Donnerstag, 10. April 2014

Killerphrase-Folge 5: Alles ist Prio 1

Der Satz der heutigen Folge gehört ins Demotivationsarsenal. Wollen Sie Ihre Mitarbeiter wirklich ärgern, geben Sie Ihnen viele Aufgaben. Sollte jemand kühn nachfragen, auf welche Baustelle er/sie sich zuerst konzentrieren soll, antworten Sie einfach: "Alles ist Prio 1". Warum ist diese Killerphrase eigentlich so nervig?

Killerphrasen sind Sätze, die ein Gespräch töten. Und zu diesen zähle ich auch "Alles hat eine Top-Priorität". Sie kennen die Situation: Sie gehen zu Ihrem Chef mit einer langen Liste. Der Tag reicht eh nicht, um alle Punkte zu bearbeiten. Sie fragen Ihren Chef, welche Punkte ihm wichtig sind und bekommen ein "Alles ist Prio 1" zurück geraunzt. Jede weitere Diskussion ist zwecklos.

Wir wissen alle, dass nicht alles die gleiche Priorität haben kann. James Brown (nicht der Musiker) bringt es in seinem Handbuch für PMOs auf den Punkt. Er schreibt sinngemäß: Nehmen wir einmal an, jeder Punkt hätte tatsächlich Prio 1. Dann hätten alle Punkte die gleiche Prio; also auch die schlechteste Prio. Dann ist nämlich gar nichts wichtig (/1/).

Bedient wird dann der, der am lautesten schreit.

Was steckt hinter dieser Phrase?

Solch eine Phrase bedeutet, dass jemand nicht entscheiden will ("Ich weiß auch nicht, was wichtig ist. Entscheide Du, und wenn Du einen Fehler machst, bekommst Du die Schuld."). Führen bedeutet entscheiden, auch darüber, was wir nicht tun. Jemand, der nicht priorisiert, kommt seiner Führungsaufgabe nicht nach.

Was wäre eine gute Reaktion?

In den vorherigen Beiträgen habe ich schon geschrieben, dass es immer gut ist, wenn die Killerphrasen erst gar nicht fallen. Beim Chef gehe ich davon aus, dass Sie ihn schon etwas länger kennen. Wenn alle unter Stress stehen, darf man kaum eine konstruktive Priorisierung erwarten. Gibt es nicht einen besseren Zeitpunkt, um über Prioritäten zu sprechen?

Der nächste Punkt ist: Kann Ihr Chef überhaupt entscheiden? Wonach soll er entscheiden? Versetzen Sie sich in seine Lage:

  • Dringlichkeit: Welche Termine stehen als nächstes an? Muss zu einem Termin vorbereitet sein? Muss jemandem etwas liefern?
  • Geld: Bedeutet eine Entscheidung Kosten oder Gewinn? Um welche Beträge handelt es sich? Brauche ich dazu das OK von einer weiteren Person? Ist der Betrag angemessen? Womit kann ich ihn vergleichen, um die Entscheidung besser zu verstehen?
  • Konsistenz mit früheren Verhalten: Widerspricht oder bestätigt die Entscheidung mein früheres Verhalten? Verliere ich mein Gesicht? Halte ich ein Versprechen?

Sie sehen schon, was bei einer Entscheidung alles so mitschwingt. Ich habe bestimmt einiges vergessen. Aber Sie sehen auch, dass Sie einige Punkte vorbereiten können. Statt eine Einzelfallentscheidung zu verlangen, könnten Sie ja grundsätzlich über sein Entscheidungssystem sprechen. Mein Kollege Markus hat mit vor kurzem auf Delegation Poker hingewiesen (/2/). Das ist eine nette Übung, um über Entscheidungsprozesse zu reden.

Bei der Gelegenheit könnten Sie auch ansprechen, dass Sie ein "Alles ist Prio 1" nicht dulden werden. Es muss klar sein, wer die Führungskraft ist.

Hier geht es zu anderen Killerphrasen: http://www.teamworkblog.de/search/label/Killerphrasen

Anmerkungen

  • /1/ Brown, James T.: The Handbook of Program Management : How to Facilitate Project Success with Optimal Program Management. 1. Aufl.. Madison: McGraw Hill Professional, 2008.
  • /2/ Jurgen Appelo: Delegation Poker (Game Description), erschienen in NOOP.NL - The Creative Networker, 15.03.2011, abrufbar unter http://www.noop.nl/2011/03/delegation-poker-game-description.html

 

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