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Zur Erinnerung: Strukturelle Probleme lassen sich nicht wegatmen

Entspannen, Atmen, Achtsam-Sein – alles gut und wichtig. Schließlich heißt es nicht umsonst "Keep calm and carry on". Doch lasst uns das "Carry On" nicht vergessen. Strukturelle Probleme lassen sich nämlich nicht wegatmen.

Ansicht vom Chiemsee
Bild: Autor

Endlich wieder Urlaubszeit! 

Und wenn wir alle in unseren Urlaubsorten angekommen sind und die erste Entspannung eingesetzt haben wird, werden wir hoffentlich bald die Anspannung der letzten Monate abgeschüttelt haben – um uns nach dem Urlaub mit neuen Kräften, vor allem aber erholt wieder an die Probleme zu machen, die wir daheim gelassen hatten.

Denn vermutlich werden wir auch dieses Jahr die traurige Erfahrung machen, dass sich auch dieses Jahr die Arbeit und ihre Probleme nicht von selbst in Luft aufgelöst hat.   

Und ja, gut möglich, dass uns das auch dieses Jahr ein bisschen enttäuschen wird. Und das, obwohl wir doch wissen, dass diese unsere Erwartungen an Erholung und Entspannung und ihre Wirksamkeit bei strukturellen Problemen realitätsfern sind. Als ob ein paar Tage Strand oder vielleicht sogar ein Reatreat mit Achtsamkeitsübungen oder sonst eine Kur uns in die Lage versetzte, strukturelle Wurzeln von Stress einfach wegzumeditieren oder wegzuatmen.

Als ob wir, dann wieder zurück im Büro, allein mit dem Willen zu frischem Tatendrang und vor allem der neuen Kompetenz des „Keep Calms“ alleine die Rahmenbedingungen ändern könnten, die uns das ganze Jahr über von allen möglichen Seiten gestellt werden, ohne dass wir viel mitzuschnabeln hätten.

Biergartenansicht: Augustiner in Pfarrkirchen
Bild: Autor

Klar, entspannter sind wir (erst mal, wie lange ist die Frage). Aber löst es irgendein Problem? Verwechseln wir so nicht Symptombekämpfung mit Ursachenbeseitigung?

Natürlich ist es gut, wenn wir lernen mit Stress umzugehen. Meditation, Atemübungen, Achtsamkeit. Vor allem für die eigenen Gesundheit ist's zuträglich, und deshalb sind das auch allesamt wertvolle Werkzeuge, um den Alltag besser zu meistern - den individuellen.

Gleichzeitig sind sie der kleinste Hebel, wenn es darum geht, in der Sache voranzukommen, z.B. eben um strukturelle oder auch fachliche Hindernisse zu überwinden oder eine knifflige Kundenanfrage umzusetzen.

Denn Stress entsteht nicht, weil wir zu unachtsam atmen. Das befördert ihn nur. 

Stress entsteht, weil wir zu oft und zu lange in Umfeldern arbeiten, die uns zu wenig Spielraum lassen, die uns überfordern, uns vielleicht sogar absichtlich unter Druck setzen (vielleicht sogar mit der Ansage, wir hätten ein zu schlechtes Stressmanagement).

Statt uns z.B. in unserem Auftrag zu unterstützen und die Entscheidungsmacht zu nutzen, den Rahmen zu setzen und die Möglichkeiten zu schaffen, die wir dafür brauchen.

Der Irrtum der Individualisierung

Es ist fast schon zynisch: Statt genau das zu tun, also die Bedingungen zu hinterfragen, die Teams und Einzelne an ihre Grenzen bringen und vielleicht unter Stress setzen, sagen wir uns - und lassen es uns sagen -, wir müssten nur besser werden. Und zwar besser in so ziemlich allem.

Fachlich lernt man eh nie aus. Und allgemein kann man immer besser werden. Und wenn es Stress gibt, ist eben auch gefordert, besser im Umgang mit Stress zu werden. Besser im Zeitmanagement. Besser darin, alles auszuhalten. Als ob das das Problem wäre und eben nicht die strukturellen Ursachen des Stresses.

