Wenn das Gehirn lügt: Cognitive Biases und warum sie Teamarbeit sabotieren (Cognitive Biases Teil 1/3: Confirmation Bias)
In meiner Arbeit als Agile Coach beobachte ich immer wieder, wie kluge, gut ausgebildete Menschen in Teams Entscheidungen treffen, die im Nachhinein kaum nachvollziehbar scheinen. Nicht weil sie unaufmerksam waren oder schlechte Absichten hatten – sondern weil unser Gehirn uns systematisch in die Irre führt. Ich habe lange gedacht, das sei vor allem eine individuelle Herausforderung. Mittlerweile bin ich überzeugt: Es ist eine kollektive. Und man kann etwas dagegen tun.
Kurz erklärt: Was sind Cognitive Biases?
Cognitive Biases – auf Deutsch kognitive Verzerrungen – sind systematische Denkfehler, die entstehen, weil unser Gehirn Abkürzungen nimmt. Daniel Kahnemann beschreibt in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken" zwei Denksysteme: System 1 arbeitet schnell, intuitiv und automatisch. System 2 arbeitet langsam, analytisch und bewusst. Das Problem: In der Hektik des Arbeitsalltags überlässt System 2 allzu oft das Steuer System 1 – mit vorhersehbaren Folgen.
Das Gute daran: Wer diese Verzerrungen kennt, kann bewusster damit umgehen. Nicht perfekt, aber besser. Und genau darum geht es in dieser dreiteiligen Miniserie.
Confirmation Bias – Wir suchen, was wir schon glauben
Was steckt dahinter?
Der Confirmation Bias – auf Deutsch Bestätigungsfehler – beschreibt die Tendenz, bevorzugt Informationen zu suchen, zu interpretieren und zu erinnern, die die eigene bestehende Überzeugung bestätigen. Widersprechende Informationen werden dabei unbewusst ausgeblendet oder abgewertet.
Wie zeigt er sich im Team?
Ich erinnere mich an ein Refinement, in dem Maya, eine erfahrene Product Ownerin, von einem neuen Feature schwärmte. Sie war überzeugt, dass Kunden es dringend brauchten – und selektierte in der Diskussion instinktiv die Argumente, die ihre Haltung stützten. Kritische Stimmen aus dem Team wurden als „zu pessimistisch" abgetan. Das Feature kam rein. Beim Sprint Review: kaum Nutzung.
Maya war keine schlechte Product Ownerin. Sie war ein Mensch mit einem Gehirn, das Abkürzungen nimmt.
Besonders heikel wird der Confirmation Bias in Retrospektiven: Teams neigen dazu, Erfolge der eigenen Arbeit zuzuschreiben und Misserfolge externen Faktoren – was eine ehrliche Analyse erschwert.
Was hilft?
Gezielt nach Gegenbeispielen suchen. Eine einfache, aber wirkungsvolle Frage in Diskussionen lautet: „Was spricht gegen unsere aktuelle Annahme?" Sie zwingt das Team, System 2 zu aktivieren.
Pre-Mortem einsetzen. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, stell dir mit deinem Team vor, das Vorhaben sei gescheitert – und fragt gemeinsam, warum. Das macht es leichter, blinde Flecken aufzudecken, ohne dass sich jemand persönlich angegriffen fühlt.
Perspektivwechsel strukturieren. Ob durch Rollen (z.B. Advocatus Diaboli), durch anonyme Abstimmungen vor der Diskussion oder durch explizite Redezeit für abweichende Meinungen – Struktur hilft, den Bias zu umgehen, bevor er sich festsetzt.
Ausblick
Im nächsten Post schaue ich mir einen Bias an, der besonders tückisch ist – weil er sich so gut anfühlt: Groupthink. Warum Einigkeit im Team manchmal das größte Risiko ist, liest du in Teil 2. Bleib gespannt!
Welche Erfahrungen hast du mit dem Confirmation Bias gemacht – bei dir selbst oder in deinem Team? Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren!
Quellenangaben
/1/ Kahnemann, Daniel: „Schnelles Denken, langsames Denken". 2012, Siedler Verlag, München.

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