"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Dieses Sprichwort birgt zwar Wahrheit, ist allerdings eine stark vereinfachende Darstellung. Seit einiger Zeit interessiere ich mich für Visualisierung von Inhalten in Form von Graphic Recording und wollte dessen Funktionsweise gerne etwas besser verstehen.
Graphic... was? Ist das was zu essen?
Eine Zeitlang war Graphic Recording alles, was damit zu tun hatte, einen Stift halten zu können, so Insider, und Aufträge seien fast wie selbstverständlich erteilt worden. Der Begriff sei jedoch "verwässert" worden, der Kunde "weiß nicht, was er bekommt", hörte ich in der Aufzeichnung einer Veranstaltung. Hier möchte ich nun meine Erkenntnisse aus der Wissenschaft zur Funktionsweise und zu möglichem Zusatznutzen von gut gewählten Visualisierungen teilen.
Frühere wissenschaftliche Grundlagen
Bereits in den 70er Jahren des vorigen Jahrtausends kam die wissenschaftliche Sicht auf, dass es im Gehirn zwei verschiedene, voneinander unabhängige Codierungssysteme gebe, verbal und imaginal (räumlich/bildhaft), über die der Mensch Informationen speichern und abrufen kann.
Nach einer Theorie, die im Wesentlichen auf den Forschungsarbeiten von Allan Paivio /1/ gründet, wird ein dargebotenes Wort meist nur verbal abgespeichert, während ein dargebotenes Bild sowohl als Bild gespeichert wird als auch den passenden Begriff dafür aktiviert, also in beiden Systemen gespeichert wird und daher eine signifikant bessere Erinnerungsleistung ermögliche. Diese Theorie wurde unter dem Namen "Dual-Coding-Theorie" bekannt und durch diverse Experimente unterlegt (siehe weiter unten).
Wer Bilder sofort begriff, blieb am Leben
Nach der Gültigkeit dieser Forschungsergebnisse befragt, antwortete mir Google Gemini: "Visuelle Reize werden schneller verarbeitet als Text oder Symbole, weil unser Gehirn Bilder direkt als ganzheitliche Muster erkennt und im visuellen Kortex parallel verarbeitet. Abstrakte Symbole und Buchstaben erfordern dagegen einen umständlichen kognitiven Umweg: Sie müssen mühsam in Laute oder Grundbedeutungen übersetzt werden, bevor das Gehirn sie versteht." Es habe für die herausragende Bildverarbeitung in unserem Hirn einen evolutionären Vorteil gegeben: "Schnelle Gefahr: Früher mussten Menschen Raubtiere oder Feinde in Sekundenbruchteilen im Busch sehen und erkennen. Überleben: Wer Bilder sofort begriff, blieb am Leben." Klingt einleuchtend.
(Bildquelle: händisch erzeugtes eigenes Cartoon)
Erinnerungsleistung: Sind Bilder Wörtern einfach überlegen?
In Experimenten, die Paivio und Katia Csapo /2/ 1973 durchführten, sollten Testpersonen Wörter und Bilder entweder verbal enkodieren (d. h. Wörter oder Bildbeschreibungen schreiben oder aussprechen) oder
bildhaft enkodieren (d. h. sie zeichnen oder sich Bilder oder Objekte, die durch Wörter bezeichnet werden, vorstellen). In anschließenden Tests zur Erinnerung an das dargebotene Material konnten sich die Testpersonen besser an konkrete Bilder als an Wörter erinnern. Dieser Effekt war reproduzierbar und wurde als "Picture Superiority Effect" bezeichnet, Überlegenheit von Bildern gegenüber verbalem Material bei Erinnerungsleistungen.
Beide Reizarten gleichzeitig verfügbar - was passiert?
In einem weiteren Experiment, einem Lernexperiment, wurden Reize für sowohl verbale als auch bildhafte Codierung bereitgestellt: Bild- Bild-, Bild-Wort-, Wort-Bild- sowie Wort-Wort-Wiederholungen. Die Erinnerungsleistungen waren bei allen Bedingungen für Bilder besser, außer, wenn bildhafte Repräsentationen für Wörter gefunden werden sollten.
