Montag, 29. September 2014

Der fiktive Zeitungsartikel – eine Methode zur Entwicklung von Vision und Strategie

Team sitzt gelangweilt im Strategieworkshop. Tische und Stühle in der bekannt kommunikativen U-Form, Sie wissen schon. Wär’s ein Comic, wäre der Raum von großen „Gähn!“-Blasen erfüllt. So hört man nur das leise Klicken der Smartphones unterm Tisch.


Wie findet man jetzt einen Einstieg in das Thema? Einen, der nicht aus der total kreativen Frage besteht: „Wo wollen wir in 5 Jahren stehen“? Dazu eine etwas andere Methode.
Abb. 1: Der fiktive Zeitungsartikel (Quelle: fodey.com)

Der Zeitungsartikel, der nie geschrieben wurde

Der Moderator des Workshops erzählt eine Geschichte:
Stellen Sie sich vor, ich telefoniere morgen früh mit Ihnen. Ich bin irgendwo in einer Nachbarstadt in einem Hotel, und wir müssen einen Termin abklären. Ganz nebenbei sage ich zu Ihnen: "Ach, was für ein Zufall. Gerade habe ich einen Artikel in der Zeitung über Ihr Unternehmen gelesen. Ein ganzseitiger Artikel, sehr gut recherchiert und mit interessanten Bewertungen." Sie werden natürlich neugierig und wollen wissen, was in dem Artikel steht. "Ich bin ein bisschen in Eile", sage ich darauf, "ich kann Ihnen jetzt nicht den ganzen Artikel vorlesen. Aber ich biete Ihnen Folgendes an: Sie können mir sechs Fragen stellen, die ich mit Ja und Nein beantworten kann. Diese sechs Fragen beantworte ich Ihnen – mehr kann ich nicht für Sie tun."

Das Team kann jetzt an den Moderator diese sechs Fragen stellen – nie mehr. Und diese Fragen schreibt der Moderator auf ein Flipchart in der Reihenfolge, wie sie gestellt werden. (Werden es mehr als sechs Fragen, kann das Team unter sich verhandeln, welche Fragen ihm wirklich wichtig sind. Die unwichtigen werden wieder gestrichen.)

Ein Beispiel

Ich habe dieses Spiel vor einigen Wochen bei einem Kunden gespielt. Der Kunde, das ist eine große soziale Einrichtung in einer süddeutschen Großstadt, die in verschiedenen Stadtvierteln Beratungsstellen unterhält. Die Beratungen wenden sich an Familien in einer Notlage, sei sie eher finanziell (Schuldnerberatung), Lebenslage (Wohnungssuche) oder sozial (Kinder in der Schule).
Dabei wurden vom Strategieteam folgende Fragen gestellt:

Abb. 2: Fragen des Teams

Dann sollte ich eine Antwort auf die Fragen geben. Machte ich natürlich nicht. Denn jetzt beginnt die zweite Runde des Spiels:
„Was meinen Sie denn, welche Tendenz der Zeitungsartikel hat?“

Jeder Workshop-Teilnehmer sollte seine Vermutung äußern. Ich schrieb die Anzahl der Ja in eine Spalte rechts daneben. Das Ergebnis sah so aus:

Abb. 3: Antworten des Teams
Sofort war klar, um welche Themen sich die Strategieentwicklung würde drehen müssen:
  • Wirksamkeit: Wir gelten als kompetent und fair und alles Mögliche, aber wir bewirken nichts – denn unsere Ratschläge werden nicht angenommen.
  • Arbeitsbedingungen: Niemand will bei uns arbeiten (die Einrichtung hat wirklich Nachwuchssorgen), weil wir als gutwillige Selbstausbeuter gelten.

Was ist der Trick?

Die Methode vermittelt einen schnellen Einblick, was einer Organisation wichtig ist, dass es ihren Kunden wichtig sein soll. Die Methode ist schnell (ca. 30 Minuten). Aber sie regt sehr komplex die Fantasie an: Was denke ich, was die Öffentlichkeit und meine Klienten über mich denken? Und was ist mir eigentlich wichtig daran?
Der Umweg über das imaginierte, nur in der Vorstellung der Teilnehmer konstruierte Fremdbild führt zur Klarheit über das eigene Wunschselbstbild (Ich-Konstruktion in der Individualpsychologie). Und stellt damit einen großen Schritt zu einem selbstorganisierten Wir-Gefühl des Teams dar.

Der Übergang zur Frage:„Ja, und wie soll der Artikel denn in 2017 aussehen?“ ist schnell gefunden und führt direkt zur Diskussion über Vision und Strategie.

1 Kommentar:

  1. Wolf, das ist klasse! Vielen Dank für diesen inspirierenden Artikel.

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