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Wer redet eigentlich mit wem? Network Relationship Patterns macht Beziehungen im Team sichtbar

Jedes Unternehmen hat ein Organigramm. Und fast jedes Organigramm lügt: nicht absichtlich, aber es zeigt nur, wer wem formal berichtet, nicht wer mit wem tatsächlich arbeitet. Ein Projektleiter wundert sich, warum eine Entscheidung drei Wochen braucht, obwohl laut Organigramm nur zwei Abteilungen beteiligt sind. Der Grund liegt selten im Chart selbst, sondern in einem informellen Beziehungsnetz, das dort nicht auftaucht.

Network Relationship Patterns ist eine der zehn neuen Methoden aus dem 2026 erschienenen Liberating Structures Fieldbook von Keith McCandless und Nancy White /1/. Das Repertoire ist damit seit dem Klassiker von 2013 von 33 auf 43 Methoden gewachsen.

Unterschiedliche Perspektiven [generiert mit Gemini]
Unterschiedliche Perspektiven [generiert mit Gemini]

Was Network Relationship Patterns sind

Die Methode arbeitet nicht mit einem leeren Blatt, sondern mit einem Satz von zehn vorgefertigten Beziehungsmustern der Forscherin Eva Schiffer /7/ + /8/. Die Teilnehmer sehen sich diese Muster zunächst einzeln an und markieren dann dreimal: Welches Muster beschreibt, wie die Gruppe offiziell zusammenarbeitet? Welches beschreibt, wie tatsächlich gearbeitet wird? Und welches wäre am hilfreichsten? Anschließend diskutieren die Teilnehmer in Kleingruppen erkannte Ähnlichkeiten und Unterschiede und teilen ihre Erkenntnisse mit allen. Am Ende steht eine konkrete Vereinbarung, was sich ändern soll. Der ganze Ablauf dauert rund 25 Minuten.

Illustration Network Relationship Patterns [generiert mit Gemini]
Illustration Network Relationship Patterns [generiert mit Gemini]
Die Muster liefern kein exaktes Diagramm der eigenen Organisation. Sie sind ein Anlass zum Reden: Wo weicht das gelebte Muster vom offiziellen ab? Wo unterscheidet sich das gewünschte Muster von beidem? Wer im Team sieht das ganz anders als die Mehrheit?

Der Unterschied zur klassischen Organizational Network Analysis

Netzwerkanalyse gibt es schon lange, und ONA nutzt seit Jahrzehnten Software, die Umfragen auswertet, manchmal auch E-Mails oder Kalender, und Kennzahlen wie Zentralität berechnet. Wer in einem Konzern mit 2000 Mitarbeitenden den heimlichen Knotenpunkt finden will, kommt an solchen Tools kaum vorbei.

Vergleich mit ONA [generiert mit Gemini]
Vergleich mit ONA [generiert mit Gemini]
Network Relationship Patterns will etwas anderes, ersetzt ONA aber nicht. Die Methode macht das Prinzip einfach zugänglich: kein Tool, keine Vorlaufzeit, keine externe Auswertung. Ein Team kartiert sein Netzwerk selbst, live, im Raum, und spricht sofort über das Bild. Der Preis dafür: Das Bild ist subjektiv. Es zeigt eine Momentaufnahme, keine belastbaren Daten für ein Dashboard. Aber wer mit 8 bis 25 Personen in kurzer Zeit ein Bild braucht, das direkt ins Gespräch führt, ist hier richtig.

Praxisbeispiel: Die Abteilung, die sich für vernetzt hielt

Ein mittelständisches IT-Unternehmen ließ zwei Abteilungen ihr Beziehungsnetz kartieren: Entwicklung und Support. Grund war wiederholte Reibung bei der Übergabe von neuen Produktversionen. Das Organigramm zeigte klare Schnittstellen, zwei Team-Leads sollten miteinander reden, aber das Netzwerkbild zeigte etwas anderes: Der eigentliche Informationsfluss lief über zwei einzelne Entwickler, die informell mit dem Support in Kontakt standen, während die Team-Leads selbst im Bild fast isoliert waren. Als beide Entwickler zwei Wochen krank ausfielen, brach die Übergabe komplett zusammen. Das Bild erklärte im Nachhinein, warum. Über Network Relationship Patterns lassen sich diese Muster erkennen und hilfreiche Alternativen finden.

Vernetzung [generiert mit Gemini]
Vernetzung [generiert mit Gemini]
Zweites Beispiel: Silo-Diagnose in einer wachsenden Organisation

Eine junge, wachsende Organisation nutzte die Methode in einem Workshop mit 15 Personen aus drei Standorten. Das Netzwerkbild zeigte: Ein Standort hatte praktisch keine Verbindung zu den beiden anderen. Der Grund war kein Widerstand, sondern schlicht fehlende gemeinsame Aufgaben, und die Lösung fiel entsprechend klein aus: ein monatliches Treffen über die Standorte hinweg, statt einer großen Reorganisation. Vorher hatte niemand dieses Treffen vermisst, weil niemand die Lücke bewusst bemerkt hatte.

Illustration Workshopmoment [generiert mit Gemini]
Illustration Workshopmoment [generiert mit Gemini]

Wann es sich lohnt, und wann nicht

Die Methode passt gut, wenn ein Team wachsen will. Sie hilft auch, wenn Silos auffallen oder wenn sich eine Organisation umstrukturiert. Sie passt besonders dann, wenn eine Gruppe noch nie benannt hat, wie sie offiziell und wie sie wirklich zusammenarbeitet. Sie funktioniert in kleinen und in großen Gruppen. Große Organisationen wollen oft eine Illusion von Präzision mit Kennzahlen und Dashboards. Wer das braucht, sollte zu ONA-Software greifen. Network Relationship Patterns liefert keine objektiven Daten. Sie zeigt nur, was Teilnehmende in diesem Moment wahrnehmen und teilen wollen.

Illustration Pro und Kontra [generiert mit Gemini]
Illustration Pro und Kontra [generiert mit Gemini]

Fazit

Network Relationship Patterns ersetzt kein ONA-Tool. Das will die Methode auch nicht. Ein Team sieht in kurzer Zeit, wie es wirklich arbeitet, nicht wie es laut Organigramm arbeiten soll. Oft reicht genau das schon.

Quellen und weiterführende Links*

/1/ The Liberating Structures Fieldbook: Flipping the Script on Meetings, Planning and Progress (Keith McCandless, Nancy White)

/2/ Ankündigung "Liberating Structures Fieldbook Published"

/3/ Liberating Structures: LS-Menü mit allen 43 Methoden

/4/ Liberating Structures (Deutsch): LS-Menü mit allen 43 Methoden

/5/ Liberating Structures Templates

/6/ Liberating Structures weitere Bücher

/7/ Network Relationship Patterns

/8/ Network Patterning Cards (Deutsch)

*Hinweis: Die Quellen enthalten die zum Zeitpunkt der Erstellung des Beitrags gültigen Links. Diese können sich in unregelmäßigen Abständen ändern.

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