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Wer nicht Nein sagen kann, dessen Ja ist nichts wert.

Klar, wir wollen hilfsbereit sein, Dinge möglich machen, niemanden enttäuschen. Das ist eine gute, eine schöne Motivation, ein schönes Ziel. Nur: Wer immer ja sagt, gefährdet genau das: das gute Ergebnis. Ein Plädoyer für leistungsorientierte Ehrlichkeit.

Eine Frau in einem Zettelchaos. Auf manchen Zetteln steht ein großes Ja
Foto: Vibe (mit Hilfe von KI und des Autors)

Na, wie viele Themen stehen gerade auf deiner Liste? Oder auf dem Backlog deines Teams? Zu viele? Dann bist du bzw. seid ihr in guter Gesellschaft. Das ist nämlich bei den meisten so.

Denn die Realität ist: Wir nehmen uns zu viel vor. Für uns selbst. Und für andere.

Kommt eine Anfrage, ein Wunsch, ein „Könntet ihr da nicht mal schnell…", sagen wir oft automatisch und unüberlegt: Ja. Natürlich sagen wir Ja. Schließlich wollen wir hilfsbereit sein, kooperativ, teamfähig.
Wir wollen freundlich sein, keinen Stress haben. 

Und den hätten wir. Denn ein Nein tut erst mal weh. Vor allem uns selbst - und unserem Ziel bzw. unserem Wunsch, geliebt, äh, Entschuldigung: anerkannt zu sein. Als leistungsfähige Macherinnen und Macher. Menschen, die ihre Arbeit erledigen. Gut, zuverlässig. So, wie man das von ihnen verlangt.

Also sagen wir Ja. Und dann nochmal. Und dann: nochmal. 

Ja. Gewohnheitsmäßig.

Irgendwann merken wir aber, dass wir überall dort, wo wir Ja gesagt haben, nicht liefern können. Zumindest nicht schnell. Denn plötzlich haben wir - natürlich - für nichts mehr richtig Zeit. 

Wie gesagt: Willkommen in der Welt der allermeisten Menschen, der allermeistn Teams und der allermeisten Unternehmen hierzulande (und auch anderswo auf dieser Welt). Denn das ist normal. Alles halb so wild also?

Äh. Nein. Im Gegenteil sogar! 

Es ist ein wirklich riesiges Problem. Denn alles bleibt zwischen unserem Ja und der Fertigstellung stecken.  

Und noch etwas anderes ist nicht gut: Wir verlieren unsere Glaubwürdigkeit - und das zurecht.

Wo ist die Schwierigkeit?

Wenn wir allem zustimmen, haben nur eine Aneinanderreihung von Aufgaben gleicher Wichtigkeit. Also: keine Prioritäten. Deshalb ist wichtig, Prioritäten zu setzen. Und das heißt anders herum: Unwichtiges abzuwählen.

Das klingt banal. Ist es aber nicht. Zumindest nicht in unser aller Psycho- und auch Sozio-Logik. 

Denn wenn wir eins in unserer Leistungsgesellschaft gelernt haben, dann das: Es geht um Leistung. Und darum, den Willen zu Leistung zu bekunden. Und beides permanent zu demonstrieren. 

Und genau das machen wir mit unserem andauernden und undifferenzierten "Ja" - und auch übrigens, wenn wir andauernd und undifferenziert Ja, also Leistung und Leistungsbereitschaft einfordern.

Wir unterstellen uns und anderen - meistens unbewusst und unreflektiert denn wir das haben zutiefst verinnerlicht: Wer Ja sagt, will leisten. Umgekehrt heißt das natürlich auch: Wer nein sagt, will es nicht, ist vielleicht stur, eigen- oder widersinnig, unkollegial, ja vielleicht sogar eine Gefahr?!

Ja, das klingt banal. Und doch ist es der Grund dafür, dass ständig Projekte aufgesetzt, Features ergänzt und Sonderthemen bedient werden, ohne dass irgendetwas anderes dafür wegfällt oder auch nur hintangestellt wird. 

Das Leistungssystem muss gefälligst weiterlaufen wie gehabt - nur ja keine Blöße geben, nur ja nicht den Anschein erwecken, man wolle oder könne nicht. Ja, ich kann kann! Ja ich will! Ja, wir alle können und wollen!  

