Direkt zum Hauptbereich

Veränderung: Wir müssen sprechen!

Ja.  Wir müssen sprechen. Und zwar über die richtigen Dinge. Und auf eine gute Art und Weise. Zumindest sollten wir das dann tun, wenn wir uns und unser Geschäft erfolgreich neuen Gegebenheiten anpassen wollen oder müssen. Ein kleines Einmaleins von Veränderungsvorhaben.


Zeichnung vom Autor

Vielerorts ist Nervosität, Aufregung, ja, manchmal sogar blanke Angst zu spüren ob der viel zitierten disruptiven und verändernden Kräfte, die heutzutage auf so vielfältige Weise auf so viele Bereiche wirken und dabei so viele etablierte Geschäftsfelder umgestalten. Es wird ungemütlicher. Und das, obwohl uns das doch so lästig ist. Störungen mögen wir Menschen als (vermeintlich sehr intelligente) Gewohnheitstiere gar nicht. Lieber sind uns unsere gewohnten Routinen, unsere eingespielten Abläufe und Denkweisen. Also versuchen wir, Störendes möglichst schnell zu beseitigen. Hartnäckigeres bekämpfen wir sogar. Oder wir ignorieren einfach Dinge, die uns das Leben schwer machen. Auf dass sie sich in Luft auflösen! Erst wenn all dies nichts mehr nutzt und wir keine andere Wahl mehr haben, beginnen wir damit, uns der veränderten Lage anzupassen. Selbst wenn das bedeutet, unsere gemütliche Komfortzone mit all jenen Mustern zu verlassen, die uns bislang erfolgreich gemacht haben (was dadurch bewiesen ist, dass wir noch am Leben sind).

"Problem talking creates problems..."

In genau dieser heiklen, emotional und kognitiv schwer zu handhabenden und zu reflektierenden Situation finden sich heute also immer mehr Menschen, Teams, Firmen, ja ganze Branchen und - wenn wir ehrlich sind - sogar Gesellschaften. Nachdem die letzten Jahre viel Energie in Abwehrkämpfe gegen die Störer (und die Störung selbst) gesteckt wurde, scheinen viele nun die Erkenntnis zuzulassen: Wir müssen uns ändern. Auch wenn uns das schwer fällt. Let's deal with it. Doch: Wie? Was ist zu tun? Wie verändert "man" sich eigentlich? So ganz generell? Und organisatorisch? Und was heißt das für uns in unserer spezifischen Situation? Schließlich ist die doch außergewöhnlich und mit nichts zu vergleichen. Bei uns herrschen doch immer schon besondere Umstände...

Nichts sei praktischer als eine gute Theorie, heißt es nicht ganz zu unrecht. Sehen wir uns deshalb an, was die Systemtheorie darüber zu sagen hat, wie Systeme entstehen und sich entwickeln. Denn auch Organisationen sind natürlich Systeme. Woraus bestehen sie? Was macht sie aus? Die wichtigste Erkenntnis: Organisationen (bzw. Systeme) be- und entstehen nicht aus Menschen, wie man leicht annehmen könnte. Sondern aus Kommunikationen./1/ Die aber - natürlich - durch die Menschen gestaltet werden. Was als überkandidelte theoretische Haarspalterei wirken mag, ist sehr konkret und lebensnah gemeint. Und auch leicht nachvollziehbar: Alles, was wir gemeinsam angehen - alle unseren beruflichen und privaten Vorhaben,  alle Aufgaben, die wir gemeinschaftlich angehen, Firmen, Abteilungen, Projekte, unsere Geschäfts- und privaten Beziehungen, Partner- und Freundschaften, Vereine, Parteien bis hin zum Staat und zur Gesellschaft - all das entsteht durch jene ganz konkreten Dinge, Sachfragen und Themen, über die wir in Bezug auf sie denken, sprechen und schreiben: in persönlichen Gesprächen, am Telefon, in Meetings, in der Kantine, Kaffeeküche und auf Parties, auch in Selbstgesprächen, in E-Mails, Protokollen, Social Media, in Blogs, Zeitungen, Nachrichtensendungen, Talkshows etc.

Indem wir kommunizieren - und nur dadurch (!) -, hauchen wir unserer Welt Leben ein. Und so eben auch unserer Organisation. Und: Dadurch, wie und wann, auf welche spezifische Art und mit wem wir sprechen, schreiben oder sonstig kommunizieren (und auch: wann und mit wem wir das nicht tun), gestalten wir sie auf unsere ganz eigene Art und Weise. Wir geben unserer Organisation (und Welt) damit - und ausschließlich damit - die Form, die sie eben hat.

