Dienstag, 2. Oktober 2012

Eine positive Erwartung erhöht unseren Dopaminspiegel

In meinem letzten Post habe ich die Bedeutung der eigenen Erwartungshaltung hervor gehoben. Wolf Steinbrecher kommentierte, dass statt einer passiven Erwartung eine proaktive Haltung erfolgsversprechender sei (/1/). In diesem Beitrag zeige ich mit David Rocks "Brain at Work" (/2/) den wissenschaftlichen Hintergrund, warum unser Gehirn leistungsfähiger ist, wenn wir uns konkret das Ergebnis unserer Arbeit vorstellen.
Lieber Wolf,

danke für Deinen Kommentar: "Erwartung ist mir zu passiv; Haltung kann ich beeinflussen."

Da kann man ja drüber drüber diskutieren.

Ich bezeichne mit dem Wort "Erwartungshaltung" tatsächlich etwas ganz Konkretes. Nämlich eine genaue Vorstellung oder ein Bild davon, wie sich Deine Situation anfühlt, wenn Du Dein Ziel erreicht hast. Im Falle unseres durchtriebenen Politikers stellen wir uns also ein gemütliches Sonntagvormittagfrühstück auf der Terrasse vor, mit einem einflußreichen Lobbyisten, der ganz angetan vom Riesengarten ist.

Natürlich will ich als Politiker nun das Haus. Aber was löst die Haltung "Ich will das schaffen" aus, während ich gerade meine debile Tante von den Vorzügen eines schicken (günstigen) Altersheimes überzeugen möchte? Bin ich energischer, wenn ich dabei an einen lukrativen Deal mit dem Lobbyisten denke?

In der Situation, zehn hungrige Jagdhunde abzuschütteln, treiben mich zwei Gedanken: Wie es sich anfühlen wird zerfleischt zu werden und das schöne Gefühl, auf der anderen Seite der überwundenen Schlucht zu stehen. Klare, motivierende Bilder.

In seinem Buch "Brain at work - Intelligenter arbeiten, mehr erreichen" liefert uns David Rock hierzu fabelhaft den wissenschaftlichen Hintergrund.

Rock zitiert eine Theorie von den Psychologen Robert Yerkes und John Dodson über die menschliche Leistungsfähigkeit, die sie als umgekehrtes U bezeichneten. Bei geringem Stress war die Leistung gering, beim sogenannten Sweet Spot war sie maximal, bei zu großem Stress verpuffte sie. Ergänzend verweist er auf Amy Arnsten, Neurobiologin an der Universität Yale, die herausgefunden hat, "dass eine Synapse im präfrontalen Kortex nur dann korrekt feuert, wenn das richtige Maß an zwei neurochemischen Stoffen präsent ist: Dopamin und Noradrenalin. Ohne ausreichende Mengen von diesen sogenannten Neurotransmittern empfinden wir Langeweile und zu wenig Erregung. Wird zuviel davon ausgeschüttet, erleben wir Stress und Übererregung. Sind die Werte optimal, so befinden wir uns im Sweet Spot."

Rock nennt uns zwei Methoden, wie wir unsere Noradrenalin- und Dopaminproduktion steigern können, wobei er in Bezug auf die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns der Dopaminausschüttung den Vorzug gibt.

Die Ausschüttung von Noradrenalin können wir steigern, wenn wir eine Aufgabe als "dringend" einstufen oder uns etwas vorstellen, was in Zukunft schief laufen könnte - scharfe Jagdhundzähne rammen sich in unsere Waden. Wir sollten dabei aber unser Gehirn nur so weit erregen, wie wir motiviert weiterarbeiten können und keinesfalls von den Gedanken an diese Ängste verfolgt werden.

"Eine andere Methode, durch die man sein Gehirn auf den richtigen neurochemischen Weg bringen kann, ist die Dopaminroute. Während Noradrenalin für Alarmbereitschaft steht, ist Dopamin das chemische Äquivalent für Interesse. [...] Wissenschaftler haben zudem herausgefunden, dass die Erwartung eines positiven Ereignisses, welches das Gehirn als Belohnung wahrnimmt, die Dopaminproduktion anregt." 

In unserem Fall die sichere Seite der Schlucht oder die Bestechung des Lobbyisten. Zurück zu Rock: "Die Forschungsergebnisse zu diesem Thema zeigen, dass positive Erwartungen oder Humor deutliche Vorteile gegenüber Furcht haben, wenn es darum geht, Erregung hervorzurufen. Sie aktivieren nämlich sowohl Dopamin als auch Adrenalin. Furcht setzt zwar ebenfalls Adrenalin frei, aber die Erwartung negativer Ereignisse reduziert das Dopamin. Furcht aktiviert zudem andere chemische Stoffe, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg negativ auf Ihren Körper auswirken können."

