Montag, 10. Februar 2014

Sei revolutionär: Sei ein Freund!

Wieder mal ausgebootet worden? Wieder mal nicht bekommen, was Sie wollten? Wie bringen Sie Ihre Teamkollegen, Vorgesetzten, Ihre Mitmenschen dazu, gut mit Ihnen umzugehen? Wie kommen Sie an Ihr Ziel? Schon mal versucht, radikal freundlich zu sein? 

Eine der wichtigsten Überzeugungen unserer Gesellschaft ist, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Im Alltag fragt man sich allerdings oft, wo diese Werte geblieben sind: Zwänge, Hierarchien und durchgedrückte Interessen wohin man blickt. Um ein leicht verständliches bayrisches Wortspiel zu benutzen: Überall ein Ober, der den Unter sticht. /1/

„Ich kann doch aber nicht…“


Diese weit verbreitete Sichtweise wird in Trainings oft deutlich, wenn Teilnehmer Sätze wie diese sagen: „Ich kann doch einen Anruf von meinem Chef am Wochenende nicht ignorieren.“ Oder: „Ich kann doch meinem Kollegen nicht sagen, dass sein Ton unverschämt ist.“ Oder: „Ich kann meinem Chef doch nicht sagen, dass ich nicht noch mehr Projektarbeiten übernehmen kann.“

Warum denken wir so? Warum können wir nicht einfach unsere Anliegen äußern? Unsere Grundüberzeugung lautet doch, dass wir das Recht dazu haben. Was hindert uns also daran, geschäftliche Telefonate am Wochenende zu ignorieren oder unseren Vorgesetzten und Kollegen berechtigte Dinge zu sagen? Für mich liegt der Grund hierfür in einer oft unbewusst (!) unterwürfigen Haltung, die von einer Missdeutung hierarchischer Gefüge und einer Schwäche in unseren sozialen Kompetenzen herrührt.

Sei revolutionär: Sei ein Freund!


Aus psychologischer und soziologischer Hinsicht ist das nachvollziehbar. Lautet nicht eines der vorherrschenden gesellschaftlichen Muster hierzulande, dass derjenige Anerkennung bekommt, der tut, was man ihm sagt? Dieses Muster findet Ausdruck in der Forderung, „höflich“ zu sein. Am Hof herrschte der mit Geburtsrechten ausgestattete Herrscher (Ober) indem er seinen Vasallen (Unter) Befehle erteilte. Das Verhältnis war eben: „höflich“.

Die aufgeklärte moderne Gesellschaft eröffnet uns freilich einen anderen Weg, der sich in einem „freundlichen“ Umgang ausdrückt: Freunde begegnen sich respektvoll „auf Augenhöhe.“ Freunde vertrauen sich, bitten um und geben sich Hilfe, nehmen dies aber nicht über Gebühr in Anspruch. Sie nehmen den anderen wie er ist und geigen sich aber auch schon mal die Meinung, wenn es sein muss. Kurzum: Sie behandeln sich gleichberechtigt. Wie aber kann ein in diesem Sinne freundlicher Umgang in hierarchischen Organisationen funktionieren?

Kommunikation kennt keine Hierarchien


Der Sinn von Hierarchien ist es, Entscheidungsbefugnisse festzulegen und so Prozesse zu beschleunigen: Wer ist in gewissen Fällen zu informieren, wer trägt wofür Verantwortung und vor allem: Wer entscheidet was? Auf die Frage nach dem "Wie" hat die hierarchische Festlegung aus systemischer Sicht keinerlei Einfluss. Hierarchien sind insofern wie Support-Telefonnummern: Hier ist klar, welchen Anschluss Sie in gewissen Fällen anrufen und was der Ansprechpartner dort für Sie tun kann (und darf - unter Umständen müssen Sie bei einer Eskalation den Vorgesetzten bemühen.) Die Telefonleitung selbst, also die Art der Kommunikation, verbindet Sie lediglich als neutrales Medium. Und das können Sie und Ihr Gesprächpartner gleichermaßen nutzen.

Ob das in ruhigem oder aggressivem Ton, ob respektvoll oder unfreundlich geschieht, entscheidet jeder Gesprächspartner selbst. Unabhängig von der Sache, den Entscheidungsbefugnissen oder dem  Status sind beide sprachlich (und sozial) gleichberechtigt. Natürlich erleben wir trotzdem zuhauf, dass sich einer versucht über den anderen zu stellen. Um Ziele durchzusetzen, sind Menschen eben bereit, Regeln erfinderisch zu verletzen: Mal umschmeicheln sie, mal schüchtern sie ein. Wohlgemerkt: Bei all dem geht es nicht um die Frage, ob ein Anliegen berücksichtigt wird, sondern nur, ob Sie es generell äußern dürfen.

