Montag, 10. Juni 2013

Würdest Du einem Musiker zuhören, der keinen Spaß beim Spielen hat?

Das fragte mich mal einer meiner Schauspiellehrer auf der Schauspielschule. Wir sollten in unserer Rollenvorbereitung immer darauf hin arbeiten, Spaß beim Spielen zu haben. Knapp zehn Jahre nach meiner eigenen Ausbildung rätsele ich nun darüber, wie ich meine Schauspielstudenten zu Höchstleistungen bringe.

Die Chance an einer renommierten staatlichen Schauspielschule aufgenommen zu werden, ist gering. Die wenigen Studienplätze sind begehrt, denn die Bewerberzahlen sind sehr hoch. Wer keinen Platz an einer kostenfreien staatlichen Schule bekommt, muss sich gut überlegen, ob er an eine private Schule möchte. Hier einen Platz zu bekommen ist viel leichter. Es gibt zahlreiche private Institute, teilweise mit zweifelhaftem Ruf und in der Mehrzahl der Fälle auch mit einem geringeren Studienangebot. An den staatlichen Bühnen sind diese Absolventen eher selten. Die Studiengebühren liegen ungefähr in der Höhe eines Kleinwagens. Neu versteht sich.

Wer sich also tatsächlich entscheidet, privat Schauspiel zu studieren, weiß: Er zahlt ein Vermögen für sein Studium und er hat kaum realistische Chancen, nach seinem Studium einen Job zu bekommen, denn es werden nur ganz wenige, hochmotivierte, fähige Absolventen engagiert. Nur der Student selbst ist persönlich dafür verantwortlich, dass er seine optimale Leistung zeigt.

Aber stimmt das?

Überraschenderweise ist das größte Problem an einer privaten Schauspielschule mangelnde Disziplin. Die aufmerksame Entspanntheit, mit der Schauspieler arbeiten lernen, wird oft verwechselt mit einer laxen Arbeitshaltung. Viele Studenten sind nicht neugierig, etwas zu lernen. Andere sind schlecht vorbereitet, einige bleiben sogar dem Unterricht fern. Das Ergebnis hat ein Kollege zugespitzt so formuliert: "Die faulen Schüler, die nie eine Chance haben werden, im Schauspielberuf zu arbeiten, finanzieren mit ihren Studiengebühren die fleißigen Schüler." Eine private Schule muss sich selbst tragen. Deshalb werden undisziplinierte Schüler nicht so leicht exmatrikuliert.

Ich habe kürzlich ein Angebot bekommen, nach langer Zeit wieder an einer privaten Schauspielschule zu unterrichten. Und jetzt brennt mir eine Frage unter den Nägeln: Warum merken es die „faulen“ Schüler nicht, dass sie viel Geld und sehr wertvolle Zeit verschwenden? Oder wie bekomme ich „Disziplin in den Laden“?

Jedes Semester dieser besagten Schauspielschule präsentiert in regelmäßigen Abständen seine Arbeitsergebnisse. Ich habe mir drei Präsentationen angesehen und meine Vorstellung von Disziplinlosigkeit, mangelnder Neugier und die Abwesenheit von jeglicher Spielfreude auf der Bühne wurden voll bestätigt.

Für mich gibt es drei wesentlichen Dinge, die ein Schauspielschüler in drei Jahren auf jeden Fall gelernt haben muss: Ein gutes Handwerk, einen guten Stil auf der Bühne und er muss in der Lage sein, mit seiner Persönlichkeit zu überzeugen.
  • Ein gutes Handwerk lernt man mit guten Lehrern und absoluter Disziplin. 
  • Durch viele Theaterbesuche und erfahrene Regisseure, die sich in der deutschen Theater- oder Filmlandschaft gut auskennen, eignet man sich einen guten Stil an. 
  • Und alles, was man auf der Bühne tut, sollte einem persönlich wichtig sein. Durch die Darstellung von vielschichtigen Charakteren entwickelt sich die Persönlichkeit des Schülers. Handwerk, Stil, Persönlichkeit.
Auch davon habe ich in den Schauspielschulpräsentationen nichts gesehen.

Sollte also die Schauspielausbildung nach drei, vier oder sechs Semestern tatsächlich völlig wertlos sein? Ich zermarterte mir nun den Kopf, wie ich den Schülern überhaupt etwas beibringen sollte?

In der quälenden Erwartung, wieder einen bleiernen Schauspielschulabend über mich ergehen lassen zu müssen, sah ich mir die letzte Präsentation an und wurde überrascht: Ich sah handwerklich ausgezeichnete, stilsichere Studenten, kraftvolle, vielseitige Persönlichkeiten, die mit jedem Profi mithalten konnten.

Woran lag das? Erstaunt fragte ich die Dozentin dieses Semesters aus. Sie erklärte mir, dass es an dieser Schule oft üblich sei, dass die Schüler in einer Rolle besetzt werden, die nicht viel mit ihrer Persönlichkeit zu tun haben. Die Dozenten geben eine äußere Form vor, die die Schüler nachspielen müssen.

In ihrer eigenen Arbeit war es der Dozentin am wichtigsten, die Persönlichkeit des Schülers zu zeigen. Die Rolle dem Schauspielstudenten nahe zu bringen und ihn nicht in ein äußeres Korsett zu zwingen. Sie appellierte nicht an den Fleiß ihrer Schüler, sondern sie förderte ihre Spiellust. Der Indikator für gutes Spiel war nicht, ob es „richtig“ gespielt ist, sondern ob es dem Studenten Spaß macht.