In meinen Präsenz-Seminaren mache ich da übrigens ganz ähnliche Erfahrungen. Ich beschreibe mal eine Übung zur Steigerung von Präsenz und Selbstbewußtsein: Die Teilnehmer, Lehrer und Dozenten, sollten einen Klassenraum betreten, sich ihrer Klasse vorstellen und kurz ausführen, was sie in der Unterrichtsstunde vorhatten.

Ganz abseits von irgendwelchen Rhetoriktricks oder körpersprachlichen Hinweisen bewirkte der Hinweis, dass sie nun ihre Lieblingsklasse unterrichten und eine sehr produktive Stunde haben würden eine enorme Steigerung der Präsenz und des Selbstwertgefühls der Dozenten. Sie konzentrierten sich auf ihre Lieblingsklasse und das Ergebnis, nämlich eine tolle Stunde. Die Körperhaltung richtete sich also nach der Erwartung, nicht durch eine vermeintlich aktive Haltung: "Ich will heute selbstbewußt und präsent sein."

Zusammenfassend: Allein die Vorstellung einer Belohnung – oder eine positive Erwartung, steigert unsere Dopaminproduktion, unser Gehirn ist ganz offensichtlich leistungsfähiger.

Um auf Deine Anmerkung zurückzukommen: "Erwartung ist mir zu passiv; Haltung kann ich beeinflussen." Eine Haltung, "Ich will das schaffen" provoziert in mir die Frage: Warum? Meine Erwartung kann ich dagegen sehr wohl beeinflussen, indem ich mir genau vorstelle, wie es ist, wenn ich mein Ziel erreicht habe.

Als Schauspieler konzentriere ich mich übrigens auf den Erfolg meines Teilzieles: Die Tante schaut mal in den Prospekt des Altersheimes.

Jetzt meine Gegenfrage: Auf welche Erwartung konzentrierst Du Dich bei der Ausführung eines Prozesses?

Anmerkungen:

1 Kommentar:

  1. Lieber Peter,

    was du beschreibst (und sehr lebendig beschreibst),funktioniert bei uns allen. Es ist aber nicht alles.
    Wir Menschen sind sehr stark auf Erzählungen ausgerichtet. Mit Erzählungen strukturieren wir unsere Welt, und mit Erzählungen geben wir unseren Handlungen einen Sinn. "Wie geht das Drama aus?" Je nachdem nennen wir es Komödie oder Tragödie; für dich als Schauspieler ist das täglich Brot.
    Diese Konzentration auf das Ende ist eine Eigenheit unseres Denkens, die uns beflügelt, aber auch Mängel aufweist. Wenn wir fünf Nächte durch gearbeitet haben, um doch noch den Projekttermin zu stemmen, und wir haben ihn dann auch glücklich geschafft - dann sind die wirklichen Qualen des Projekts im Rückblick auf einmal vergessen. Erinnert wird nur die strahlende Heldenpose. Vergessen wird das Hier und Jetzt.

    Es gibt aber neben der Erwartung, die unser Denken ans Ende unseres "Prozesses" kettet, auch noch eine diesseitige Komponente - das ist die Haltung. Was die Haltung ist, kann man sich am Besten anhand der Frage verdeutlichen: "Welchen Ich-Satz gibt es, der meine Handlungen begründet?" Zum Beispiel dein Politiker wird ja nicht sagen: "Ich bin der durchtriebene Egomane, dem alle Mittel Recht sind", sondern er hat einen anderen Ich-Satz. Auf jeden Fall hat er eine Haltung, aus der sich seine Ziele und Erwartungen erst ableiten lassen.

    Unsere Haltung ist immer präsent. (Wobei wir natürlich eine Vielzahl von Haltungen integrieren und nicht nur eine einzige.) Sie kommt dem nahe, was Bourdieu als Habitus bezeichnet hat.
    Vielleicht hat sie auch etwas mit Biochemie zu tun. /1/ Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass die Ausschüttung dieser oder jener Botenstoffe durch das und im Gehirn unsere Fragen nach einem guten oder gelungenen oder gar sinnvollen Leben beantworten kann.

    Herzlich
    Wolf

    /1/ Der bekannte Neurobiologe Steven W. Jones hat in aufopfernden Selbstversuchen herausgefunden, dass eine positive Haltung mit der Ausschüttung von HL-Lujanen verbunden ist, während ein destruktiver Habitus regelmäßig die Produktion von HD-S-Styxinen begünstigt.

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