Direkt zum Hauptbereich

Blog-Rueda: Müssen Führungskräfte etwas besser können?

In einem Interview mit der ZEIT über das Thema Respekt sagt ein Psychologe sinngemäß, dass eine Führungskraft deshalb führt, weil sie etwas besser kann (/1/). Zumindest sei das die Idee. Das ist sicher nicht seine zentrale Botschaft des Artikels gewesen. Trotzdem kann ich sie so nicht stehen lassen.
Wie wirkt auf Sie dieser Satz?
"Die Idee von Hierarchie ist ja, dass es Leute gibt, die etwas besser können als andere und diese dann entsprechend führen." (Niels Van Quaquebeke, /1/)
Für mich fühlt sich dieser Satz falsch an. Selbst, wenn wir ihn zeitlich eingrenzen: "Zum Zeitpunkt, als festgelegt wurde, wer dieses Team leitet, hatten die Entscheider den Eindruck, dass die ausgewählte Führungskraft etwas besser kann als die anderen und die anderen deshalb führt."

Selbst wenn dies wahr wäre, bedeutet dies, dass nach mehr oder weniger objektiven Gesichtspunkte ständig überprüft werden müsste, ob die Führungskräfte noch etwas besser können als ihre Untergebenen. Ich kenne kaum Führungskräfte, die freiwillig wieder in das Team zurückgehen. Die meisten verlassen eher das Unternehmen, als öffentlich zu bekennen, dass sie etwas nicht mehr so gut können wie früher.

Weiterhin bedeutete dies einen kontinuierlichen Wettbewerb unter den Kandidaten für einen Chefposten. Wenn der Satz wahr wäre, müsste ja ständig jemand auftauchen und sagen, dass er es besser kann und deshalb Chef sein müsste. Die Auswirkungen von einem solchen Satz sind wirklich enorm.

Ich glaube, dass die Auswahl von Führungskräften mehr oder weniger zufällig ist. Führungskräfte werden kaum nach objektiven Massstäben ausgewählt. Nach dem Motto "Gleich und gleich gesellt sich gern" holen Führungskräfte solche Personen nach, mit denen sie sich gut verstehen. Zudem wird selten ein Entscheider jemanden befördern, mit dem er ständig im Clinch liegt. Er hat einfach keine Lust auf dieses Theater, selbst wenn der Kandidat (oder die Kandidatin natürlich) besser wäre. Neben Geld ist (vermeintliche) Macht über andere auch ein beliebtes Lockmittel, um jemanden in sein Unternehmen zu holen.

Zumindest in IT-Unternehmen sehe ich es oft, dass Leute für ihre fachlichen Leistungen in der Vergangenheit mit einem Titel belohnt werden sollen. Als Führungskraft sind dann aber ganz andere Kompetenzen gefordert.

Also, dieser Satz wirft ein völlig falsches Licht auf die Führungskultur. Ich will hier gar nicht auf die Frage eingehen, ob und wie viele Führungskräfte wir überhaupt brauchen. Stattdessen will das Thema anders betrachten. Was macht eine gute Führungskraft aus?

Gem. G. P. Shchedrovitskys Definition ist die Person eine gute Führungskraft, die es schafft, andere für ihre Ziele zu begeistern (/2/). Damit kann sie natürlich etwas besser als andere. Denn sonst würden die Folgenden ja einer anderen Person folgen. Sie ist also nicht fachlich besser als ihre Untergebenen, sondern sie ist nur attraktiver. Die Führungskraft ist sogar darauf angewiesen, dass ihr fachlich bessere Personen folgen, denn sonst könnte sie ihre Ziele ja nicht erreichen.

Kommentar von Wolf Steinbrecher zum Artikel von Jan:

Lieber Jan,

deine Kritik an der Theorie der Bessermacher kann ich voll und ganz unterschreiben.
Aber deinem Lösungsansatz – Führungskräfte sollen „begeistern“ – kann ich nur bedingt folgen. Seit dem Erfolg von Apple und der folgenden Hyperbegeisterung für Steve Jobs grassiert wieder das Wunschbild des charismatischen Führers.