Nur fahren jetzt alle zwangsläufig mit noch mehr Last. Und alle müssen noch länger auf Ergebnisse warten.

Das ist natürlich anstrengend. Und frustierend. Und auch frustrierend unprofessionell.

Wer nicht priorisiert, entscheidet trotzdem

Wer sich nicht entscheidet, entscheidet trotzdem. Nur eben nicht selbstbestimmt. Die Reihenfolge entsteht dann nicht durch selbst gewählte, geordnete, bewusste, hoffentlich vernünftige Entscheidungen, sondern alleine durch Dringlichkeit. 

Wenn dann wenigstens nur noch die wichtigsten und gleichzeitig dringendsten Dinge getan würden, wäre das ja noch halbwegs zu ertragen.

Doch die Erfahrung lehrt uns: Darüber entscheiden dann die, die am lautesten sind und das Machtspiel am besten spielen. Die, die am besten Druck machen können, aber selten Verantwortung übernehmen müssen.

Und diese stillen Art der Priorisierungen des Alltags hat noch andere unangenehme Eigenschaften: Sie sind meist nicht die klügsten. 

Zu manchem Nein zu sagen, manches wegzulassen oder hintanzustellen, ist keine Machtdemonstration von Verweigerern. Es ist das Handwerkzeug der Profis, derer, die wollen, dass am Ende etwas Gutes und Ganzes steht. Auch jener Menschen, die das Machtspiel anerkennen und gut mitspielen wollen.

Nichts zu streichen ist dagegen der andere Weg. Der Weg der Selbstaufgabe. Der Verschwendung. Der Weg derer, denen am Ende alles egal ist, Hauptsache, sie haben sich rechtzeitig aus der Verantwortung stehlen können.

Oder derjenigen, die es nicht besser wissen.

Eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen diskutieren
Foto: Vibe (mit Hilfe von KI und des Autors)

Was also tun?


Der erste Schritt ist eine ehrliche Antwort: Zu welcher Gruppe gehöre ich/gehören wir? Oder will ich/wollen wir gehören? Und dann: Was ist wirklich wichtig? Mir? Uns? (Am besten mit dem Team zusammen entscheiden.)

Der zweite Schritt ist, das Ergebnis auch zu kommunizieren. Also: Nein sagen zu dem, was nicht sein muss oder nicht geht. Und ja zu allem anderen. 

Und das auch dorthin tragen, wo es hingehört. Mit allem, was dazugehört. Und das ist vor allem: Erklären, dass man nicht Nein sagt, weil man nicht leisten möchte. Sondern genau aus dem gegenteiligen Grund: Weil man das bestmögliche Ergebnis erzielen will.

Ein professionelles Nein ist eben keine brüske Abfuhr. Es ist eine Aussage darüber, was wie wichtig ist. Eine Aussage über Prioritäten „Wir schaffen Thema X nicht in zwei Wochen mit genau dieser Qualität – aber wenn ihr es uns erst mal rudimentär implementieren lasst und dann noch Zeit gebt, dann habt ihr es bis Ende des Monats drin." 

Das ist keine Leistungsverweigerung. Das ist professionelles Management.

Ein Kollege sitzt an seinem Schreibtisch und blickt zufrieden auf seinen Projektplan. Im Hintergrund stehen zwei Kolleginnen.
Foto: Vibe (mit Hilfe von KI und des Autors)

Am Ende bleibt eine einfache Wahrheit

Wenn wir niemals Nein sagen, versprechen wir allen alles. Und so laufen wir Gefahr, am Ende als die  dazustehen, die eben gar nichts bringen. So verlieren wir am Ende auch die, denen wir eigentlich helfen wollten.

Also: Sagen wir lieber so oft es geht ein gutes, ehrliches, begründetes Nein. Denn so können wir zu den wirklich wichtigen Dingen umso besser, ehrlicher und verlässlicher Ja sagen - und uns dann auch darum kümmern, dieses Ja auch zu erledigen.

Wir sollten nicht überrascht sein, wenn dann die Dinge besser laufen. 😉

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