Montag, 12. August 2013

Faszinieren Sie!

Ich würde Sie heute gerne zu einem kleinen Experiment einladen. Suchen Sie sich zunächst einmal ein Opfer ihrer Aufmerksamkeit. Am liebsten den unsympathischsten Kollegen, den Sie sich vorstellen können.

In einem unbeobachteten Moment, und nur dann, werfen Sie mal einen Blick auf seine Augenbrauen. Studieren Sie sie. Welche Form und welche Farbe haben sie. Nehmen Sie sich Zeit und erforschen Sie die Augenbrauen. Vielleicht so dreißig Sekunden. Fertig? Dann studieren Sie den Mund des Kollegen. Wie ist der so beschaffen? Was sehen Sie? Volle Lippen, Schlauchboote oder schlaffe, blasse Dinger? Einen waagerechten, gepressten Streifen, hängende Mundwinkel oder ein zum ständigen Schreien geformtes Auspuffrohr? Nach dreißig Sekunden studieren Sie seine Augen? Lächeln die Augen etwa? Oder erstechen sie alles, was in ihr Blickfeld kommt? Gibt es einen Hauch Wärme in ihnen oder fröstelt es Sie angesichts der Kälte?

Fragen Sie sich, was dieser Kollege sieht, wenn er Sie sieht?

Sehen Sie den Toten, der ihr Kollege sein könnte.

Stellen Sie sich vor, wie er als vierjähriges Kind war.

Fragen Sie sich, was Ihren Kollegen zum Lachen bringen könnte.

Dankeschön. Und willkommen in einer Übung, die ich gerne im Schauspielunterricht mache. Eigentlich sitzen sich die Studenten dabei gegenüber und sollen versuchen, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Wenn die Studenten sich als mögliche Tote sehen sollen gibt es meistens zwei Reaktionen: Entweder es ensteht ein leises, morbides Gelächter oder es tritt plötzlich Stille ein.

Die Übung dient dazu, sich mehr auf sein Gegenüber einzustellen. Neugier und echtes Interesse für den Partner zu entwickeln. Den Zwang abzulegen, auf eine gewisse Art auf jemanden wirken zu wollen. Manchmal verschwinden auch die beständigen Statusspiele innerhalb der Gruppe, weil man sich wirklich öffnet.

Im Lauf unseres Lebens eignen wird uns immer mehr emotionale Zwiebelschichten an, die es in der Schauspielschule behutsam zu schälen gilt. Wenn wir es schaffen, einen kooperativen Teamgeist zu schaffen, entsteht ein Ensemble. Erst dann können die Studenten wirklich lernen, ihre Persönlichkeit zum Strahlen zu bringen.

Das Interesse am Partner kann man allerdings nicht verbal einfordern, weil die Studenten oft nicht die Referenzerfahrung gemacht haben. Sie müssen es also zuerst in einer Übung sinnlich erleben. So wie Sie vielleicht gerade eine sinnliche Erfahrung gemacht haben, angenehm oder unangenehm, als Sie sich Ihren toten Kollegen vorgestellt haben.

Verbal könnte man diese Erfahrung vielleicht so zusammenfassen:
Wenn Ihr an Euren Kommilitonen interessiert seid, dann seid Ihr interessant.
Und wenn Ihr von ihnen fasziniert seid, dann seid Ihr faszinierend.

1 Kommentar:

  1. Ja, wie laufen wir an den Kollegen vorbei, ohne sie richtig zu be(ob)achten.

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