Direkt zum Hauptbereich

Schätzen von Projektdauern: Was wir vom BER-Desaster für uns lernen können

Was können wir aus den Problemen bei großen Projekten wie dem Berliner Flughafen lernen – und zwar für unsere kleineren Projekte? Erstaunlich viel. Denn die Schätzmethoden für Projektdauern sind die gleichen.

Missglückte Planungen von Großprojekten lösen vor allem Eines aus: Kopfschütteln und Unverständnis. Als Beobachter von außen denkt man sich: Das sind doch Profis, denen dürfte das doch nicht passieren (wie uns selbst so oft).

Schon nach ein wenig Überlegen wird klar: Es kann nicht am Einzelfall liegen. Auch nicht an der Konstellation „Auftraggeber öffentliche Verwaltung“ – dazu sind die Beispiele von der Einführung der Autobahnmaut bis zur Serienreife des neuen Airbus zu viele.

Ein Beispiel aus der Praxis

Wertvolle Hinweise auf systematische Fehler, die wir beim Schätzen von Projektdauern machen, gibt das aktuelle Buch von Daniel Kahneman /1/. Lassen wir ihn selbst eine Geschichte aus der Praxis erzählen. Es handelt sich um eine Arbeitsgruppe, die für israelische Highschools einen neuen Lehrplan und ein Lehrbuch über Entscheidungstheorie entwickeln wollte. Die Arbeitsgruppe wollte die Projektdauer abschätzen.

„Ich bat alle Anwesenden, ihre Schätzung darüber aufzuschreiben, wie lange wir bräuchten, um einen fertigen Entwurf des Lehrbuchs beim Bildungsministerium einzureichen. (…) Ich sammelte die Schätzwerte ein und schrieb die Ergebnisse an die Tafel. Die Punkte konzentrierten sich dicht um den Zeitraum von zwei Jahren; das untere Ende lag bei anderthalb, das obere bei zweieinhalb Jahren.“ /2/

Auf einmal kommt Kahneman die spontane Idee, dieses Ergebnis zu überprüfen. Der Zufall will, dass ein Teilnehmer der Gruppe schon mal über ein anderes Thema einen neuen Lehrplan erarbeitet hatte.

„Ich wandte mich an Seymour … und fragte ihn, ob ihm andere Teams einfielen, die ähnlich wie wir ein völlig neues Curriculum erarbeitet hatten (…) Seymour sagte, ihm fielen etliche ein.“ Kahneman fragt ihn, wie lange diese Teams im Durchschnitt brauchten. Seymour verstummt erst, bevor er zögernd Auskunft gibt: „Mir fällt keine Gruppe ein, die in weniger als sieben Jahren fertig war.“ Und diese zweite Schätzung erweist sich schließlich als viel stichhaltiger: Kahnemans Gruppe braucht acht Jahre, bis ihr Lehrplan fertig ist.

Innensicht und Außensicht bei der Projektplanung

Kahneman trifft anhand dieses Beispiels die Unterscheidung in „Innensicht“ und „Außensicht“. Beim Planen mit der Innensicht geht man so vor, wie ich es aus meinen eigenen Projekten kenne: ich mache einen groben Plan mit der Anzahl der Kapitel, die zu schreiben sind. Dann schätze ich den Aufwand pro Kapitel, rechne die Arbeiten für Lektorat und Schlussabstimmungen hinzu und schlage aus Vorsicht („Risikoanalyse“) noch ein paar Monate drauf. Als Projektplaner stützen wir uns dabei nur auf unsere eigenen Erfahrungen, darum „Innensicht“. /3/

Diese Methode ist nicht nur ungenau. Die Abweichung zwischen 2 Jahren Schätzwert und 8 Jahren tatsächlichem Wert kann man nicht mehr als „Ungenauigkeit“ abtun. Sondern sie ist in vielen Fällen grundfalsch. Alle Zufälle werden nämlich systematisch ignoriert (Wechsel beim Auftraggeber, Lebenskrisen von Teammitgliedern), ebenso wie die Wechselwirkungen verschiedener Arbeitspakete (beim Schreiben von Kapitel 12 stellt sich heraus, dass die Kapitel 5, 7 und 9 neu zu schreiben sind und die ganze Gliederung nicht mehr stimmt).