Dual Coding-Theorie
Die Experimente legen bis hierhin nahe, dass bildhafte und verbale Codierung voneinander unabhängige Systeme sind, die sich bei Erinnerungsleistungen jedoch addieren. Bildhafte Repräsentationen trugen zu besserer Erinnerungsleistung bei als verbale. Hieraus schlussfolgerten die Autoren: "(...) Thus the usual superiority of pictures in free recall is best explained by dual encoding, or a combination of image superiority and dual coding, both of which are ordinarily favored when items are presented as pictures." /3/ Doppelte Speicherung von Inhalten führt nach dieser Theorie zu besserer Erinnerungsleistung, bei der Speicherung wird zudem der visuelle Kanal bevorzugt. Die "Dual-Coding Theory" war geboren.
(Bildquelle: händisch erzeugtes eigenes Cartoon)
Multimedia Principle nach R. Mayer
Richard E. Mayer veröffentlichte 2001 erstmalig seine "Cognitive Theory of Multimedia Learning". Nach Mayer bedeutet "Multimedia", dass Informationen ebenfalls über visuelle und verbale Kanäle präsentiert werden, dabei durch ihre Beschaffenheit aber auch bestimmte Prinzipien des Multimedia-Lernens erfüllen sollen. /4/ Es geht also nicht darum, einfach nur "irgendwo" ein Bild dazuzumalen, das etwas visualisiert, das auch als Begriff gezeigt wird. Graphic Recording-Expert:innen wissen, dass die visuelle Darbietung passend sein, gewisse Kriterien erfüllen muss.
Aufbau einer mentalen Repräsentation von Inhalten
Laut Mayer wird beim Lernen das neue Material zuerst im sensorischen Gedächtnis einer Person gespeichert. Danach wird die Information verarbeitet, um sie zu "lernen", dies geschieht im Arbeitsgedächtnis. Die lernende Person muss dabei entscheiden, welche Teile der Information jeweils ins Arbeitsgedächtnis übernommen werden, um verarbeitet zu werden. Nach Mayer wird solchermaßen eine mentale Repräsentation der Lerninhalte oder ein Informationsmodell aufgebaut.
Fünf Modellstrukturen für den Aufbau eines Informationsmodells
Informationsmodelle können sinnvoll strukturiert werden, um das Lernen der Inhalte zu erleichtern. Mayer beschreibt fünf Modellstrukturen, die jeweils spezielle Informationen enthalten und auch jeweils einer visuellen Darbierungsform entsprechen:
➡️ "(...) process structure: holds an explanation for how a system works and can be represented as a cause-and-effect chain.
➡️ comparison structure: compares multiple points between two or more items and is often represented as a matrix
➡️ generalization structure: organizes a main idea and the subordinate supporting details, which can be represented as a branching tree
➡️ enumeration structure: collection of items, can usually be represented as a list because the items in the collection are equal
➡️ classification: includes sets and subsets and can be represented as hierarchies. (...)"
Das der lernenden Person präsentierte Informationsmaterial sollte diese Strukturen berücksichtigen und die lernende Person beim Aufbau einer mentalen Repräsentation leiten und unterstützen.
5 Design-Methoden für unterstützende Bilder
Gemäß Mayers Forschung helfen fünf Multimedia-Designmethoden dabei, mentale Überlastung zu minimieren, die durch Verarbeitung irrelevanter Information entstehen kann. Dierse Designmethoden basieren auf "(...) coherence, signaling, redundancy, spatial contiguity, and temporal contiguity principles.(...)"
Das Prinzip der räumlichen Nähe etwa besagt, dass Inhalte besser aufgenommen werden, wenn Text direkt neben einer korrespondierenden Grafik platziert wird. Dadurch muss der Blick von Betrachter:innen nicht hin- und herwandern, und die Inhalte können sofort aufgenommen werden ("(...) reduced cognitive load: Placing text directly next to its corresponding graphic stops the eyes from moving back and forth.(...)")
(Bildquelle: händisch erzeugtes eigenes Cartoon)
Auch sollte vermieden werden, dass sich Aufmerksamkeit aufteilen muss. Wenn Lernelemente, die eigentlich zusammengehören, getrennt dargeboten werden, muss das Arbeitsgedächtnis Energie aufwenden, um sie wieder "zusammenzubringen". Zusammenhänge werden durch räumliche Nähe von visuellen und textuellen Elementen auf einen Blick erkennbar. /5/
Transferaufgaben als Indikator für Lernen - Testergebnisse
Insgesamt führte Mayer 11 experimentelle Tests durch, und in allen schnitten bei Transferaufgaben diejenigen Gruppen besser ab, die Wort und Bild präsentiert bekommen hatten, als diejenigen, die nur eine verbale oder nur eine visuelle Darstellungsform erhalten hatten.