Die Antwort ist: Ja klar! Am besten machen Sie es mit einer freundlichen Haltung. Denn das steigert Ihre Chancen, dass Sie Ihr Anliegen durchsetzen können.

Der Ton macht die Musik? Manchmal.


Ein Garant ist es aber leider nicht. Ausschlaggebend für Ihren Erfolg ist vielmehr, in welcher grundsätzlichen Konstellation Sie sich mit Ihrem Gesprächspartner befinden, ob Sie die passende Handlungsmöglichkeit wählen und ob Ihr Gegenüber in Ihrem Sinne mitspielen möchte. Es sind die folgenden drei Grundsituationen, in welchen sich zwei Fragen stellen - immer konkret auf ein Anliegen bezogen: Welche Art von Beziehung zu meinem Gesprächspartner herrscht in diesem Moment? Und: Welche Möglichkeiten stehen mir jetzt generell zur Verfügung? /2/

  1. Ich darf, Du musst (wenn ich will)
    Ich habe ein Anrecht auf Erfüllung meines konkreten Anliegens
    Möglich: Forderungen durchsetzen (oder auch darauf verzichten).
    Freundlich, versteht sich.
    Beispiel: Reklamation im Garantiezeitraum
  2. Ich und Du dürfen (wenn wir wollen)
    Beide Parteien haben die gleichen Freiheiten und Rechte in der konkreten Sache
    Möglich: Diplomatie und Argumentation.
    Beispiel: Wochenendgestaltung: Sie wollen wandern, die Kinder wollen schwimmen.
  3. Du darfst (wenn du willst)
    Der andere hat die Freiheit, mein Anliegen zu erfüllen oder auch nicht.
    Möglich: Um Sympathie werben, Vorzüge hervorheben, an Werte und Sinn appellieren
    Beispiel: Sie bitten Ihren Chef Ihnen ein Sabbatical zu genehmigen.

Egal, in welcher dieser drei Situationen Sie sich befinden: Seien Sie freundlich zu sich selbst und anderen! Das heißt: Sorgen Sie stets dafür, dass grundsätzliche Rechte respektiert werden! Denken Sie daran: Jeder sprachlich-soziale Übertritt verschiebt die Grenzen zu Ihren Ungunsten, möglicherweise auch dauerhaft. Ahnden Sie Übergriffe deshalb sofort und in angemessenem Ton!  Genauso wichtig aber: Achten Sie darauf, selbst nicht übergriffig zu werden und behandeln Sie Ihren (Gesprächs-) Partner fair!

So erarbeiten Sie sich nicht nur generell einen respektvollen Umgang. Ganz nebenbei - und sehr pathetisch formuliert - verteidigen Sie so auch tagtäglich unsere gemeinsamen freiheitlichen Werte.

Literatur& Links


/1/ Hinsch, Rüdiger & Wittmann, Simone: Soziale Kompetenz kann man lernen. Weinheim/ Basel: Beltz, 2010
/2/ Wiki-Eintrag: Französischen Revolution
/3/ Johner, Philipp: Freundschaft: Was es für ein erfülltes Leben braucht. Frankurt am Main, 2012

Anmerkungen


/1/ Wiki-Eintrag: Schafkopf
/2/ Hinsch, Rüdiger & Wittmann, Simone: Soziale Kompetenz kann man lernen. Weinheim/ Basel: Beltz, 2010


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Kommentare:

  1. zu "Kommunikation kennt keine Hierarchien"
    Dem widerstpricht das 5. pragmatische Axiom der Kommunikation nach Watzlawick...

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    1. Widerspricht es wirklich Watzlawick? Die hier gewählte Perspektive ist plakativ systemtheoretisch, klar. Es geht mir um den rein technischen Akt von Sendung und Empfang, nicht um die gesamte immer wiederkehrende Kommunikationsschleife. Das ist aber, was Watzlawicks 5. Axiom im Blick hat: Die Abläufe.