Ich teile deine Einschätzung, dass Teams Ziele brauchen, um voll motiviert zu arbeiten, und dass sie das Gefühl brauchen, alle im Team ziehen dafür an einem Strang. Aber müssen ihnen diese Ziele denn unbedingt von Führungskräften vorgegeben werden, oder können sie diese Ziele nicht auch aus sich selbst heraus entwickeln? Ich kenne im ehrenamtlichen Bereich Gruppen (Senioren-Wohnprojekte), die ganz begeistert für ihr Projekt arbeiten und ganz ohne charismatischen Führer auskommen. Und auch in unserer beider gemeinsamem Unternehmen, Common Sense Team, ist mir der Mangel an Führung noch nicht schmerzlich aufgefallen.

Meinen Blogartikel zum gleichen Thema findet ihr unter http://www.teamworkblog.de/2014/06/blog-rueda-mussen-fuhrungskrafte-alles.html

Kommentar von Gebhard Borck zu diesem Artikel von Jan Fischbach:

Würde Herr van Quaquebeke meinen, dass sich „besser sein“ auf die Kompetenz von Menschen reduzierte, sähe ich dieselben Schwierigkeiten wie Jan.

Einzig, tut der Interviewte das nicht. Stattdessen zielt seine Aussage auf den Respekt ab, den Menschen untereinander empfinden oder eben nicht. Aus diesem leitet er die soziale Hierarchie ab. In unseren Firmen vermengt sich der soziologische Über-/ Unterordnungsprozess mit der formalen Zuordnung (Organigramm). Konflikte entstehen in den Abweichungen dieser beiden Rangordnungen. Ist der festgelegte Chef auch soziologisch anerkannt, läuft es. Wenn nicht - gibt es Ärger.
Meine Erfahrungen bestätigen die von Jan, dass man Führungskräfte eher willkürlich oder ggf. nach dem auswählt, was auf dem Papier gut aussieht. Es ist anstrengender und verlangt andere Kompetenzen, die sozialen Beziehungsmuster zu berücksichtigen. Denn damit geht die Einbindung der zukünftig Geführten einher. Das deutet Wolf in seinem Kommentar an.

Dem charismatischen Führer – lassen wir diesen Ausdruck mal zeitgeschichtlich mit Blick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auf uns wirken – stehe ich ebenso kritisch gegenüber wie Wolf.
Bezogen auf Jans Artikel und Wolfs Kommentar stelle ich allerdings fest: Es ist ein Denkfehler „Besser“ auf die Kompetenz zu reduzieren. Und es ist eine riskante Komplexitätsreduktion, van Quaquebekes Idee, dass Hierarchie auf Respekt beruht (resultierend aus der Annahme, dass mein Gegenüber etwas besser kann als ich), einfach wegzuwischen.

Meinen Blogartikel zum gleichen Thema findet ihr unter http://affenmaerchen.wordpress.com/2014/06/10/blog-rueda-leute-die-was-besser-konnen/

Kommentar von Edgar Rodehack zu obigem Artikel:

Jans Ausführungen kann ich gut folgen. Obwohl ich weniger an das Prinzip Willkür als eher an das Prinzip Zufall glaube. Wer kennt nicht solche „Karrieren“ von Personen, die deshalb Führungskraft werden, weil sie schlicht schon länger da sind und sich bislang halbwegs passabel geschlagen haben. Ob Sie aber Führungsqualitäten haben, wird vielleicht gelegentlich weniger ernsthaft geprüft als man sich das wünschen würde. Weil die Voraussetzungen dafür unklar sind? Man weiß es nicht. Dabei sind diese Voraussetzungen ja nun wirklich ziemlich klar. Unter anderem sind es natürlich die von Jan und Wolf angesprochenen Fähigkeiten: Menschen für Ziele zu begeistern und Entscheidungen gut herbeizuführen. Und weil es sich um Fähigkeiten handelt, lässt sich Führung tatsächlich lernen. Mit entsprechenden Talent geht es auch hier einfacher.

