Montag, 19. Juni 2017

Was würde ein externer Beobachter wahrnehmen?

Externe Beraterinnen und Berater haben den Vorteil, dass sie ein Team unvoreingenommen beobachten können. Sie kennen sich nicht mit der Geschichte des Teams und mit den Details der Arbeit aus. Deswegen sehen und hören sie oft Dinge, die das Team nicht mehr wahrnimmt. Aber brauchen wir wirklich immer externe Leute?
Wenn Leute von außen in das Team kommen, ändern sich die sozialen Dynamiken. Im Team geht man anders miteinander um. Man hört der externen Person zu, wenn sie etwas zu sagen hat. So manches mal dachte ich (als internes Teammitglied): "Wow, coole Frage. Die hat mir jetzt wirklich weiter geholfen."

Perspektiven wechseln

Eine Person von außen hat eine andere Perspektive. Aber oft können wir selbst die Perspektive wechseln. Wenn wir merken, die Diskussion stockt irgendwie, ändern wir die Sichtweise: "Sollen wir mal von außen auf uns schauen? Was würde ein externer Beobachter jetzt wahrnehmen?"

Meist geht das Team sofort auf eine Metaebene und beschreibt, was es sieht und hört.

Wir können auch Vorbilder oder Personas sprechen lassen:
  • "Was würde W. E. Deming sagen, wenn er uns beobachten würde?"
  • "Was würde unser Kunde sagen? Interessiert ihn das, was wir bereden?"
  • "Was würde unser Hausmeister sagen?"
Menschen sind empathische Wesen. Deswegen fällt es uns leicht, uns in andere hineinzuversetzen.

Was sollen wir genau beobachten?

Man kann auf verschiedene Dinge achten:
  • Inhalt des Gesagten, welche Worte fallen genau oder häufig?
  • Art und Weise, wie etwas vorgetragen wird
  • Stimme, Modulation, Gestik, Energie
  • Positionen im Raum und Abstände zu den Teammitgliedern.
  • Redet jemand viel oder sagt er schon seit Stunden nichts mehr.
  • Wie ist die Situation insgesamt? Wird das Team von außen gestresst?
  • Wie ist das Klima im Raum etc.?
Dave Logan und seine Kollegen haben Sprach- und Beziehungsmuster in Unternehmen beobachtet /1/. Sie haben dabei unterschiedliche Weltsichten herausgearbeitet. Eine Weltsicht bedeutet, dass ich bestimmte Annahmen über die Welt habe und ich interpretiere alle Ereignisse so, dass diese Weltsicht bestätigt wird. Daraus leitet sich ein bestimmtes Verhalten und bestimmte Interaktionen mit bestimmten Personen ab. Logan und Co. haben fünf Weltsichten herausgefunden.
  • Verzweiflungskultur: "Das Leben ist grundsätzlich mies."
  • Ohnmachtskultur: "Mein Leben ist richtig mies. Mich trifft es immer. Was kann ich schon tun?"
  • Heldenkult: "Ich bin ein toller Typ. Seid froh, dass ihr mich habt. Ohne mich würde hier gar nichts klappen."
  • Kooperationskultur: "Zusammen sind wir stark. Wir brauchen einander, damit wir etwas schaffen."
  • Erleuchtung: "Das Leben ist grundsätzlich toll."
Das interessanter an dieser Untersuchung war, dass die Forscher keine psychologischen Tests gemacht haben. Sie haben sich nur auf beobachtbare Ereignisse konzentriert.

Scrum Master haben die Aufgabe auf die Annahmen zu achten, die hinter bestimmten Äußerungen oder Handlungen stecken könnten. Häufig sind wir uns dieser Annahmen nicht bewusst und wir verwechseln Fakten mit Annahmen. Wenn wir uns unserer Annahmen bewusst werden, können wir sie hinterfragen.

Eine häufige Annahme ist zum Beispiel, dass man hoch ausgelastet sein muss:
  • "Wenn ich zu 100% ausgelastet bin, bin ich ein guter Mitarbeiter. Der Boss bekommt von mir viel für sein Geld."
  • "Ich bin nur dann eine gute Führungskraft, wenn ich in allen wichtigen Meetings bin. Wenn es schwer ist, einen Termin mit mir zu bekommen, dann bin ich gut."
Diese Annahme ist sehr hinderlich für die Teamarbeit, weil jeder seinen eigenen Zielen folgt. Im Gespräch verstehen die meisten schon, was Scrum, gemeinsame Ablage oder sonst etwas bedeuten. Aber sie sagen häufig: "Ich habe keine Zeit dafür, weil ich so hoch ausgelastet bin." Es ändert sich erst etwas, wenn sich ihre Annahme von hoher Auslastung zu hohem Durchsatz ändert.


In ihrer Funktion als Coach des Teams ist es die Aufgabe des Scrum Masters, Verhalten zu beobachten und dem Team zu helfen, die Annahmen zu überprüfen.

Legen Sie einen Beobachter fest

Vielleicht tut Ihnen eine externe Perspektive in Ihrem nächsten Meeting gut. Dann legen Sie doch einfach zu Beginn eine Person fest, die das Team beobachtet.

Anmerkungen

  • /1/ Logan, David, John Paul King, and Halee Fischer-Wright. Tribal leadership: Leveraging natural groups to build a thriving organization. Collins, 2008.

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