"Animationen brauchen Erklärungen"
Ein spannendes Experiment in diesem Zusammenhang, das Meyer und Anderson 1991 durchführten, heißt "Animations need narrations" /6/. Ausgangsfrage war, inwieweit eine verbale Erklärung zusammen mit einer Animation oder aber ausschließlich eine verbale Erklärung bei Testpersonen das Verständnis für einen dynamischen Vorgang verbessert.
Dazu wurde in einem Experiment zwei in Mechanik unbeleckten Gruppen die Funktionsweise einer Pumpe gezeigt. Die erste Gruppe erhielt eine verbale Erklärung, wie die Pumpe funktioniert, und sah anschließend den Film dazu, während die zweite Gruppe beide Repräsentationen (visuelle und verbale Darbietung) gleichzeitig erhielt. In einer späteren Untersuchung schnitt die zweite Gruppe signifikant besser ab, als es darum ging, kreative Problemlösungen zu entwickeln, die u. a. auf Schlussfolgerungen darüber basieren, wie die gezeigte Pumpe tatsächlich funktioniert.
(Handbetriebene Hubkolbenpumpe; Bildquelle: Wikipedia auf https://de.wikipedia.org/wiki/Hubkolbenpumpe#/media/Datei:Hand_pump-de.svg)
Anwendungsgebiet Fremdsprachenlernen
Ähnliche Experimente untersuchten die Effekte der Kombination von sprachlichen und bildhaften Informationen beim Erlernen von Fremdsprachen (Zhang, Sala & Gobet, 2025) /7/ Fremdsprachen-Lerninhalte wurden in der Muttersprache (verbal), als visueller Reiz oder als Mischung aus Muttersprache und visuellem Reiz präsentiert. Das Experiment wurde mit insgesamt über 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt.
Dabei zeigte sich, dass die Mischung aus Muttersprache und visuellem Reiz reproduzierbar bessere Ergebnisse beim fremdsprachlichen Vokabellernen bei den Proband:innen ermöglichte als nur muttersprachliche oder nur visuelle Information.
Bei zeitlichen verzögerten Nachtests schwächte sich dieser Effekt jedoch ab: "(...) No significant difference was found between the within-domain and cross-domain conditions in L2 vocabulary learning. (...)" Es spricht also einiges dafür, beim Fremdsprachenlernen am besten beides zu verwenden, Wörter der Muttersprache UND Bilder.
Wissenschaftsstreit "Distinktheit" vs. "Dual Coding"
2025 wurde eine vielbeachtete Studie von Higdon et al. veröffentlicht, laut der der Picture Superiority-Effekt durch Distinktheit, nicht durch die Dual Coding-Theorie, erklärt werden müsse. Die Eindeutigkeit und Unterscheidbarkeit eines Reizes von anderen Reizen wird von den Autoren als Erklärung für den Picture Superiority Effect herangezogen.
Sie berufen sich dabei auf ein Experiment von Ensor, Surprenant et al. aus dem Jahr 2018, bei dem die Unterscheidbarkeit von Wörtern und Bildern durch Modifikation von Schriftart (bei Wörtern) und Farbe einander angeglichen wurde /8/: "(...) Ensor, Surprenant, et al. tested these accounts in old/new and forced-choice recognition by increasing the physical distinctiveness of words and decreasing the physical distinctiveness of pictures. Half of the words were presented in standard black font, and half were presented in varying font styles, font sizes, font colours, and capitalisation patterns. Half of the pictures were presented in black and white and half in colour. Consistent with the physical-distinctiveness account but contrary to the dual-coding account, the picture-superiority effect was eliminated when comparing the black-and-white pictures to distinctive words."
Wurden in entsprechenden Tests Bilder in schwarz-weiß und Wörter in ausgefallenen Fonts und Farben präsentiert, wurde der von anderen Wissenschaftler:innen in früheren Experimenten beobachtete Picture Superiority Effect eliminiert.
Experimente mit Aphantasiker*innen
In einem brandneuen Experiment wählten Yan, Roberts und Bainbridge (2026) den Ansatz, die Dual Coding-Theorie über Aphantasiker:innen als Testpersonen zu verifizieren /9/.