Bei der Außensicht hingegen versucht man, eine Referenzklasse für das anstehende Projekt zu finden, also ähnliche Projekte unter ähnlichen Bedingungen. Deren statistische Eckdaten liefern eine Basisprognose, die man dann noch anhand des eigenen Falls verfeinern kann. /4/

Die Prä-mortem-Methode zur Reduktion der Schätzfehler.

Und wenn für die Planungsmethode „Außensicht“ ihrerseits keine Zeit oder Akzeptanz zu finden ist?

Kahneman zitiert die Idee eines Kollegen, mit der der Hang zu überoptimistischen Prognosen eingedämmt werden kann. Dabei wird die Projektgruppe, nachdem die Projektdauer geschätzt, aber noch nicht beschlossen wurde, vor folgende Aufgabe gestellt: „Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich ein Jahr in der Zukunft. Wir haben den Plan in seiner jetzigen Fassung umgesetzt. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Nehmen Sie sich bitte fünf bis zehn Minuten Zeit, um eine kurze Geschichte dieser Katastrophe zu schreiben.“ Anschließend werden die Katastrophenszenarien zusammengetragen und fließen in eine erneute Bewertung des Projekts ein. /5/

Warum man diesen Tipp in der Praxis oft nicht anwenden kann

Gründe dafür gibt’s genug. Kahnemans Beispiel stammte aus einem selbstorganisierten Team: Eine Gruppe, die sich frei entscheiden konnte, ob und was sie tun wollte. Aber in der Realität sind wir oft – zumindest teilweise – fremdbestimmt:
    • Wir werden verfolgt vom Fluch des Zwangs zum positiven Denken. Realistische Einschätzungen werden schnell in die Ecke der Miesmacherei gestellt. Der ideologische Mainstream manipuliert uns.
    • Wir müssen einen Auftrag kriegen. Die Ausschreibung aber gewinnt der billigste Anbieter, nicht der realistischste. Also müssen wir, wollen wir nicht untergehen, in den Chor der falschen Optimisten einstimmen. Und darauf hoffen, für die unvermeidliche Verzögerung im Projekt einen anderen als Sündenbock zu finden.
    • Politiker wollen ihren Parlamenten ein Projekt verkaufen. Also werden Kosten und Zeiten runtergerechnet, bis das Excelsheet sich rot färbt vor Scham.
      Wir stoßen also wieder einmal auf das Thema „Manipulation und der Schutz davor“. Das Thema hatten wir schon einmal. /6/ Wir werden es weiter verfolgen.

      Anmerkungen

      • /1/ Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag, 2012, ISBN 978-3-88680-886-1
      • /2/ Seite 303.
      • /3/ Seite 306.
      • /4/ Seite 310 f. Unnötig zu sagen: In unseren Teams würde es oft ausreichen, die eigenen Projekterfahrungen aus der Vergangenheit ein wenig systematisch auszuwerten. Dann hätte man schon eine sehr valide Referenzklasse. Im Beispiel von Kahneman oder beim Bau des Berliner Flughafens wäre die Referenzklassenmethode aufwendiger, weil man fremde Projektgruppen oder Unternehmen befragen muss.
      • /5/ Seite 326 f.
      • /6/ James Lee: Ein konstruktives Nein, Teamworkblog, erschienen am 03. September 2012, abrufbar unter http://www.teamworkblog.de/2012/09/ein-konstruktives-nein_3.html 

      Kommentare

      Beliebte Posts aus diesem Blog

      Wie lassen sich Ergebnisse definieren? - Drei Beispiele (WBS, CBP und BDN)

      Ich habe schon darüber geschrieben, warum das Definieren von Ergebnissen so wichtig ist. Es lenkt die Aufmerksamkeit des Projektteams auf die eigentlichen Ziele. Aber was sind eigentlich Projektergebnisse? In diesem Beitrag stelle ich drei Methoden vor, um leichter an Ergebnisse zu kommen.

      Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

        Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

      Microsoft Copilot - Notebook, Pages, Agents und mehr

      Es tut sich sehr viel an der Copilot Front. Gefühlt entwickelt Microsoft mit aller Kraft die KI-Anwendung weiter. Mit dem letzten Update hat sich die Microsoft-Startseite stark verändert. Hier zeige ich, was sich hinter all den Begrifflichkeiten verbirgt und was davon alltagstauglich ist.

      Schätzungen sind schätzungsweise überschätzte Schätze

      "Wer viel misst, misst viel Mist." Zumindest ist diese Gefahr gegeben. Entweder misst man z. B. Mist, weil man zu früh zu KPIs zur Messung von Ergebnissen greift, oder aber man greift zu den falschen KPIs, die gar nicht das messen, was man wissen möchte. Einst war agiles Arbeiten der alternative Ansatz, aber inzwischen gibt es auch für einige Details dessen, was in Konzernen als "agil" praktiziert wird, einleuchtende alternative Ideen, die bis heute noch nicht so richtig auf die große Bühne vorgedrungen zu sein scheinen. 

      Wenn es mal gerade etwas schwierig bei Kund:innen wird… Zwei Fragen, die uns helfen, unsere Strategie mit unseren Kund:innen abzusprechen.

      Seit 2024 organisieren Bob Galen und ich eine Masterclass für agile Coaches. Wir möchten die Ausbildung von agilen Coaches verbessern und ihnen Techniken mitgeben, mit denen sie bei ihren Kund:innen etwas einfacher haben. Bisher haben wir in vier Durchgängen mit jeweils 14 Modulen ungefähr 70 Extraordinarily Badass Agile Coaches ausgebildet (/1/). In diesem Blogpost möchte ich ein paar Erfahrungen und simple Techniken aus der Masterclass teilen, wie wir unsere Strategie besser abstimmen können. Sie beschränken sich nicht auf agiles Coaching – das ist nur das Setting.

      Teamleitungen gesucht

      Was macht Teams erfolgreich? Kann man das lernen? Ab Herbst starten unsere Kurse für aktuelle und künftige Teamleitungen. Jetzt gibt es die Gelegenheit, den Kurs zu testen.

      Wie überprüft man den aktuellen Stand einer neuen gemeinsamen Ablage?

      Ihr habt in eurem Team die individuellen, unordentlichen Ablagen auf eine gemeinsame Ablage, die nach Vorgängen und Prozessen geordnet ist, umgestellt. Woher wisst ihr, ob das wirklich funktioniert? In diesem Beitrag gibt es 10 Auditfragen.

      Nachschau zum Lean Coffee-Spezial "Agil einfach machen" (Interaktive Buchvorstellung)

      Bei unserem Lean Coffee-Spezial Ende Mai waren wir von Lean Coffee Karlsruhe/Frankfurt Zeugen einer Buchvorstellung, doch nicht nur das – natürlich gab es auch einen nicht unbeträchtlichen Anteil an eigener Aktion, denn bei unseren Spezialterminen ist traditionell „Teilgabe“ angesagt. Das Autorenduo Christian Baron und Janick Oswald zeigte uns, was es mit „Agil einfach machen“ auf sich hat.  

      Wie läuft ein Projekt zum Entwickeln von Szenarien ab?

      Seit 2016 beschäftigen Edgar und ich uns intensiv mit der Szenariotechnik. Szenarien sind ein wirkungsvolles Werkzeug, um Projekte oder ganze Geschäftsmodelle auf ihre Zukunftstauglichkeit zu testen.

      A simple project filing structure

      Are there too many documents? But which ones are important? Project teams are drowning in information. There's no shortage of tools: emails, Slack channels, JIRA, Microsoft Teams, and Trello boards. But who can keep track of them all? A few simple rules can get a project team on track. I'll present the simplest project filing system here.