Mittwoch, 4. November 2015

Scrum für Infrastrukturprojekte?

Am 03.11.2015 fand in Köln die 3. Fachtagung "Eisenbahn-Infrastrukturmaßnahmen in NRW" statt. Ich hatte Ehre, etwas über Scrum erzählen zu dürfen. In diesem Beitrag gibt es den Vortragstext.

Die Fachtagung wurde von einer neuen Einheit innerhalb der Deutschen Bahn, der DB Engineering & Consulting, und zwar der Region West veranstaltet. Die Teilnehmer kamen vor allem aus Ingenieursgesellschaften, die mit/für die Bahn Infrastrukturprojekte planen/betreuen/umsetzen.

Welche Art von Führung brauchen wir?


Der sehr gute Einstiegsvortrag von Prof. Peter Nieschmidt machte deutlich, dass die Führungssysteme in deutschen Unternehmen dringend ein Update brauchen. Bei Youtube habe ich seinen Vortrag gefunden. Sehr empfehlenswert und sehr unterhaltsam /1/.



Am Ende des Vortrags von Prof. Nieschmidt konnte man über allen Köpfen die Frage sehen: "Ja, wie organisieren wir uns denn nun? Was sind alternative Organisationsmodelle?"

Scrum als alternatives Organisationsmodell

Das war natürlich eine gute Einleitung, um etwas über Scrum und Kultur der Selbstorganisation zu erzählen.

Sicher ist Scrum kein Allheilmittel. Die Erfahrungen mit Scrum und Selbstorganisation haben aber gezeigt: Es geht auch anders. Diese Hoffnung gilt es wieder in den Firmen zu wecken, die vor lauter Beschäftigung mit sich selbst, den Kunden und die Bedürfnisse der Mitarbeiter aus den Augen verloren haben.

Scrum ist ein Prozess, der es Mitarbeitern möglich macht, wieder gute Arbeit zu tun. Der Projektleiter wandelt sich zum Product Owner, der priorisiert und sich sinnvolle Etappenziele überlegt. Der Product Owner greift nicht in die Selbstorganisation der Umsetzer ein. Er steuert das Projekt über diese Ziele und er setzt den Umsetzern einen klaren Rahmen.

Andere Führungskräfte werden zum Coach der Umsetzungsteams. Als Scrum Master helfen sie den Teams wie ein guter Fussballtrainer, noch besser zu werden und sie beseitigen Hindernisse.

Den ausformulierten Text meines Vortrags finden Sie hier: https://drive.google.com/file/d/0B0OytVvtT0h4WjIzbklGVUhzZFE/view?usp=sharing

Wenn man neue Arbeitsweisen vorstellt, gibt es natürlich eine ganze Reihe von neuen Fragen:
  • Geht das überhaupt in unserem Umfeld?
  • Kann man Scrum und Selbstorganisation in Bauprojekten überhaupt nutzen?
  • Wie gestalten wir Verträge?
  • Wie laufen Planung, Beauftragung, Überwachung und Abnahme konkret?
  • Wie gehen wir mit verteilten Teams um?

Diese Fragen muss man sich genauer ansehen. Wir nutzen Scrum nicht, weil es eine Modeerscheinung ist. Die bessere Überlegung ist, ob die Projektausgangslage so unsicher ist, dass man mit einer iterativen Arbeitsweise und schnellem Feedback besser und schneller Ergebnisse bekommen kann. Bis Klarheit herrscht, braucht man Feedback. Anschließend kann wieder seine bekannten PM-Techniken nutzen.

Gibt es also Firmen, die Bauprojekte oder Hardwareprojekte oder Projekte mit vielen Beteiligten anders machen? Ja, es gibt sie. Ein Beispiel ist das Kampfflugzeug Gripen von Saab /2/. Ingenieursfirmen wie hhp Berlin oder produzierende Betriebe wie Allsafe JUNGFALK organisieren sich auf Augenhöhe und sind damit erfolgreicher /3/.

Möglich ist es also. Wichtig ist, dass sich eine Firma selbst überlegt, was sie erreichen will und wie sie die Arbeit organisiert. Interessanterweise sind die größten Befürworter von Scrum zugleich die größten Bedenkenträger. Sie versuchen oft, die alten Prozesse mit den neuen Praktiken zu bedienen. Das funktioniert aber nicht.

Die Vertragsfragen müssen wir uns ansehen. Das ist sicher ein Thema für die Konferenz "Agile Contracts" (http://www.agilecontracts.de/) im nächsten Jahr.

Hilft die Matrix?

Am Ende der Fachtagung gab es noch einen Vortrag über Vor- und Nachteile von Matrix-Organisationen. Ich selbst habe keine guten Erfahrungen mit der Matrix gemacht und ich bin auch nicht kompetent, um darüber zu sprechen.

War mir aber aufgefallen ist, dass viele Klärungspunkte oder Erfolgsfaktoren, die bei der Matrix wichtig sind, bei Scrum-Teams keine Rolle mehr spielen:
  • Ich brauche bei Scrum-Teams keinen Treiber mehr. Die Teams liefern von sich aus gute Ergebnisse. Treiber sind Sprintziel und Sprintende.
  • Klare Schnittstellen und Verantwortlichkeiten habe ich durch die Rollenklärung. Der PO kümmert sich um das Produkt, der Scrum Master um den Prozess. Das reicht.
  • Ressourcenmanagement ist bei Scrum-Teams kein Thema. Ein Team arbeitet Vollzeit an einem Projekt. Wenn das fertig ist, kommt das nächste dran.
Wenn ich die Auswahl zwischen zwei Organisationsmodellen habe und beide das gleiche erreichen, dann suche ich mir das aus, bei dem ich weniger Aufwand habe. Selbstorganisierte Teams finde ich besser als die Matrix.

Welche Methoden es für die Selbstorganisation gibt, haben wir bereits in einem anderen Beitrag zusammengefasst /4/.

Anmerkungen


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