Das Gehirn von Personen mit Aphantasie ist - als neurokognitive Variante einer Ausprägung des Gehirns - nicht dazu in der Lage, bildhafte mentale Repräsentationen zu erzeugen. Diese Testpersonen sollten also der Hypothese nach nicht von der Dual Coding Theory profitieren können, da ihnen der visuelle Kanal für die Erinnerung fehlt. Im Experiment zeigte sich aber, dass selbst bei diesen Personen ein Picture Superiority Effect beobachtet werden konnte. Verwendete Stimulustypen waren Bilder, Symbole, Bildbezeichnungen und Symbolbezeichnungen.
Dieses Ergebnis stellt die Annahme infrage, dass der Picture Superiority Effect dadurch entsteht, dass
ein Bild eine visuelle mentale Repräsentation des Lernmaterials erzeugt.
Stattdessen nehmen die Autoren an, dass "physische und konzeptuelle Unterscheidungsmerkmale" dazu führen könnten, dass Symbole besser erinnerbar sind als Wörter: "(...) For instance, the word "play" has many related terms such as "begin," "start," and "commence," and is further crowded in semantic space as it can also refer to games, theatrical performances, or a strategy. In contrast, the play symbol (▸) stands in relative semantic isolation, with no other symbol conveying a similar meaning (Roberts et al., 2023). These physical and conceptual distinctiveness properties could make symbols more memorable than words, independent of any dual-coding benefit. (...)"
Bezug zu Teamwork
Wo bleibt denn da die mentale, konzeptuelle Brücke? Wir sind hier im Teamworkblog, und primär habe ich mir die Freiheit genommen, mich mit etwas zu beschäftigen, das mich selbst gerade sehr interessiert. Es gibt aber ja eine Querverbindung zu Teamarbeit. Viele Graphic Recorder*innen, so mein Kenntnisstand, hätten einen Hintergrund als Berater*in, Coach oder Facilitator*in.
Wenn statt der in Coaching-Kreisen "ppt-Folienschlachten" genannten Vorgehensweisen zur Informationsvermittlung häufiger Graphic Recording zum Einsatz käme, das den oben beschriebenen Kriterien genügte, hätte das folgende Effekte:
✏️ Inhalte aus Workshops bleiben länger im Gedächtnis
✏️ Nebeneffekte wie "Identifikation" ("meine Inhalte werden da gerade auf diese riesige Papierwand gezeichnet, und alle, auch der Chef, können sie sehen")
✏️ verbessertes Verinnerlichen der Lerninhalte bzw. erhöhte mentale Transferleistungen beim Zielpublikum
In agilen Arbeitsumfeldern etwa ist es Standard, für zu erledigende Arbeit oder z. B. Abhängigkeiten Visualisierungen zu erzeugen, da diese bekanntermaßen dort die für enge Zusammenarbeit erforderliche Transparenz erzeugen, wo vorher nur Nebel war.
(Bildquelle: händisch erzeugtes eigenes Cartoon)
Beispiele hierfür sind das Produktionsboard aus dem Toyota-Produktionssystem, analoge und digitale Scrum Boards, Kanban-Boards, Abhängigkeitsdarstellungen aus PI-Plannings und weitere team-individuelle Visualisierungen, die einen barrierefreien Durchblick dafür schaffen, was warum bis wann von wem mit wessen Zulieferung unter welchen Voraussetzungen (eingeschobene Liste beliebig fortführen...😉) erledigt werden muss.
Ein Fazit dieser Abhandlung könnte lauten: "Ein gut gesetztes Bild sagt mehr als tausend Worte."
Sogar in unserer Zeit gilt noch: Wer Bilder sofort begreift, bleibt am Leben. Nachdem in den 1970er Jahren bei zwei verheerenden Kaufhausbränden in Japan hunderte von Menschen gestorben waren, u. a. deswegen, weil sie in Panik und Rauch die Notausgangsschilder in Textform nicht lesen konnten, entwickelte der Designer Yukio Ota 1979 den "Running Man", das ikonische Notausgangs-Männchen, weltweit bekannt, dessen Informationsgehalt sofort entschlüsselbar für selbst Vorschulkinder ist. /10/
Weder Graphic Recording noch Kanban-Boards werden vermutlich Leben retten, aber ich brauchte einen eindringlichen Abschluss für diesen Beitrag, und wenn gute Bilder Informationsvermittlung und -verankerung verbessern, dann sollte man sie meines Erachtens nutzen.
Quellen
/1/ https://de.wikipedia.org/wiki/Allan_Paivio
/2/ Über die Co-Autorin konnte ich nichts außer ihrem Namen herausfinden, und diesen nur über eine Google-KI-Zusammenfassung, deren Quellen ins Leere gingen...
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