Dienstag, 6. Oktober 2015

Software-Projekte sind Lernprojekte (Teil 2) - Über exponentielles Lernen

„Schluss mit dem vielen theoretischen Schwätzen! Jetzt die Ärmel hockrempeln und loslegen!“, ist das Motto mancher Projektverantwortlicher zu Projektbeginn. Nichts macht Projekte so langsam wie diese Parole. Will man Projekte beschleunigen, muss man am Anfang lang genug an der Begriffsklärung arbeiten. Der Aufwand wird später im Projektverlauf um ein Vielfaches zurückerstattet.

Im ersten Teil habe ich geschildert, wie Mitarbeiter der Stadtwerke Ludwigsberge a. Z. sich in einem Workshop Zeit genommen haben, Begriffe zu klären. Diese Begriffsarbeit hat sich gelohnt und uns sofort Zeit gespart.

Exponentielles Lernen

Die beiden anschließenden Workshops, in denen die Leute der Liegenschaftsverwaltung und der Öffentlichkeitsarbeit ihre konkreten Userstorys schrieben, gingen in einer unglaublichen Geschwindigkeit über die Bühne. Statt der angesetzten drei Stunden jeweils nur 2,0 bzw. sogar nur 1,5 Stunden! Die Teilnehmer schrieben ihre Userstorys ohne viel Nachfragen parallel. Das Glossar und vor allem die bildlichen Darstellungen im Mindmap hatten ihre Vorstellungskraft beflügelt. Das ist der Wert eines gemeinsamen Modells von der Fachdomäne. /1/ Sich vorzustellen, wie ein DMS geänderte, effizientere Abläufe unterstützen könnte, stellte offenbar überhaupt kein Problem dar.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, und ich konnte noch einen Zug früher nehmen.

Mein Erstaunen über diese Erfahrung hätte mich eigentlich erstaunen müssen. Denn theoretisch kannte ich das Phänomen schon länger. Es heißt „exponentielles Lernen“ und unterscheidet sich vom üblichen linearen Lernen wie in der Abbildung angedeutet.

Abbildung 1: Lernfortschritt beim exponentiellen Lernen

Der Ansatz des exponentiellen Lernens unterscheidet sich ganz grundsätzlich vom herkömmlichen Lernen, wie wir es aus unserer Schulzeit gewohnt sind. Beim traditionellen Schullernen wird der Lernstoff in kleine Happen unterteilt, gerade groß genug, damit ein Schüler einen pro Tag verdauen kann. Jeden Tag ein Happen mehr.

Das exponentielle Lernen ist aus den Pisa-Studien bekannt, und zwar aufgrund der hervorstechenden Ergebnisse der finnischen Schüler in Mathematik und Physik. Dort wird nicht die Häppchenpädagogik praktiziert, sondern am Anfang eines neuen Themas wird besonders langsam und gründlich vorgegangen. Es werden Bilder entwickelt, gerade bei abstrakten mathematischen und physikalischen Themen. Die Bilder helfen den Schülern zu einem nachhaltigen Verständnis des Stoffes. Sie haben es nicht nötig, Formeln zu pauken. Sie können sich die Formeln ohne Probleme merken oder sie sogar bei Bedarf für sich neu ableiten. Denn sie haben verstanden. /2, 3/

Genau das Gleiche war in meinem Workshop passiert, ohne dass ich es aktiv gesteuert hätte. Die Teilnehmer selbst hatten sich nicht damit abgefunden, mit mechanischem Häppchenwissen abgespeist zu werden. Sie wollten ein gründliches Verständnis der Fundamentalbegriffe, um so wirklich nachhaltige Verbesserungen im Projekt zu erreichen.

Ich selbst habe daraus viel für agile Projekte gelernt. Gründliche Begriffsklärung am Anfang passt viel besser zur Sprintlogik als kurzatmige und oberflächliche Beschleunigung. Im Zug hatte ich Zeit, darüber nachzudenken.

Anmerkungen

  • /1/ Wolf Steinbrecher: Agile Organisationsentwicklung: Ein Domänenmodell hält Projekte auf Kurs, Teamworkblog, erschienen am 17. August 2015, abrufbar unter http://www.teamworkblog.de/2015/08/agile-organisationsentwicklung-ein.html
  • /2/ Siehe dazu z. B. den Vortrag Prof. Prof. h.c. Dr. phil. Dipl.-Ing. Karl Hayo Siemsen, Dr. Joachim Schwarz, Dr. Hayo Siemsen: „Auf den Spuren von Gestalt und Begriff im Hochschulunterricht Mathematik“, 2013, unveröffentlichtes Manuskript
  • /3/ Kleiner Einschub: Exponentielles Lernen ist trotz seiner wissenschaftlich nachgewiesenen Erfolge nicht sehr beliebt. „Wir müssen schnell machen, wir müssen den Stoff durchkriegen“, heißt es. Außerdem wird beim expo-Lernen die Spreizung zwischen guten und schlechten Schülern viel geringer. Die Sortierfunktion der Schule wird behindert.

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