Direkt zum Hauptbereich

Jeder und jede ist eine Führungskraft

Dienstleistungsorientierte Unternehmen und Behörden stehen vor Umbrüchen, die jahrhundertelang entwickelte Verfahren entwerten. Welche neuen Organisationsprinzipien aber können an die Stelle treten? Auf der Suche nach praktischen Beispielen bin ich auf das Buch von Vineet Nayar gestoßen: „Employees First, Customers Second“.


Dieser Artikel gehört zur Serie „Selbstorganisierte Teams“. Die Frage, auf die wir darin Antworten finden wollen, lautet: „Welche Voraussetzungen in einer Organisation müssen gegeben sein oder geschaffen werden, um dort agile Methoden wie z. B. Scrum einzuführen?“ Im letzten Artikel hatte ich die Ansicht vertreten, dass bestimmte Grundwerte in dieser Organisation gelten müssen. /1/

Ein Erfahrungsbericht aus einem IT-Konzern

Ich suche praktische Beispiele, anhand derer ich meine Hypothese testen kann. Dabei bin ich auf Vineet Nayar gestoßen, der über eine solche Grundsanierung eines Unternehmens berichtet /2/. Bei dieser Firma handelt es sich um die HCLT, eines der fünf größten IT Dienstleister in Indien. HCLT war im Jahre 2005 in eine Schieflage geraten: sie befand sich zwar immer noch im Wachstum, hatte aber gegenüber Wettbewerbern Boden verloren. Bei Fortdauer dieses Trends war absehbar, wann HCLT in Existenznöte geraten würde. Insbesondere die Innovationskraft hatte dramatisch nachgelassen.

In dieser Situation wurde Nayar als CEO berufen. Er beschloss, die Notlage als Chance zum Ganz-Neu-Denken zu nutzen.

„Employees First, Customers Second“ …

… oder kurz EFCS - so lautet der Wahlspruch Nayars, den er zum Motto des von ihm angestrebten Konzernumbaus macht. Der Slogan widerspreche gängiger Unternehmensweisheit, so Nayar, die immer den Kunden an erste Stelle setzen wolle. „Aber in jedem Dienstleistungsgeschäft wird der wirkliche Wert an der Schnittstelle zwischen dem Kunden und dem Mitarbeiter geschaffen. Wenn man den Mitarbeiter an die erste Stelle setzt, kann man einen grundlegenden Wandel erreichen in der Art und Weise, wie ein Unternehmen einen einzigarten Wert für die Kunden erzeugt und ausliefert und sich von seinen Wettbewerbern unterscheidet.“ (S. 7)

Diese Schnittstelle, diesen präzisen Ort an der Grenze zwischen Kunde und Mitarbeiter, nennt Nayar die „Wertzone“ (value zone).

Aber man müsse noch weiter gehen. Es reiche nicht aus, den Mitarbeiter an die erste und die Kunden an die zweite Stelle zu setzen. Wo bleiben da das Management und die oberste Führung? Richtig. Für die ist Platz 3 vorgesehen: „HCLT und viele andere Unternehmen auf der ganzen Welt versuchen, modernstes Business mit jahrhundertealten Strukturen zu führen – mit Hierarchien und Matrixorganisationen, die viele nachdenkliche Führungskräfte für überholt halten.“ (S. 11)

Abbildung 1: Das Prinzip EFCS in der Anwendung

Ein neues Verständnis von Führung als Voraussetzung für Selbstorganisation

Nicht mehr die Mitarbeiter und die unteren Ebenen berichten von unten nach oben. „Sondern das Management und die Manager (einschließlich der internen Dienstleister wie Personalabteilung, Finanzen, Fortbildung usw.) sind berichtspflichtig denen gegenüber, die Wert schaffen.“ (S. 12)

Der CEO und die oberen Führungszirkel müssen ein grundlegend anderes Verständnis von ihrer Rolle entwickeln: „Eine der strukturellen Schwachstellen traditioneller Managementsysteme besteht darin, dass die Führungskraft zu viel Macht besitzt. Das hindert die Organisation daran, demokratisiert zu werden und die Energie der Mitarbeiter freizusetzen.“ (S. 13)

Das Ziel ist die Selbstorganisation, „ein Unternehmen, das selbst-laufend und selbst-regiert ist“. („self-run and self-governed“ sind die Worte im Original, S. 13).

Der Verzicht auf Macht durch die oberste Führung tritt an Stelle von Kontrolle. Kontrolle führt zu hohem Energieverzehr durch interne Abstimmungen - Energie, die vom Kunden abgezogen wird. Es gilt das alte Paradox des Segelns: "Steuere nie auf ein Ziel zu - sonst wirst du es verpassen." Indem das Management von der Maxime "Kontrolle der Mitarbeiter zum Nutzen des Kunden" ablässt, schafft es in der Realität die Voraussetzungen, dass die Mitarbeiter aus eigenem Antrieb ihre Anstrengungen auf den Kunden ausrichten.

