Dienstag, 14. April 2015

Verändern bedeutet Aufräumen mit der Vergangenheit

Manche Teams wollen sich verändern, aber stecken doch irgendwie fest. Sie gehen die Probleme an. Dennoch werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt. Sie suchen die Ursache dafür beim Chef, beim Kunden oder im Team. Das Mantra lautet “Lasst uns nicht in den Problemen der Vergangenheit schmoren. Wir müssen die richtige Lösung finden!” Vielleicht ist ein bewusstes Verabschieden der Vergangenheit der Anfang für eine bessere Zukunft. Was hat das mit Aufräumen zu tun?

Lieber Leser, damit ich diese Fragen beantworten kann, muss ich für einige Absätze auf einem Nebengleis fahren. Bleiben Sie bitte dran.

Im Herbst las ich in der New York Times über den Bestseller von Marie Kondo, Magic Cleaning: wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert./1/ Frau Kondo ist eine junge Japanerin, die schon als Kind einen Sortierfummel hatte. Nachdem sie als Teanager ihren eigenen Kram ausgemistet und sortiert hatte, begann sie, ihrer Familie und Freunden zu helfen. Kein normales Kind - das gibt sie selbst zu. Seit einigen Jahren berät sie Kunden dabei, wie sie ihre Haushalte und Büros radikal aufräumen. Die Quintessenz ihrer Methode ist, bei jedem Objekt die Frage zu stellen: “Gibt mir dieses Teil Freude?” Ist die Antwort “nein”, landet das Ding im Müll, aber erst nachdem man sich beim Objekt bedankt hat.

Ihrer Theorie nach sollten wir nur Sachen behalten, die einen Nutzen stiften und Freude machen. Alles andere ist Belastung, physisch und vor allem psychisch. Und unser Besitz sollte gut sortiert sein. Das stiftet Kraft, Selbstbewusstsein und positive Energie. Ausmisten ist damit Entlastung. Ihre Methode ist radikal und kompromisslos, und das Buch lesenswert./2/

Während meine Frau das Buch von Frau Kondo liest, beschäftige ich mich mit den Themen Lean, Kaizen und die 5S-Haushaltsregeln für den Arbeitplatz. Am Frühstückstisch tauschten wir uns über die Ähnlichkeiten aus./3/ Eine Idee von Frau Kondo setzte mein Gehirn insbesondere im Gange. Wir kehren gleich zu den Teams und ihrer Vergangenheit zurück.

In einem Abschnitt über den Umgang mit alten Dingen, an denen man emotional stark hängt, schreibt Frau Kondo, dass man sich im Klaren sein muss, warum man daran festhält und welche wirkliche Rolle die Dinge im Leben gespielt haben. Ein altes Kleidungsstück, das man gekauft aber nie angezogen hat, gibt man häufig nicht weg, weil man sich vielleicht für den Fehlkauf schämt. Aber trotz dieser negativen Emotionen kann man etwas Positives erkennen. Das Stück hat einem doch eine Freude beim Kauf gegeben. Darüber hinaus hat das Stück uns etwas über Spontankäufe oder unseren wahren Geschmack beigebracht. Deshalb rät sie immer, sich beim wegzuwerfenden Ding zu bedanken. Das Wegwerfen ist in diesem Sinne Vergangenheitsbewältigung. Das Bedanken schafft “closure”.

Übertragen auf die Teamarbeit bedeutet das folgendes:
  • Die alten Gewohnheiten (Prozesse, Strukturen, Werkzeuge etc.) hatten in der Vergangheit ihre Richtigkeit und leisteten uns gute Dienste. Nur, ihre Funktionen stiften ihren alten Nutzen nicht mehr. Sie bringen uns keine Freude mehr.
  • Die Fehler der Vergangenheit erfüllten aber auch eine Funktion: das Lernen. Wir können für beide Punkte dankbar sein. Damit übertragen wir ihnen eine Ehre und Anerkennung.
  • Das Bedanken ist ein kraftvolles Instrument. Es zeigt zugleich Anerkennung als auch Abschluss. Da wir uns bedankt haben, haben wir keine offene Rechnung mehr und können ohne Reue in die Zukunft preschen.
  • Wenn wir dieses Prozedere als Ritual etablieren, können wir sicherlich schneller den Weg für die Zukunft freimachen.
  • Als Team-Ritual innerhalb von einem Veränderungsprozess ist es wichtig, dass alle sich daran beteiligen, inkl. wichtige Stakeholder wie der Chef.
Ich habe einige von Kondos Ideen mit meinen Sachen, inkl. Schreibtisch und Rechner, umgesetzt. Ich spüre nach jeder Aufräumaktion eine Leichtigkeit und eine Tatkraft, die sich alle anderen Aspekte meines Lebens übertragen. Und jetzt versuche ich es gleich im Team.

Anmerkungen

  • /1/ Penelope Green, “Kissing your Socks Goodbye: Home Organization Advice from Marie Kondo”, The New York Times, 23 October 2014. Marie Kondo, “Magic Cleaning: wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert”, Rowohlt, 2013. Mit ihrer Beratung hilft sie nicht nur Messies sondern Familien und Firmen, den Kleiderschrank, das Wohnzimmer, den Keller, den Schreibtisch und auch den Rechner auf das Wesentliche zu reduzieren. Der Rekord liegt bei einer vierköpfigen Familie, die 700 Müllsäcke weggeworfen hat. Ihr Haus war von normaler Größe und sah vorher nicht übermäßig voll aus.
  • /2/Frau Kondo geht radikal daran. Auch wenn jemand sagt z.B. “Irgendwann könnte das nützlich sein”, antwortet Frau Kondo “Irgendwann bedeutet nie”. Ein solches Objekt gehört in die Mülltonne (oder in die Spendenkiste). Und sie empfiehlt, ganze Bereiche in einem Schwung auszumisten. “Ein bisschen bringt gar nichts”, meint sie.
  • /3/ Der englische Titel, “The Life-Changing Magic of Tidying Up: The Japanese Art of Decluttering and Organizing”, zeigt, wie die Methode teilweise herkunftsbedingt ist. Die Platzknappheit in Japan erfordert gute Sortiersysteme. 5S sind 5 Kernaufgaben am Anfang von Kaizen: Sort, Straighten, Scrub, Systematize und Standarize. Und “Sort” steht in diesem Fall für Aussortieren von Werkzeugen am Arbeitsplatz, die man nicht regelmäßig benutzt.

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