Montag, 22. Juni 2015

Selbstorganisation im Jahr 1807

Der Niederländer Ben Kuiken hat mich in einem seiner Bücher /1/ auf die Ursprünge von Selbstorganisation hingewiesen. Er geht bis ins Jahr 1807 zurück. Das hätte ich nicht gedacht.
1806 unterliegt Preußen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt. Der Zusammenbruch war weniger eine Folge der militärischen Überlegenheit Frankreichs, sondern hatte vor allem innerpreußische strukturelle Gründe. Ab 1807 werden eine Reihe von Reformen in der Verwaltung, im Militär und in der Bildung gestartet.

1807 wird die "Auftragstaktik" erfunden

Ich lese bei Ben Kuiken in "De laatste manager" /1/, dass der Ursprung der Selbstorganisation die "Auftragstaktik" ist. Da habe ich etwas weiter recherchiert. Gerhard von Scharnhorst /2/ hatte sich dafür eingesetzt, dass Soldaten bei militärischen Einsätzen anders geführt werden müssen. Bis dahin galt, dass die Soldaten genau das zu tun haben, was die Vorgesetzten anweisen. Wer sich nicht daran hielt, wurde körperlich bestraft.

Die "Auftragstaktik", genauer gesagt "Führen mit Auftrag", ist - wenn man das mal so euphemistisch sagen darf - aus militärhistorischer Sicht der entscheidende Faktor für die Erfolge der deutschen Streitkräfte im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Bei der Führung mit Auftrag bestimmt der Vorgesetzte das Was und den Rahmen. Wie dieses Ziel erreicht wird, entscheiden die Soldaten selbst. Das ist ganz ähnlich, wie moderne Führungskräfte oder Scrum Product Owner mit ihren Teams arbeiten.

Warum kam Scharnhorst überhaupt auf diese Idee? Und muss sie nicht auf Widerspruch bei den etablierten Führungskäften gestoßen sein?

Scharnhorst hatte viele Verbesserungsideen. Weil seine Vorgesetzten seine Ideen nicht annahmen, wechselte er 1801 von der Hannoverschen Armee in die preußische. Er war beeindruckt, wie Napoleon seine Armee rekrutierte. Das waren Freiwillige, die für den Staat kämpften. Diese Idee wollte er auch im preußischen Herr einführen. Wer freiwillig kommt, den muss ich auch anders behandeln. Deswegen wurde die Prügelstrafe zugunsten von Freiheitstrafen abgeschafft. Dies ist eine große Änderung im Menschenbild: Wem man Freiheit nimmt, dem muss man sie vorher gewähren. Die Ursprünge der Wehrpflicht fallen ebenfalls in diese Zeit.

Scharnhorst sah, dass das Mikromanagement der Offiziere nicht funktionierte:
  • Es wurde anders gekämpft als früher. Die Lage war viel komplexer, sodass eine Führungskraft gar nicht alle Informationen hatte. Selbst wenn, konnte sie nicht schnell genug entscheiden. Schon aus dieser Sicht war es sinnlos, jedem einzelnen Soldaten Anweisungen zu geben, wohin er zu gehen hatte. /3/
  • Viele Offiziere hatten vorsichtig ausgedrückt keine Ahnung vom Geschäft. Die waren wegen irgendwelcher Titel oder Beziehungen Offizier, aber nicht weil sie kompetent waren. Komplexe Lage mit Unfähigkeit gemischt ist keine gute Voraussetzung für Erfolg. Scharnhorst hat sich sehr für Ausbildung der Offiziere und den Aufstieg durch Leistung und Kompetenz eingesetzt /4/.

Den alten Offizieren müssen die Ohren geklungen haben, als Scharnhorst forderte, dass jeder Soldat selbst überlegen sollte, wie er sein Ziel erreichen kann. Tatsächlich hat es bis zu deutschen Einigungskriegen gedauert, bis sich die "Auftragstaktik" endgültig durchgesetzt hat. Im Wikipedia-Beitrag über Führung mit Auftrag wird auf eine Rezension des Buchs "Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer 1871 bis 1914" /5/ hingewiesen. Dort kann man nachlesen, dass die Gegner dieses Führungssystems (die Normaltaktiker) zwar prinzipiell dafür waren, aber glaubten, dass die Soldaten engere Vorgaben brauchten.

Scharnhorst hatte unmittelbar nach seinem Dienstbeginn in der preußischen Armee einen Verein gegründet, die Militärische Gesellschaft, in der er neue Ideen über Kriegskunst und Führung diskutieren ließ. In diesem Verein waren nicht nur reformorientierte Offiziere, sondern auch konservative und reaktionäre Soldaten. Das war praktisch der Vorläufer für die ganzen Barcamps, bei denen man sich heute über neue Bücher und Ideen über Führung austauscht.

Aus meiner Sicht hat er die Arbeitsweise von den Freimaurern übernommen. Scharnhorst war seit 1779 Mitglied in einer Loge in Göttingen. Dort wurden regelmäßig Vorträge gehalten und später diskutiert. Die Freimaurer pflegen die fünf Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ich glaube, dass diese Ideale sein Denken und Handeln beeinflusst haben.

Viele von Scharnhorsts Schülern haben die Heeresreform umgesetzt. Scharnhorst selbst starb schon 1813. Unter seinen Schülern war zum Beispiel ein gewisser Herr von Clausewitz.

Hat sich was geändert?

Irgendwie könnte das alles auch heute spielen:
  • Es gibt einen zaudernden Chef, der den Reformern erst zuhört, als die Katastrophe bereits eingetreten ist.
  • Radikale Selbstorganisation funktioniert. Aber immer wieder gibt es Gegner, die eine pragmatische Anpassung an die Gegebenheiten und mehr Regeln einfordern.
  • Die Ideengeber veröffentlichen viel und vernetzen sich in verschiedenen Gruppen. Durch die Vernetzung lebt die Idee weiter.
  • Die Reformer müssen politisch umsichtig handeln. Sie leiden unter der Arroganz und Inkompetenz derjenigen, die an der Macht sind.
  • Es kommt auch stark auf die Werte und das Menschenbild an, die hinter den neuen Ideen stecken.
Manchmal lohnt sich ein Blick in die Geschichte.

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