Montag, 26. Dezember 2016

Jesus, der Super-Empath

Im Stress der Weihnachtstage passiert es leicht, dass man den eigentlichen Anlass aus den Augen verliert. Aber ist die Botschaft des Weihnachtsfestes heute noch relevant?


Ich bin viel mit der Bahn unterwegs. Häufig erfordert es viel Geduld, nach einer Trainingswoche in vollen Zügen die Spleens der Mitreisenden zu ertragen:
  • Hier ist eine Familie mit kleinen überdrehten, lauten Kindern. 
  • Dort macht sich ein älteres Ehepaar gegenseitig an, weil der Mann nicht schnell genug die Koffer bewegt. 
  • Drüben bekomme ich ein Gespräch zwischen dem Zugbegleiter und einem Student mit, der eine falsche Fahrkarte hat. 
  • Ein Fahrgast telefoniert sehr laut und hinter mir isst eine Frau Chips.

Je mehr ich unterwegs bin und je mehr ich Menschen beobachte, desto mehr beginne ich, Jesus von Nazareth zu verstehen. Vielleicht ist seine Leistung in der Sprache, die wir heute in den Kirchen hören oder in den religiösen Texten lesen, nicht so klar erkennbar.

Jesus von Nazareth hatte eine ganz einfache Botschaft: Liebt einander. Aber was bedeutet das heute? Jesus war sehr empathisch. Er spürte, wie es jedem einzelnen ging.

Nehmen wir unsere eigenen Bedürfnisse wahr?

Was wäre, wenn all unsere Bedürfnisse gerechtfertigt wären? Was bedeutet das in meinem vollen Wagen?
  • Die Familie mit den lauten Kindern ist schon lange unterwegs. Normalerweise sind die Kinder um diese Zeit schon im Bett. Sie sind müde und können nicht mehr. Auch die Eltern sind kaputt.
  • Das alte Ehepaar kann nicht mehr so schnell wie früher. Beide sind unzufrieden, dass sie nicht mehr so fit und beweglich sind. Sie haben Angst, zu fallen und wollen schnell im Sessel sitzen. 
  • Der Student fährt eigentlich immer mit dem Auto. Aber nun ist es kaputt. Er musste sich beeilen und hat einfach nicht verstanden, woher die Preisunterschiede bei den Fahrkarten kamen und welche Auswirkungen das hat.
  • Der laute Fahrgast hätte gern Feierabend. Aber er muss jetzt noch etwas Wichtiges regeln. Leider ist die Person, die ihm helfen kann nicht mehr da. Ein Kollege muss einspringen. Aber der kennt sich im Vorgang nicht aus. Zudem bricht immer wieder die Verbindung ab und der laute Fahrgast weiß nicht, was sein Kollege als letztes verstanden hat.
  • Die Frau hinter mir hat Hunger. Das beste, was der Automat am Bahnsteig hergab, war ein Tüte Chips.
Wenn Jesus neben mir im Zug gesessen hätte, hätte er mich genau darauf hingewiesen. Auch wenn er selbst müde und ausgelaugt gewesen wäre. Er hätte mich angesprochen: "Jan, das Paradies, das Himmelreich wäre, wenn wir mit unseren Bedürfnissen voll und ganz von uns selbst und von anderen akzeptiert würden."

Alle Menschen leiden

Aber war auch ein guter Psychologe. Er hat den Schmerz und die inneren Konflikte verstanden. Er konnte die Zerrissenheit sehen.
  • Die Eltern machen sich an und doch denken sie: "Ich wäre Dir so gern so nah. Aber mein Bedürfnis nach Ruhe ist nicht erfüllt und jetzt habe ich etwas gesagt, was ich nicht wollte. Aber ich kann es auch nicht zugeben."
  • Die ältere Dame ist unsicher: "Ich habe Angst, mich zu bewegen. Ich sehe so schlecht. Ich möchte, dass Du mich hältst. Aber stattdessen beschimpfe ich Dich."
  • Der Student denkt: "Du blöder Zugbegleiter. Natürlich habe ich jetzt verstanden, dass meine Fahrkarte nicht gültig ist. Ich ärgere mich über mich selbst. Würdest du mir jetzt nicht drohen, hätte ich das auch sofort zugegeben."
  • Der laute Fahrgast weiß, dass er laut telefoniert. Innerlich macht er sich Vorwürfe: "Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll. Von morgens bis abends schufte ich. Aber es reicht immer noch nicht. Ich möchte so nicht leben."
  • Die Frau mit der Chipstüte fragt sich, warum sie keine Zeit hatte, gut zu essen: "Immer ist mir etwas anderes wichtiger. Nie komme ich dazu, auf mich zu achten. Ich bin ein undisziplinierter Mensch."
Jesus würde alle diese Menschen symbolisch umarmen und ihnen signalisieren: "Ja, ich verstehe ich Dich. Ich weiß, was in Dir vorgeht. Keine Angst. Gib mir Deinen Schmerz, wenn es Dir so besser geht."

Und dann lenkt er unseren Blick auf die anderen Menschen um uns herum: "Sieh mal, vielleicht geht es den anderen um Dich herum ähnlich. Ich glaube, da freut sich einer, wenn Du ihm Deine Nähe gibst. Sei doch ein bisschen da." Jeder kann so beitragen, dass wir das Paradies auf Erden erreichen.

Und deswegen ist Glauben auch heute noch so wichtig. Es gibt keine Beweise dafür, dass sich das Gute immer durchsetzt. Aber der Glaube, dass es so sein könnte, treibt uns an, empathisch zu sein, es zumindest zu versuchen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern im Namen der Redaktion des Teamwork-Blogs einen empathischen Jahreswechsel. Alles Gute für Sie und Euch für das neue Jahr.

Euer Jan Fischbach

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