Ansicht von einer Hängematte und einem Strandkorb
Bild: Autor

Dabei könnten wir unserer Lebenserfahrung (und der Forschung) doch endlich mal trauen: Wir wissen doch schon lange: Wenn unser Team oder unsere Unternehmung unter Druck und Stress gerät, dann hilft der Fingerzeig auf einzelne Betroffene (die oft für die Umstände nichts können) und deren vermeintliches Unvermögen, mit der Situation umzugehen, nicht nur nichts. Meist verschärft es die Krise. (Schöne Grüße an unseren Bundeskanzler, ein wahrer Meister in dieser Eskalation.)

Der kleinste Hebel: Die Einzelnen

Natürlich ist Selbstmanagement wichtig. Natürlich hilft es, wenn wir lernen, gelassener zu werden, Prioritäten zu setzen oder Pausen bewusst zu nutzen. Aber all das sind Werkzeuge, die uns helfen, uns in einem Umfeld zurechtzufinden: Kommt es zu Problemen, dann zumindest oft deshalb, weil die Rahmenbedingungen nicht für uns, sondern gegen uns bzw. unseren Auftrag arbeiten.

Stressmanagement- und Achtsamkeitstechniken sind da wie ein Pflaster auf einer offenen Wunde. Nützlich, um Panik zu vermeiden, die Blutung zu stillen und uns in einen arbeitsfähigen Notfallmodus unter Extrembedingungen zu versetzen. 

Aber eben nicht, um uns wie Superman oder Superwoman um die Lösung für ein eigentliches großes systemisches Problem.

Die Frage sollte also nicht zuerst lauten: Wie können Einzlene von uns besser mit dem Stress umgehen? Sondern: Warum sind wir überhaupt im Stress? Und wie kommen WIR da wieder raus?

Wie vereinfachen wir die Arbeitsprozesse? Wie organisieren wir fehlende Ressourcen? Wie beschleunigen wir wichtige Entscheidungen, so dass alle Beteiligten rechtzeitig weiterarbeiten können? Wie schaffen wir es, Veränderung als Chance zusehen und nicht als Bedrohung zu empfinden?

All das kann ein Einzelner/eine Einzelne alleine nicht schaffen - und wenn er noch so formvollendet meditiert oder sie noch so perfekt atmet.

All das geht nur durch gute gemeinsame Entscheidungen, die alle EntscheiderInnen einbezieht. Vor allem eben den ManagerInnen, die für die Rahmenbedingungen zuständig sind, unter welchen ihre Teams arbeiten und Aufträge erfüllen.

Ansicht Gleisanlagen von Bologna
Bild: Autor

Denn die Lösung für Probleme und der Schlüssel zu vor allem auch wirtschaftlichen Erfolg liegen in den Strukturen, in den Abläufen, in den vielen Entscheidungen, die an verschiedenen Stellen für das ganze System getroffen werden. (Oder auch: im Nicht-Entscheiden.)

Gehen wir's gemeinsam an

Strukturprobleme lösen sich nicht durch Atemübungen. Sie lösen sich, wenn diejenigen, die die Verantwortung und Macht dazu haben, dies erkennen und entsprechend handeln. Wenn Führungskräfte erkennen, dass ihre Aufgabe nicht nur darin besteht, Ergebnisse einzufordern und auf vermeintliche Defizite hinzuweisen, sondern auch darin, jene Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Ergebnisse stressfrei erreicht werden.

Denn es geht eben nicht darum, Stress zu managen oder auszuhalten. Es geht darum, den Stress überflüssig zu machen, um gut und erfolgreich zu sein. Als Unternehmen.

Also: Genießt den Urlaub. Atmet auch gerne tief durch. Tankt Energie. Und wenn ihr Lust habt, denkt auch ein paar Momente darüber nach, was sich strukturell ändern sollte, damit ihr alle erfolgreich, stressfrei und zufrieden arbeiten könnt und so auch in den nächsten Urlaub kommt.

Es geht um (möglichst konzentrierte, fokussierte) Handlungsfähigkeit. Und das ist eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam stemmen können. 

Einen schönen Urlaub allerseits!

Person auf einer Parkbank im Grünen
Bild: Autor



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