Was soll uns das nun in unserer Situation helfen, die von uns verlangt, dass wir uns verändern und anpassen? Die uns dazu zwingt, uns aus unserer Komfortzone zu begeben? Jene Komfortzone, die aus den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen, Unternehmens- und Organisationsformen besteht, die wir uns im Verlauf des 20. Jahrhunderts zusammenkommuniziert haben: stabil, hierarchisch, ultraklar strukturiert, leistungsorientiert, mit stark vorgebenen Strukturen und Rollenverteilungen, Zuständigkeiten, Produktions- und Vermarktungsroutinen, Karrierewege, machtorientiert bis hin zum Zwanghaften, ja fast schon Gewalttätigen?

Helfen kann uns die Erkenntnis, dass für eine erfolgreiche strukturelle Veränderung oder Anpassung (Neudeutsch: Change), im Grunde nur ein einziges Mittel zur Verfügung steht: Nämlich anders (und das heißt oft: überhaupt) miteinander zu sprechen; über andere Dinge mit anderen Menschen auf eine andere Art und Weise; andere, neue Themen und Worte zu wählen und sie auf anderen, neuen Kanälen und in anderen Formen zu übermitteln; andere Menschen in anderen Zirkeln, Kontexten und Foren zu treffen und mit ihnen auf eine neue Art und Weise zu kommunizieren, zu entscheiden und zu dokumentieren.

 "... solution talking creates solutions."


Konkret kann das natürlich sehr vieles bedeuten: Das siebenseitige Protokoll, das in Wirklichkeit keiner liest, durch das Fotoprotokoll mit den Post-Its an der Wand ersetzen. Offene Runden, MeetUps ins Leben rufen, in welchen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen kreativere Ansätze erarbeiten können, auf die sie in ihren Silos gar nicht kommen können. Mit den KollegInnen von der Nachbarabteilung über Lösungen anfangen zu sprechen, statt ewig und immer wieder die Frage zu erörtern, wer was verbockt hat (oder endlich einmal klären, wer was ständig verbockt). Einige der vielen Abstimmungsrunden sein lassen und in manchen Bereichen Entscheidungen anders und schneller treffen. Lösungs- statt problemorientierte Sprache einführen. Kommando- und Befehlssprache durch gewaltfreie Kommunikation ersetzen (oder umgekehrt). Als Führungskraft für sich selbst anerkennen und dann "öffentlich" thematisieren, dass man das Fachliche nicht mehr bis ins Detail kennen kann. Alle - Vorgesetzte und Mitarbeitende - das Mikromanaagement sein lassen (sich also auf die Zunge beißen, wenn man gerade wieder dabei ist, dem/der jeweils anderen zu erklären was er/sie wie zu tun hat). Kreisförmige statt hierarchische Organigramme zeichnen...

Doch warum sollen wir das tun? Weil wir wissen, dass die Art und Weise, wie wir unsere Welt bislang gestaltet haben, wie wir also bislang kommuniziert haben, heute nicht mehr so erfolgsversprechend ist wie früher. Jetzt geht es darum, herauszufinden, was uns nun in unserer aktuellen, eben tendenziell unsicheren und veränderten Situation helfen könnte. Die Art anzupassen, wie wir miteinander sprechen, ist die einzige Weise, uns neue Denk- und Handlungsroutinen und damit strukturelle Organisationsformen zu verschaffen, die dann eben auf die veränderte Umwelt besser passen.

Anders ausgedrückt: Bewusst gestaltete Narrative - das, worüber und wie wir miteinander sprechen (und was wir davon glauben) und worüber und wie nicht - sind das einzige Mittel, um uns zu verändern und unsere organisatorischen Strukturen so zu gestalten, dass wir mit ihnen weiterhin erfolgreich und gut leben können. Je bewusster, zielgerichteter und reflektierter wir gemeinsam darüber entscheiden und auch je früher wir damit beginnen, desto besser wird es für uns, unser Vorhaben und auch unser Umfeld sein. Nur so kommen wir unserer Verantwortung nach und sorgen dafür, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln.

Wenn unser Veränderungsvorhaben gut werden soll, sollten wir unsere Worte mit Bedacht wählen. In Zeiten, in welchen Worte wie „Handelskrieg“ etc. plötzlich wie selbstverständlich verwendet werden, scheint mir dieser Hinweis besonders wichtig.




Edgars eigener Blog: www.trellisterium.de
Edgars Podcast: trellisterium.podbean.com 

Edgar Rodehack ist Teamwork-Enthusiast mit einem Faible für agile Formen der Zusammenarbeit. Da trifft es sich natürlich gut, dass er das beruflich macht. Er ist Organisationsberater, Business und Agile Coach, Teamentwickler und Moderator. Außerdem ist er ein Mensch mit Frau und drei Kindern, der viel Spaß am Musikmachen, Schreiben und Lesen hat. Mehr über ihn: www.rodehack.de


Anmerkungen

  • /1/ Und zwar, das ist gar nicht so unwichtig: Aus „anschlussfähigen“ Kommunikationen. Befehle und Anordnungen gehören meistens nicht in diese Kategorie.