Sind das nicht nur schöne Worte? Was ist mit messbaren Erfolgen?

Dazu mehr übermorgen.

Anmerkungen

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kategorien im Neuen Outlook - für das Team nutzen: Remake

Einer unserer erfolgreichsten Artikel auf diesem Blog ist im Teenageralter angekommen! Grund genug für ein Remake mit der aktuellen Outlook-Version. Spoiler: Es ändert sich nur wenig. 😉

Vom geheimen Anderssein in (deutschen) Unternehmen

Vielleicht kennen einige noch die Werbung einer Orangenlimonadenfirma aus den 80er Jahren: "Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?" Dieses Wissen, metaphorisch gesprochen, setzt sich sehr zögerlich immer mehr im öffentlichen Bewusstsein fest: unsere Hirne sind nicht alle gleich. Im Arbeitskontext kann es zu nicht verstandenen Konflikten kommen, wenn alle über einen Kamm geschoren werden. Außerdem wundern sich Krankenkassen über steigende Ausgaben wegen Depressionen, Burnouts und Angstzuständen ihrer Mitglieder. Dafür könnte es Gründe geben, die weitgehend noch im Dunkeln zu liegen scheinen.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Viele Vorgänge und Projekte? Mit einem Vorgangsleitstand behält man den Überblick

Wer viele Vorgänge hat, braucht Mechanismen, um die wirklich wichtigen Vorgänge des Tages zu finden. Zwei Datumsfelder und ein Bearbeiterfeld reichen aus, um aus einer Vorgangsliste einen Vorgangsleitstand zu machen.

Struktur schlägt Heldentum - Eine Buchrezension

Ein neuer Ratgeber für gestresste Unternehmerinnen und Unternehmer ist erschienen. Bietet er wirklich nützliche Antworten auf ein bekanntes Problem? Ich denke, ja. 

Warum du als Führungskraft die ersten 90 Tage nicht dem Zufall überlassen solltest (und schlechtes Onboarding dich mehr kostet, als du denkst)

Der erste Arbeitstag ist meistens gut organisiert: Laptop, Zugänge, ein freundliches Willkommen. Die Wochen danach entscheiden aber, ob jemand bleibt – und genau da lassen die meisten Unternehmen ihre neuen Mitarbeitenden allein. Ich erinnere mich an eine erfahrene SAP-Beraterin, die in ein großes Transformationsprojekt eingestiegen ist. Fachlich absolut top, hoch motiviert, mit besten Referenzen. In der ersten Woche bekam sie einen Laptop, einen Zugang zum Wiki und den Satz: „Schau dich einfach mal ein bisschen um, du findest dich schon zurecht." Niemand hatte Zeit, ihr die Systemlandschaft zu erklären. Niemand stellte sie den Stakeholdern vor, mit denen sie ab Woche zwei zusammenarbeiten sollte. Nach zehn Wochen kündigte sie noch in der Probezeit. Ihre Begründung im Abschlussgespräch: „Ich hatte nie das Gefühl, gebraucht oder eingebunden zu sein. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob ich hier überhaupt richtig bin." Das Traurige daran: Sie war fachlich genau richtig. Ver...

Rebellieren für den Wandel: die 8 Regeln des totalen Stillstandes von Prof. Dr. Peter Kruse

In einem legendärem Vortrag skizzierte Peter Kruse 8 Regeln des totalen Stillstands. Ihm zufolge wurden die Regeln entwickelt, um Managern und Führungskräften dabei zu helfen, Bereiche mit potenziellem Widerstand gegen Veränderungen zu erkennen und Menschen auf strukturierte Weise durch den Veränderungsprozess zu führen.

Wer nicht Nein sagen kann, dessen Ja ist nichts wert.

Klar, wir wollen hilfsbereit sein, Dinge möglich machen, niemanden enttäuschen. Das ist eine gute, eine schöne Motivation, ein schönes Ziel. Nur: Wer immer ja sagt, gefährdet genau das: das gute Ergebnis. Ein Plädoyer für leistungsorientierte Ehrlichkeit.

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Demnächst erscheint unser Buch über Projektablage

Wolf und ich haben lange daran gefeilt. Wir haben einen Leitfaden für den Umgang mit Dokumenten in Projekten geschrieben. Wer möchte, kann sich schon eine Leseprobe bei Leanpub herunterladen: https://leanpub.com/projektablage/