Direkt zum Hauptbereich

Wie man ein Projekt startet? - Über Visionen und Projektbeschreibungen

Über den richtigen Weg in Projekten lässt sich bekanntlich gut streiten. Wer ein Team lähmen will, stellt einfach Inhalte und Vorgehensweise ständig in Frage. "Methode X ist besser.", "Noch nie hat jemand Feature Y Geld verdient." Gibt es eine Möglichkeit für Teams, solche Diskussionen zu umgehen? Ich denke, ja.
Wie oft haben wir in unseren Teams schon die Erfahrungen gemacht, dass Diskussionen endlos und ergebnislos waren. Irgendwann resigniert sogar das ruhigste Teammitglied. Die "jungen Wilden" geben auf und suchen ihr Glück in einem anderen Team. Ein Chef oder eine Chefin glaubt, dass die schlechten Leute immer in sein oder ihr Team versetzt werden. Kurz: eine Abwärtsspirale wird in Gang gesetzt und entzieht dem Team die Energie.

Solche Situationen deuten für mich darauf hin, dass das Team keinen Weg gefunden hat, die unterschiedlichen Sichtweisen zu integrieren. Es ist für mich völlig in Ordnung, dass jedes Teammitglied die Dinge anders sieht. Wolf spricht davon, dass jeder seine eigene innere Landschaft hat. Ich sehe das auch so. Jeder ist durch seine Erfahrungen geprägt. Deswegen gibt es die Diskussionen. Dies (allein) ist kein Zeichen schlechter Teamkultur oder falscher Führung.

Wie umgehen wir das Problem?

In den wenigsten Fällen gibt es objektive Wahrheiten oder einen Richter, der entscheidet. Das Team muss selbst entscheiden, wie es entscheidet. Ich finde dazu Experimente hilfreich. Teams sollten mehr experimentieren. Im Falle von Projekten bedeutet dies folgendes:
  • Bevor wir ein Projekt starten, beschreiben wir das eigentliche aktuell bekannte Ziel.
  • Wir überlegen uns vorher, woran wir erkennen können, ob wir das Ziel erreicht haben.
  • Wir stellen Annahmen über den Weg, die Kunden usw. auf. 
  • Wir überlegen, wie wir die Annahmen experimentell bestätigen oder widerlegen können.
  • Das Ziel und die Annahmen selbst werden auch regelmäßig überprüft.
Eric Ries spricht in diesem Zusammenhang von "validated learning" (/1/). In dem folgenden Youtube-Video spricht Eric Ries über Validated Learning.


Was bedeutet das für Projekte?

Scrum und PRINCE2 starten Projekte mit sehr kurzen Dokumenten. Bei Scrum ist es die so genannte Vision. Sie beantwortet in etwas folgende Fragen (/2, Pos. 1970/:
  • Wie erzeugen wir Werte für unsere Kunden?
  • Welches Problem lösen wir?
  • Für wen?
  • Hauptnutzen, Hauptfeatures?
  • Wichtigste nicht-funktionalen Anforderungen?
  • Welche "Plattform", welche "Technik" unterstützen wir?
Die Projektbeschreibung von PRINCE2 ist auch nicht sehr lang. Die Projektdefinition besteht aus folgenden Punkten (siehe /3, Anhang A.17)):
  • Hintergrund
  • Zielsetzungen des Projekts
  • Angestrebte Ergebnisse
  • Projektumfang und Ausschlüsse
  • Einschränkungen und Annahmen
  • Projekttoleranzen
  • Benutzer und sonstige bekannte Interessengruppen (engl. Stakeholder)
  • Schnittstellen
Die ersten Phasen des Projekts sollten davon geprägt sein, die Annahmen zu  verifzieren. Vision und Projektbeschreibung werden damit verfeinert.

Das Team delegiert damit die Entscheidung an die Stelle, die besser entscheidet. Es ist sicher gut, wenn das Team für sich folgende Haltung entwickelt: "Wir brauchen unterschiedliche Erfahrungen, Ideen und Meinungen, um unsere Aufgaben zu lösen. Statt über die besten Ideen zu streiten, machen wir Experimente, um mehr zu lernen."

Teams, die sich selbst zu solcher einer Herangehensweise verpflichten, lernen mehr und schätzen sich untereinander mehr. Das wäre doch einen Versuch wert, oder?

