen - permanent im Gleichgewicht gehalten. Das Elegante daran: Stabilität entsteh...

Office-Hacks - Sammlung Teil 2: OneNote und PowerPoint

Immer wieder werde ich nach speziellen Hacks, Tipps und Tricks gefragt, die einem die Arbeit mit MS-Office-Produkten erleichtern. Also habe ich eine zeitlose Sammlung von kleinen Handgriffen zusammengestellt, die in meinen Seminaren oft für erhellende AHA-Momente sorgen. Dies ist der zweite Teil meiner kleinen Serie mit OneNote und  PowerPoint. Der erste Teil hat Outlook und Teams behandelt;  Word, und Excel werden folgen.

High Performance Teams: 10 Prinzipien, die Spitzenteams von innen heraus stark machen

Manche Teams liefern konstant Spitzenleistung, nicht weil sie aus lauter Ausnahmetalenten bestehen, sondern weil sie Prinzipien verinnerlicht haben und danach arbeiten. Sie finden schneller gemeinsame Richtung, erholen sich als Einheit von Rückschlägen und wachsen an Herausforderungen, anstatt an ihnen zu zerbrechen. Was steckt dahinter? Kein Geheimrezept, sondern eine Handvoll Prinzipien, die High Performance Teams konsequent leben: im Umgang miteinander, in der Art wie sie lernen, Entscheidungen treffen und mit Druck umgehen. Die folgenden zehn Prinzipien dienen als Orientierung für Teams, die nicht nur irgendwie gut funktionieren wollen, sondern wirklich gemeinsam stark sein wollen.