Eine der wichtigsten Fähigkeiten ist allerdings auch, zu akzeptieren, dass ein anderer Job auf mich wartet als in einer Fachkarriere. Als Führungskraft gilt es nämlich nur mehr der Hierarchie und den dort herrschenden Strukturen zu dienen. Insofern stimmt es schon: Der Sinn von Hierarchie ist, dass es Leute gibt, die etwas besser können, als andere. Hauptsächlich ist das: Am besten sinnstiftend oder mit Zwang zu delegieren, Entscheidungen herbeizuführen oder selbst entscheiden, zu kontrollieren und viel Kritik einzustecken. Und: Das alles ohne Einschränkung zu akzeptieren.

Meinen Blogartikel zum gleichen Thema findet ihr unter http://www.teamworkblog.de/2014/06/blog-rueda-wir-machens-besser-der-sinn.html

Anmerkungen:

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Das neue Outlook - One Outlook - erster Eindruck

Microsoft hat ein Problem: Outlook ist nicht gleich Outlook. Da ist das gute alte Outlook in der Desktop-Version. Das ist das, womit fast alle von uns im Alltag arbeiten und worüber ich hier schon oft berichtet habe. Outlook auf dem MAC sieht aber anders aus. Outlook auf Mobilgeräten sowieso. Dann gibt's noch Outlook im Web. Kein Wunder, dass Microsoft das alles entwirren, verschlanken und vereinheitlichen möchte. Gelingt es? Hier die interessantesten Funktionen des neuen Outlooks . 

In Memoriam Stephan List (1959-2024)

Am 29.01.2024 starb ganz unerwartet unser lieber Freund Stephan List aus Ravensburg.

Und jetzt alle zusammen! Teams - OneNote - Aufgaben - To Do

Ein Meeting jagt das nächste. Sich da nicht zu verzetteln, wird  im Zeitalter virtueller Besprechungen  noch anspruchsvoller. Kein Wunder, dass  im Zusammenhang mit Microsoft 365  zwei Fragen besonders häufig auftauchen: Wie dokumentiert man Besprechungen gut? Was hilft, offene Aufgaben nachzuhalten? Eine gute Lösung: Das in MS Teams integrierte OneNote-Notizbuch als gemeinsame Plattform auch für den Aufgabenüberblick zu nutzen.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

E-Mail-Vorlagen gemeinsam nutzen (Outlook)

Mittlerweile wird praktisch alle Routine-Korrespondenz in Outlook erledigt. Was liegt da näher, als ein gutes Set von Vorlagen zu erstellen und diese gemeinsam in Team zu nutzen? Leider hat Microsoft vor diesen – an sich simplen – Wunsch einige Hürden gebaut.

Outlook-Aufgabenliste: bitte nicht die Aufgaben des ganzen Teams!

Am Tag der Arbeit kommt eine Lösung, nach der ich schon so oft gefragt wurde: Wie schaffe ich es, dass meine Outlook-Aufgabenliste nur meine eigenen Aufgaben anzeigt und nicht auch die E-Mails, die meine Kollegen gekennzeichnet haben oder Aufgaben, die einfach in einem gemeinsamen Postfach stehen?

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Nie wieder Ärger mit Besprechungsserien in Outlook

Erstellen auch Sie Besprechungsserien in Outlook? Ärgern auch Sie sich manchmal darüber, wenn Sie etwas zu ändern haben? Falls nicht, versenden Sie entweder keine wiederkehrenden Outlook-Besprechungen (Serienterminen). Oder Sie ändern nie etwas daran. Dann ist dieser Artikel nichts für Sie. Lesen Sie aber bitte weiter, falls Sie sich schon immer mal gefragt haben, ob es eine Lösung gibt? 

"Denn sie wissen nicht was sie tun ...! Freigeben und teilen in OneDrive und SharePoint und per E-Mail

Neuerdings können Sie bei Ihren E-Mails entscheiden, ob Sie den Anhang als Datei (Kopie) anhängen wollen oder einen Link senden. Doch was kann dieser Link? Wie sicher ist er? Wer kann was damit tun? Lesen Sie hier was sinnvoll ist und was weniger.