Jan hatte neulich etwas geschrieben, das mich – wie so oft – zum Nachdenken gebracht hat: Viele BeraterInnen hätten große Firmen aufgegeben. „Weil sie denken: ‚Da ändert sich eh nichts.“ Was aber passiere, so fragte Jan, wenn wir die Hoffnung aufgeben? „Ist es nicht gar unsere Pflicht, an unsere Kunden zu glauben?“
Für mich ist die Antwort klar: Ohne Hoffnung können – und sollten – wir unsere Arbeit gleich sein lassen. Denn Hoffnung zu haben ist nicht nur eine sympathische Eigenschaft, Hoffnung geben nicht nur eine schöne menschliche Geste. Für uns BeraterIinnen ist sie die Basis unserer Arbeit. Die systemische Voraussetzung dafür, dass Beratung überhaupt wirken kann.
Natürlich kennen wir alle diese Situationen. Immer die gleichen Probleme, immer die gleichen halbgaren Lösungsversuche, immer die gleichen Geschichten darüber, dass sich nichts ändert.
"Die wollen doch gar nichts ändern“ – dieser Gedanke liegt dann nahe. Und vielleicht stimmt das sogar – zumindest bei einem Teil des Unternehmens. Vielleicht ist der Auftrag tatsächlich nur ein Alibi, eine politische Geste, ein Ablenkungsmanöver: „Wenn du nicht weiterweißt (oder -willst), dann gründe einen Arbeitskreis“ – oder starte eben ein Beraterprojekt, um Entscheidungen bis zum Sankt-Nimmerleinstag hinauszuzögern.
Solche Aufträge kennen wir. Und ja, sie sind frustrierend und sie fordern uns heraus.
Doch selbst dann bleibt unsere erste Aufgabe als professionelle BeraterInnen, die Möglichkeit von Veränderung offen zu halten. Wir haben uns selbst zur Hoffnung zu verpflichten. Immer und immer wieder.
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Aus Mitmenschlichkeit? Ja. Aus Moral? Durchaus. Vor allem aber: Aus systemischer Notwendigkeit.
Denn ob bei Einzelnen, Teams oder ganzen Organisationen, sie können sich nur verändern, wenn sie sich und ihre Situation selbst als veränderungsfähig beschreiben. Dieser Prozess beginnt (spätestens) in dem Moment, in dem sie bei uns anfragen und ihr Problem schildern.
Wenn wir denken oder sagen „Die wollen ja eh nicht“ oder „Die schaffen das nie“, dann erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich so kommt. Nicht weil unsere Klienten nicht könnten, sondern weil wir ihnen die Möglichkeit nehmen, sich eine andere Realität vorzustellen.
Denn systemtheoretisch – und radikal konstruktivistisch – formen Selbstbeschreibungen die Realität. Und als BeraterInnen sind wir Teil dieser Beschreibung. Die Welt ist, wie wir sie beschreiben – und damit auch, wie wir sie uns und unseren Klienten zurückspiegeln.
Geben wir - explizit oder implizit - die Hoffnung auf oder befördern sie nicht, schreiben wir also unsere Klienten ab, bestätigen wir damit nur ihre Ohnmacht (und unsere übrigens auch).
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Hoffnung zu geben heißt nicht, naiv oder blind optimistisch zu sein. Es heißt, realistische Möglichkeiten aufzuzeigen – und damit erst Handlungsfähigkeit zu schaffen.
Das bedeutet gerade auch in diesem Sinne, professionell unsere beratende helfende Arbeit zu tun: andere Beschreibungen von möglichen, hoffentlich besseren Welten zu ermöglichen - mit besseren Lösungen und Ansätzen als die bisherigen. Ohne gemeinsame Hoffnung, ohne also, dass wir gemeinsam daran glauben, dass es möglich sein wird, eine dieser Welten anzustreben, wird das nicht gelingen.
Dann gibt es keine gemeinsame Sprache, keinen gemeinsamen Blick auf die Sache, keine Basis für Erfolg.
Klienten kommen zu uns, weil sie (oder Teile ihres Systems) etwas verändern wollen – oder zumindest so tun. Unsere erste Aufgabe ist, herauszufinden, ob der Wille zur Veränderung echt ist.
Falls dem nicht so ist, müssen wir den Auftrag ablehnen. Falls doch, ist Hoffnung unser Werkzeug, um anschlussfähig zu werden und die gemeinsame Arbeit zu ermöglichen.
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Ja, klar, es gibt Aufträge, die zum Scheitern verurteilt sind. Manche davon auch schon von Anfang an. Es gibt auch Systeme, die Veränderung aktiv sabotieren.
Doch selbst oder gerade dann (!) bleibt unsere professionelle Pflicht: An die Möglichkeit von Veränderung zu glauben – und unsere Klienten darin zu bestärken. Selbstverständlich ohne unrealistische Erwartungen zu schüren.
Denn nur dann geben wir unseren Klienten die Chance, sich selbst anders zu beschreiben – und damit anders zu handeln. Das Faszinierende an unserer Arbeit ist, dass Bewegung manchmal genau dort entsteht, wo sie niemand erwartet.
Und ja, manchmal sind wir versucht, die Hoffnung aufzugeben und ins „Das wird nix“ zu verfallen.
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Aber wir haben nunmal diesen Job gewählt – und sein Kern ist Hoffnung, auch wenn sie noch so klein erscheint.
Sie ist kein Luxus. Kein Bonus. Kein Soft Skill.
Hoffnung ist die Grundlage unserer Arbeit. Unsere allererste Pflicht. Und unser wichtigstes Werkzeug.
Also: Erinnern wir uns immer wieder gegenseitig daran, warum wir diesen Job machen. Und gehen wir dann in das nächste Gespräch mit der Überzeugung, dass etwas möglich ist.
Nicht weil wir sicher sein können, dass es so garantiert klappt. Sondern weil es ohne Hoffnung garantiert scheitert.
Tun wir also unsere professionelle Pflicht und öffnen wir immer wieder hoffnungsfroh den Raum für Veränderung – statt ihn von vornherein zu verschließen.
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