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Öffentliche Verwaltung und Agilität - eine Bitte um Unterstützung

Erst wollte ich nicht "eine Bitte um Unterstützung" in den Titel schreiben, sondern "ein Hilferuf". Denn die Lage empfinde ich aktuell als richtig brenzlig. Öffentliche Verwaltung ist ja nun kein Thema, das für die Leser:innen des Teamworkblogs im Brennpunkt ihrer täglichen Aufmerksamkeit liegt. Um so wichtiger ist mir als Vertreter des Forums Agile Verwaltung meine Bitte, euch wenige Minuten Zeit zu nehmen und euch einmal in eurer Rolle als Bürger:innen oder auch Student:innen, die gelegentlich mit kommunalen Behörden oder Hochschulverwaltungen zu tun haben, eure Erfahrungen zu reflektieren. 

Sind sie vielleicht so oder so ähnlich wie dieser:

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Wutrede-ueber-Bau-Buerokratie-Nordwolle-ist-kein-Einzelfall,wolle258.html 

Auf der einen Seite erleben wir haufenweise solche Fälle. Auf der anderen Seite verkünden verschiedene Verwaltungen - vor allem Großstädte, Hochschulverwaltungen, Landesbehörden bis hin zu Bundesministerien - stolz ihr neuentdecktes Streben nach "Agilität". Da werden Digitalisierungsprojekte nach Scrum angepackt (oder nach "Scrum"), eGovDigiLabs eingerichtet (auf Deutsch: eGovernment Digitalisierungs-Laboratorien, in die Bürger:innen einbezogen werden), DesignThinking-Workshops machen Furore und WoL-Circle werden flächendeckend ins Leben gerufen.

Aber das scheint alles ein Wellenkräuseln an der Oberfläche zu sein. Unberührt davon geht in den Tiefen der Verwaltung alles seinen gewohnten Gang. Das Motto heißt: "Wenn Agilität, dann bitteschön bestenfalls in einzelnen abgeschirmten Projekten. Aber auf keinen Fall in der täglichen Routine, beim Fällen von Entscheidungen."

Alle agilen Konzepte

  • Arbeit in crossfunktionalen Teams, wenn mehrere Abteilungen ihre Expertise zu einer Entscheidung beisteuern müssen, statt eingemauerter Silos;
  • Einbeziehung der betroffenen Bürger oder sonstigen Anspruchsberechtigten: der "Verwaltungskunde" als Teil der Lösung, nicht als Problem;
  • größerer Entscheidungsspielraum für die Sachbearbeiter:innen, die praktische Lösungen für Kundenanliegen suchen, statt dauernden Zwangs, seine Entscheidungen durch die Vorgesetzten absegnen zu lassen (mit entsprechenden Durchlaufzeiten und restriktiveren Entscheidungen - gerade in politisch dominierten Behörden sind die oberen Hierarchen meistens ängstlicher - "Was könnte die Presse sagen? Oder gar Gemeinderat Meyerbeer aus der Mehrheitsfraktion??" - als die Sachbearbeiter:innen);

werden auf dieser Basisebene der direkten Dienstleistungserbringung in den allermeisten Verwaltungen ängstlich abgeblockt.

Es geht aber noch weiter. Es gibt Leistungen der Verwaltung, die keine bezahlten Dienstleistungen von „Kunden“ sind. Das sind die Infrastrukturleistungen. In dem Maße, wie neoliberale Konzepte von der Zurückdrängung des Staates seit Ende der 1980er Jahre die politische Agenda beherrschten, gerieten die Zukunftsinvestitionen tendenziell aus dem Blick. Staatliche Leistungen wurden teils outgesourct, teils aufgeschoben („Investitionsstau“), teils einfach ignoriert.

Ich habe für diesen Beitrag nochmal nachrecherchiert: Schon im April 2020 hat Bill Gates, bestimmt kein Feind der kapitalistischen Marktwirtschaft, die Staaten aufgefordert, Impfstofffabriken zu bauen. Es war also lange vor der Entwicklung eines Impfstoffs, dass dem Microsoft-Gründer die heraufziehenden Probleme eines schnellen Anlaufens von Produktion und Verteilung klar vor Augen standen. Und auch die Schlussfolgerung: der Markt kann dieses Problem nicht richten, weil er die Sicherheit eines existierenden Wirkstoffs braucht, um das Investitionsrisiko für riesige Produktionsfabriken im erforderlichen Umfang einzugehen.

Man stelle sich vor, die öffentliche Verwaltung in Deutschland hätte diese Anregung aufgegriffen. Wie viele Tote hätten verhindert werden können? Wir hätten die skandalöse private Vermarktung der Impfstoffpatente verhindern können. Wir hätten die Versorgung der ärmeren Weltregionen - die mangels zahlungskräftiger Nachfrage für "den Markt" nicht von Interesse sind - von vornherein mitdenken können. Wir hätten uns 10.000 Tonnen Krokodilstränen der Verantwortlichen gespart und damit seelische Wüsten wässern können.

Aber noch einmal: die öffentliche Verwaltung ist aufgrund ihrer ideologischen Scheuklappen der Marktanbetung zurzeit überhaupt nicht in der Lage, sich solcher Aufgaben zu stellen und sie dann mit agilen Vorgehensweisen anzupacken. Auch hier braucht es Druck von außen, aus der Zivilgesellschaft.

Und diesen Druck ein Stück weit zu organisieren und uns, die sich die Verbreitung agiler Haltungen in der Verwaltung zum Ziel gesetzt haben, zu unterstützen - dazu möchten wir euch herzlich einladen. Am Dienstag, 2. März 2021, von 9 bis 17 Uhr veranstalten wir ein Online-Barcamp und suchen dafür noch Unterstützer aus der Zivilgesellschaft. Nähere Informationen und das Anmeldeformular findet ihr unter https://barcamp.kompetenzmanufaktur-agileverwaltung.org/. Eine Klarstellung: Es ist vorgesehen, für die Anmeldung eine Gebühr zu erheben. Die dient aber vor allem der Sicherung einer gewissen Verbindlichkeit der Anmeldung. Wer als Vertreter:in der Zivilgesellschaft teilnehmen möchte, kann uns eine E-Mail schicken (kontakt[ätt]agile-verwaltung.org, Stichwort: "Barcamp New Work") und erhält ein Promo-Ticket, solange noch Plätze frei sind.

 


  

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