      Im rein technischen Akt der Übermittlung von Information kann es aus meiner Sicht keine Hierarchien geben. Freilich laden wir im Hin- und Her der Informationsübermittlung dann doch jede Menge Dinge dazu, allerdings in der Interpretation der empfangenen Information. Ich gebe gerne zu, dass ich dies zu Argumentationszwecken ein Ideechen technokratisch formuliert habe. Zumal ja gerade die Interpretation erst so etwas wie gelungene oder gar erfolgreiche Kommunikation entstehen lässt.

      Und genau das ist mein Punkt: Ob wir aus unserer Sicht erfolgreich kommunizieren und an unser Ziel gelangen, entscheiden in erster Linie unsere möglichst kluge Einschätzung (=Interpretation) der Situation und unsere Haltung, mit der wir der Welt und natürlich unserem aktuellen Gesprächspartner gegenübertreten. Es empfiehlt sich, genau zu prüfen, ob echte Hierarchien im Spiel sind. Meine Prognose ist: In den meisten Fällen sind sie es nicht.

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  2. Ich bin mir nicht ganz sicher, ab es aus systemtheoretischer Sicht nicht doch auch Hierarchien in der Kommunikation gibt, da min die Stärke der Beziehungen zwischen zwischen den Kommunikationen durchaus auch metaabstrakt als Hierarchien interpretieren könnte... (Aber auch wenn ich Hierarchien oder Strukturen nach Luhmann interpretiere, so bestehen diese ja als Wiedereintritt der Beobachtung in die Kommunikation - und widerspiegeln also die tatsächlichen, konkreten Kommunikationsabläufe).

    Aber wie gesagt, ich bin mir nicht sicher - toller Artikel jedenfalls, habe ich im vorigen Post vergessen zu erwähnen!

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  3. Vielen Dank für das Kompliment! Hach, Kommunikation ist ein wirklich tolles Thema! Ist es nicht ein Wunder, dass sie funktioniert? :)

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  4. Lieber Edgar,

    Du sprichst zwei für mich wichtige Punkte an:

    1. Seien Sie freundlich zu sich selbst: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Im Zuge der Diskussionen über Burn-Out kommt dieses Thema immer wieder hoch. Wenn wir nicht freundlich zu uns selbst sind, können wir nicht gut mit unseren Kräften haushalten. Wir sind auf der Suche nach Bestätigung von anderen und meinen immer noch mehr geben zu müssen. Aber erstens kommt diese Bestätigung nie in der Form, in der wir sie gern hätten und zweitens tritt ein Gewöhnungseffekt auf. Wenn ich dem Chef zu Liebe immer Überstunden mache, gewöhnt er sich daran, mir nach 18 Uhr noch Aufträge zu geben.

    2. "Ich kann doch nicht.". Dies zeigt schön, dass wir mit vielen Glaubenssätzen herumlaufen, die uns selbst beschränken. Erfahrungsgemäß richten sich diese Sätze gegen uns selbst. Beispiel: Wenn ich eine Bedienungsanleitung lese und nicht verstehe, zweifel ich erst an meiner Intelligenz. Aber die Bedienungsanleitung ist einfach schlecht. So ist das auch mit anderen Dingen. Wenn der Chef meine Arbeit kritisiert, wird das wohl stimmen. Er ist doch der Chef. NEIN! Der Chef muss vor der Auftragsvergabe die Qualitätskriterien nennen. Wenn diese dann nicht erfüllt sind, darf er kritisieren. Aber meist sehe ich dann schon selbst, dass ich nicht fertig geworden bin.

    LG, Jan

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    1. Lieber Jan,

      diese Zusammenhänge sehe ich genauso, vor allem bei der Stressbewältgigung. In der Regel machen wir uns nicht bewusst, wie wir mit uns und anderen sprechen und welche Einschränkungen wir uns im Denken oft automatisch selbst unterwerfen.

      Es macht deshalb Sinn, zu verinnerlichen: Kein Selbstmanagement ohne (permanente) Selbstbeobachtung. Nur so haben wir die Chance, hinderlichen Mustern auf die Schliche zu kommen und dafür zu sorgen, dass es uns und allen anderen Menschen, die uns wichtig sind, gut geht.

      Beste Grüße,
      Edgar

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  5. "Ist es nicht ein Wunder, dass sie funktioniert?"
    Hahaha :) Bei meinen Schulungen sage ich auch immer, dass die Wahrscheinlichkeit von funktionierender Kommunikation nur bei etwa 25% liegt ;) (wenn man mal vom Urzweck der Systemerhaltung absieht)

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