Anmerkungen

  • /1/ Dies ist eins von fünf Prinzipien der Lean-Startup-Methode, siehe Ries, Eric: The Lean Startup : How Today's Entrepreneurs Use Continuous Innovation to Create Radically Successful Businesses. New York: Random House Digital, Inc., 2011.
  • /2/ Leffingwell2010: Leffingwell, Dean: Agile Software Requirements : Lean Requirements Practices for Teams, Programs, and the Enterprise. 1. Aufl.. Boston: Addison-Wesley Professional, 2010.
  • /3/ Commerce, Office of Government: Erfolgreiche Projekte managen mit PRINCE2. London: The Stationery Office, 2009.

Kommentare

  1. Scrum beschreibt NICHT, wie diese "Vision" aussieht. Im Scrum Guide ist zur "Vision" nur das zu lesen: "Der Scrum Master dient dem Product Owner unter anderem indem er ... Vision, Ziele und Einträge des Product Backlogs gegenüber dem Entwicklungs-Team klar kommuniziert". Das ist der EINZIGE Ort, an dem im Scrum Guide "Vision" erscheint. Das ist auch verständlich, da sich Scrum ja nicht mit Projekten beschäftigt sondern ein Rahmenwerk darstellt, "mit dessen Hilfe Menschen komplexe adaptive Aufgabenstellungen angehen können, und durch das sie in die Lage versetzt werden, produktiv und kreativ Produkte mit dem höchstmöglichen Wert auszuliefern."

    Die oben dem Scrum zugeschriebene Beschreibung der vision hat mit Scrum nichts zu tun sondern ist (siehe auch die Referenz) dem Scaled Agile Framework entnommen - bezieht sich aber auf die Vision eines Produkts bezogen auf seine gesamte Lebensdauer, nicht auf ein Projekt, da SAFe sich bewusst nicht mit Projekten beschäftigt.

    Für agile Projekte gibt es als Methode vor allem PRINCE2 und auch DSDM, niocht aber Scrum oder SAFe.

    AntwortenLöschen
  2. Ja, das stimmt. Im Scrum Guide gibt es keine Vorgaben für eine Vision.

    Ich fand die Ideen von Leffingwell für Softwareprojekte ganz hilfreich. Bei anderen Arten von Projekten gehören andere Punkte in die Vision.

    Jeff Sutherland und Ken Schwaber haben sicherlich mit Absicht kein festes Format vorgegeben. Wichtig ist nicht das konkrete Format, sondern dass die Vision dem Team hilft, Ziele abzustimmen.

    LG, Jan

    AntwortenLöschen
  3. Vielleicht sollten wir uns mal darüber verständigen, was wir unter 'Projekt' verstehen. Ich habe nämlich die Hypothese, dass hinter fest gefügten Sätzen wie 'Methode X hat nichts mit Projekten zu tun' bestimmte Definitionen von 'Projekt' stehen.
    Ich schlage vor, einen der nächsten Blogartikel dem Thema zu widmen aus TWB-Sicht, und bestimmt können dann Unknown und andere diese Sicht gut ergänzen oder andere Sichten daneben stelle .
    LG, Wolf

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein Kommentar von Hans Peter Korn:

      Das ist sicher eine gute Idee - wobei ich mir wünschen würde, nicht nach "der" Wahrheit zu suchen (die es m.E. nicht gibt) sondern verschiedene Sichtweisen darzustellen.

      Eine davon findet sich in http://www.symposion.de/kapitel40600101_WERK0003442.html im Abschnitt:
      o Produkt- bzw. Service- statt Projektfokus
      ƒoo Kontinuierliche statt projektspezifisch fragmentierte Lieferungen von Produkt- und Serviceinkrementen

      Dort ist die Sicht des Scrum Guide dargestellt und dann die Sichten von Martin Kütz, Prof. Ayelt Komus und Dean Leffingwell.

      Löschen
    2. Lieber Wolf,

      das ist ein wichtiger Punkt und schon lange meine These: Wir haben keine klare Vorstellung davon, was ein Projekt ist. Uns fehlt eine innere Projektgestalt. Wir haben einen bekannten Begriff aber nur eine vage Vorstellung.

      Es gibt verschiedene Gestalten (z. B. Party oder das Rautenmodell). Je nach Kontext ist eine andere hilfreich. Manchmal ist eine Situation auch nicht eindeutig. Dann müssen wir versuchen, wie HP schon anmerkte, verschiedene Sichten zu integrieren.

      Erst wenn wir uns bei der zu betrachtenden Situation über die Gestalt im Klaren sind, dann können wir den nächsten Schritte machen.

