Montag, 29. Februar 2016

Offen bleiben - die Zweite

Irgendwann habe ich mal über Berater geschrieben, die vor lauter sozialem Schmerz aufgehört haben, ihren Kunden zuzuhören und schleichend dazu übergegangen sind, ihren Kunden den eigenen Willen rauben zu wollen. Das war hier (/1/). 


Diese Kollegen benutzen oft das Wort „müssen“. Ich gab den Kollegen die Empfehlung, die eigene Gefühlswahrnehmung zu verändern („Wie würden Sie sich fühlen, wenn alles großartig laufen würde?“). So kann man etwas Druck aus einigen Situationen nehmen.

Danach kann man vielleicht zusammen mit dem Kunden überlegen, wie man die Wahrnehmung des Kunden auf ein bestimmtes Problem steigert und schließlich, wie er am besten die Verantwortung für das Problem übernimmt. Möglich, dass der Berater dann etwas entspannter auftritt. Aber wie sieht die Beziehung zum Kunden aus?

Als Schauspieler, bin ich immer mit der Überzeugung auf die Bühne gegangen, dass es immer einen Zuschauer unter 500 gab, den das Stück, das wir spielten, richtig begeisterte. Ich fragte mich nicht mehr, ob das Stück oder die Inszenierung oder ich als Schauspieler gut war – übrigens eine leidige, aber nicht zu besiegende Berufskrankheit. Ich sendete mein Anliegen in die letzte Reihe des Theatersaals, in der ich diesen einen, besonderen Zuschauer vermutete. Wenn in einer schrägen Szene ein einzelner Zuschauer plötzlich laut an zu lachen fing, während die anderen zurückhaltend schwiegen, fühlte ich meine Theorie wieder bestätigt. Und dieser eine Zuschauer hatte in seinem einsamen Lachen vielleicht das Gefühl, dass wir nur für ihn gespielt hatten.

Die Reaktion oder das Lachen des Zuschauers war messbar. Wir hatten ihn direkt getroffen. Jetzt frage ich mich, wie ich die Reaktion meiner Kunden messen will?

Ich biete Trainings oder Coachings an. Ich bewege mich häufig in Situationen, in denen Teams oder Einzelpersonen ihre Arbeitsverhalten umstellen. Einige meiner Gegenüber empfinden dabei Angst oder Skepsis. Sie sind zurückhaltend. Ihnen wurden immer wieder Strategien verkauft, die nicht funktionierten. Vermutlich, weil sie ihre Bedürfnisse nicht erfüllten.

Am Anfang dieses Artikels habe ich den Rat gegeben, die eigene Gefühlswahrnehmung zu ändern – es funktioniert, selbst Schauspieler schaffen das irgendwie täglich. Das ist ein guter Anfang. Aber wenn ich meinen Kunden, vielleicht auch nur einen einzigen, wirklich erreichen möchte, bringe ich meine Wahrnehmung weg von meinen Gefühlen und weg von einer Lösung, die ich schon im Kopf habe.

Ich konzentriere mich darauf, wie der Kunde sich fühlen soll, wenn er nach dem Training oder Coaching den Raum wieder verlässt.

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