 Literaturhinweise

  • Ameln, Falko von: Konstruktivismus. Die Grundlagen systemischer Therapie, Beratung und Bildungsarbeit. Stuttgart, 2004.
  • Ameln, Falko; Heintel, Peter: Macht in Organisationen. Denkwerkzeuge für Führung, Beratung und Change Management. Stuttgart, 2016.
  • Bauer, Joachim: Das Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. München, 2008.
  • Harari, Yuval Noaḥ: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. München, 2017. 
  • Laloux, Frederic: Reinventing Organizations. A Guide to Creating Organizations. Inspired by the Next Stage of Human Consciousness. Brussels, 2014.
  • Roth, Gerhard: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Stuttgart, 2011.
  • Simon, Fritz: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Heidelberg, 2008.
  • Wilber, Ken: Wege zum Selbst. München, 2015.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Warum du als Führungskraft klügere Mitarbeiter einstellen solltest (und Mikromanagement dein größter Fehler ist)

Es ist einer der am häufigsten zitierten Führungsratschläge: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du. Und einer der am seltensten wirklich befolgten. Warum? Weil er sich leichter sagt, als er sich anfühlt.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Unternehmenskultur frisst Agilität zum Frühstück

Zyklische Abfolgen sind an vielen Stellen im Leben beobachtbar: Wiederkehrende vier Jahreszeiten, alte Songs, die plötzlich als Cover-Versionen wieder auf den Markt kommen (Jugendliche identifizieren diese dann als "Grundform", denn sie kennen das Original nicht), erst Karottenjeans, dann wieder Hosen mit Schlag, dann wieder Karotte, in der Politik Republikaner, Demokrat, Republikaner, Demokrat..., Hardliner-Papst, Vermittler-Papst... - alles kommt in regelmäßigen Abständen wieder. So auch die Erkenntnis, was man alles tun müsste, um in Unternehmen wirklich agil arbeiten zu können. Warum aber gelingt die Installation agiler Zusammenarbeit in größeren Unternehmen bis heute so wenig zufriedenstellend? Werden dabei vielleicht Aspekte immer noch zu wenig gesehen?

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Coaching- und Führungsframeworks im Überblick: 21 Linsen für Teams und Organisationen

Gute Scrum Master:innen und Coaches betrachten das Geschehen durch mehr als eine Brille oder Linse. Jede Linse gibt andere Hinweise für angemessene Interventionen. Im Prinzip suchen wir immer nach der kleinsten Intervention mit der größten Wirkung. Aber welche Linsen gibt es eigenlich? In diesem längeren Beitrag stelle ich die wichtigsten 21 Konzepte von 37 Autor:innen vor, die mir bei der Recherche begegnet sind.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Warum Veränderungsinitiativen scheitern - und wie Du veränderungsresistente Strukturen knackst

[TL;DR] Viele Veränderungsinitiativen stossen auf harten Widerstand - nicht weil die Idee der Veränderung oder das Zielbild schlecht ist, sondern weil Organisationen wie Tensegrity-Strukturen funktionieren: hochgradig vernetzt, unter Spannung, systemisch. Wer das versteht, geht Veränderung anders an. Hast Du schon mal von Tensegrity Strukturen gehört? Nimm Dir doch mal kurz Zeit und schau Dir das Video an. Dann hast Du's sofort im Kopf. Und wenn Du die 58 Sekunden nicht hast und lieber weiterliest: Tensegrity-Strukturen sind faszinierende Gebilde aus schwebenden Stäben und Seilen, bei denen sich kein Stab direkt berührt - und trotzdem hält das ganze Ding sehr resilient gegen Störungen zusammen. Ich bin Tensegrity-Strukturen zuerst in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet - in der Trainingslehre. Der menschliche Körper wird nämlich von einer solchen Struktur aus Zug und Druck - Muskeln, Faszien, Sehnen - permanent im Gleichgewicht gehalten. Das Elegante daran: Stabilität entsteh...

Office-Hacks - Sammlung Teil 2: OneNote und PowerPoint

Immer wieder werde ich nach speziellen Hacks, Tipps und Tricks gefragt, die einem die Arbeit mit MS-Office-Produkten erleichtern. Also habe ich eine zeitlose Sammlung von kleinen Handgriffen zusammengestellt, die in meinen Seminaren oft für erhellende AHA-Momente sorgen. Dies ist der zweite Teil meiner kleinen Serie mit OneNote und  PowerPoint. Der erste Teil hat Outlook und Teams behandelt;  Word, und Excel werden folgen.

Neuer Scrum Master? Mit drei einfachen Fragen sofort wirksamer werden (drei praktische Linsen)

Es gibt eine Vielzahl von Linsen, durch die Scrum Master:innen und Agile Coaches auf die Arbeit eines Teams schauen können. Man muss sich aber auch mit ihnen beschäftigen, um gut zu sehen. Gibt es vielleicht Linsen, die neue Scrum Master:innen schnell benutzen und lernen können? Ja, die gibt es und sie haben ihre Nützlichkeit 1,7 Mio. mal bewiesen. Aber fast kein Scrum Master kennt sie.