Hier treffen also zwei Prinzipien aufeinander: Das erste fordert die persönliche Verantwortung des Schülers. Entweder er arbeitet ambitioniert, oder sein gesamtes Studium ist wertlos. Aber wenn der Schüler die Sinnlosigkeit eines laxen Studiums nicht wahrnehmen kann, funktioniert dieses Prinzip auf keinen Fall.

Das zweite Prinzip: Gemeinsam mit den Studenten Ziele festzulegen. Ihnen helfen zu verstehen, dass sie ihr Handwerk meistern, einen aktuellen Stil spielen und ihre Persönlichkeit strahlen lassen müssen. Gemeinsame Strategien zur Zielerreichung zu formulieren. Was hilft Ihnen, dorthin zu kommen? Ihren Willen unterstützen, die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Und das geht nur, wenn ich täglich den Spaß an der Arbeit einfordere.

Kommentare:

  1. Ich frage mich, ob man deine Überlegungen zu den "zwei Prinzipien" nicht auch für ganz andere Teams mit ganz anderen Aufgaben fruchtbar machen kann. Das erste Prinzip, das du nennst, könnte man vielleicht auch als das altehrwürdige Anreizsystem bezeichnen: Wenn du dich gut an das anpasst, was man von dir erwartet (wobei "man" ein Chef jeglicher Art sein kann - eine Schauspiellehrerin genauso gut wie ein IT-Leiter), dann wirst du Erfolg haben. Dafür sind vor allem alle Tugenden im Kranz der Selbstzucht gut: Fleiß, Loyalität den Zielen anderer gegenüber ...
    Wenn es aber um kreative Leistungen geht, dann funktioniert dieses "erste Prinzip" nicht mehr. Denn letztendlich basieren sie auf der Angst vor den Folgen der Nichtanpassung, und beides - Angst wie Anpassungsanspruch - machen unkreativ. Was aber hieße es, das "zweite Prinzip" für kreative Jobs zur Geltung zu bringen - und dazu zählen neben künstlerischen Aufgaben ja auch welche in der Programmierung, der Produktentwicklung, im Marketing, im QM und und und?
    Wenn Menschen nur dann kreativ gut sind, wenn sie ihre eigenen Ziele zum Maßstab ihres Handelns machen können, dann funktionieren ja die herkömmlichen Steuerungsmechanismen nicht mehr: "Chef gibt Ziele vor, Mitarbeiter setzen um." Wenn ein Schauspieler seine "eigene" Rolle definieren darf und soll, dann hat er ja Einfluss auf die Ziele des ganzen Stücks: will er die Zuschauer fesseln oder entfesseln oder befreien oder abstoßen?
    Selbstorganisierte Teams bedeuten nicht "ein bisschen mehr Ellbogenfreiheit in seiner Spielecke", sondern eine ganz andere Funktionsweise von Unternehmen.

    Liebe Grüße, Wolf

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  2. Ich glaube, mehr "Disziplin einfordern" scheint der erste Reflex von Lehrern und Chefs zu sein. Ich ertappe mich selbst dabei immer wieder.


    Selbst gesteuertes Lernen ist effektiver als Frontalunterricht. Die Aufgabe von Lehrern ist es nicht mehr, Wissen zu vermitteln. Dies ist im Internet oft besser verfügbar. Die Aufgabe von Lehrern ist es, passende Lernsituationen zu schaffen. Das kann das Internet nicht. Außerdem kann es nicht den einzelnen Schüler ansehen und ihm passende Aufgaben geben.


    Spiellust, Experimentierfreude, Entdeckergeist - das sind Dinge, die ein guter Lehrer weckt. Das setzt Energie frei. Das hat auch damit zu tun, was man eigentlich wahr nimmt. Jemand ist ja nicht auf einmal spiellustig. Er bekommt ein Ziel, dass er gerade noch erreichen kann und er bekommt Feedback, wie gut sein Spiel ist. Er muss auch ein Gefühl für die Steuerhebel bekommen. Nicht einfach DSDS-mäßiges Bashing, sondern echtes Feedback. Am besten wäre ein Feedback, dass der Schüler unabhängig vom Lehrer bekommen kann, so wie Word einfach falsch geschriebene Wörter rot unterstreicht. Dann merkt man selbst, dass man nochmal korrigieren muss. Wie wäre das beim Schauspiel? Gibt es objektive Messkriterien? Natürlich ersetzen Sie kein Lehrerfeedback. Aber sie ergänzen es um wichtige Punkte. Es hilft, Sicherheit zu erlangen.

    LG, Jan

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  4. Lieber Wolf, lieber Jan,

    beim Lesen Eurer Kommentare kommen bei mir zwei Fragenthemen auf, vielleicht sogar eine Idee für eine TEAMWORKBLOG-Umfrage: Was -ganz konkret- hindert uns eigentlich daran, Spass an einer vorgebenen Aufgabe zu haben? Was macht dabei keinen Spass und woran liegt das genau?

    Und die zweite Frage: Welches Umfeld brauchen wir, um kreativ arbeiten zu können?

    @Jan:
    Die Frage nach objektiven Spielkriterien ist schwer zu beantworten, weil sie immer vom jeweiligen Stil abhängig ist, der gerade herrscht. Am besten lernt der Schüler, indem er sich diesen Stil bei ausgebildeten Kollegen anschaut. Je mehr er sieht, desto unabhängiger macht er sich auch von seinem Lehrer.

    Ich finde, dass Michael Caine dazu einen besonders schönen Rat gibt:

    "When becoming a character, you have to steal. Steal whatever you see. You can even steal from other actor's characterizations; but if you do, only steal from the best."
    (Caine, Michael: Acting in Film - An Actor's Take on Movie Making, Applause Acting Series, 1997)

    Vielleicht kann man statt mehr Disziplin einzufordern, mehr Neugier einfordern?

    Dankbar für neue Anregungen, Peter

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