      LG, Jan

      Anmerkungen:

      * Projekt als Party: https://www.projektmagazin.de/artikel/was-projektmanager-von-partys-lernen-koennen_1072930
      * Projekt als "Ich bin mir nicht sicher Aufgabe": http://www.scrum-day.de/vortraege/mitprojektprofilenscrumbesserverkaufen.html

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wie lassen sich Ergebnisse definieren? - Drei Beispiele (WBS, CBP und BDN)

Ich habe schon darüber geschrieben, warum das Definieren von Ergebnissen so wichtig ist. Es lenkt die Aufmerksamkeit des Projektteams auf die eigentlichen Ziele. Aber was sind eigentlich Projektergebnisse? In diesem Beitrag stelle ich drei Methoden vor, um leichter an Ergebnisse zu kommen.

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Microsoft Copilot - Notebook, Pages, Agents und mehr

Es tut sich sehr viel an der Copilot Front. Gefühlt entwickelt Microsoft mit aller Kraft die KI-Anwendung weiter. Mit dem letzten Update hat sich die Microsoft-Startseite stark verändert. Hier zeige ich, was sich hinter all den Begrifflichkeiten verbirgt und was davon alltagstauglich ist.

Schätzungen sind schätzungsweise überschätzte Schätze

"Wer viel misst, misst viel Mist." Zumindest ist diese Gefahr gegeben. Entweder misst man z. B. Mist, weil man zu früh zu KPIs zur Messung von Ergebnissen greift, oder aber man greift zu den falschen KPIs, die gar nicht das messen, was man wissen möchte. Einst war agiles Arbeiten der alternative Ansatz, aber inzwischen gibt es auch für einige Details dessen, was in Konzernen als "agil" praktiziert wird, einleuchtende alternative Ideen, die bis heute noch nicht so richtig auf die große Bühne vorgedrungen zu sein scheinen. 

Wenn es mal gerade etwas schwierig bei Kund:innen wird… Zwei Fragen, die uns helfen, unsere Strategie mit unseren Kund:innen abzusprechen.

Seit 2024 organisieren Bob Galen und ich eine Masterclass für agile Coaches. Wir möchten die Ausbildung von agilen Coaches verbessern und ihnen Techniken mitgeben, mit denen sie bei ihren Kund:innen etwas einfacher haben. Bisher haben wir in vier Durchgängen mit jeweils 14 Modulen ungefähr 70 Extraordinarily Badass Agile Coaches ausgebildet (/1/). In diesem Blogpost möchte ich ein paar Erfahrungen und simple Techniken aus der Masterclass teilen, wie wir unsere Strategie besser abstimmen können. Sie beschränken sich nicht auf agiles Coaching – das ist nur das Setting.

Teamleitungen gesucht

Was macht Teams erfolgreich? Kann man das lernen? Ab Herbst starten unsere Kurse für aktuelle und künftige Teamleitungen. Jetzt gibt es die Gelegenheit, den Kurs zu testen.

Wie überprüft man den aktuellen Stand einer neuen gemeinsamen Ablage?

Ihr habt in eurem Team die individuellen, unordentlichen Ablagen auf eine gemeinsame Ablage, die nach Vorgängen und Prozessen geordnet ist, umgestellt. Woher wisst ihr, ob das wirklich funktioniert? In diesem Beitrag gibt es 10 Auditfragen.

Nachschau zum Lean Coffee-Spezial "Agil einfach machen" (Interaktive Buchvorstellung)

Bei unserem Lean Coffee-Spezial Ende Mai waren wir von Lean Coffee Karlsruhe/Frankfurt Zeugen einer Buchvorstellung, doch nicht nur das – natürlich gab es auch einen nicht unbeträchtlichen Anteil an eigener Aktion, denn bei unseren Spezialterminen ist traditionell „Teilgabe“ angesagt. Das Autorenduo Christian Baron und Janick Oswald zeigte uns, was es mit „Agil einfach machen“ auf sich hat.  

Wie läuft ein Projekt zum Entwickeln von Szenarien ab?

Seit 2016 beschäftigen Edgar und ich uns intensiv mit der Szenariotechnik. Szenarien sind ein wirkungsvolles Werkzeug, um Projekte oder ganze Geschäftsmodelle auf ihre Zukunftstauglichkeit zu testen.

A simple project filing structure

Are there too many documents? But which ones are important? Project teams are drowning in information. There's no shortage of tools: emails, Slack channels, JIRA, Microsoft Teams, and Trello boards. But who can keep track of them all? A few simple rules can get a project team on track. I'll present the simplest project filing system here.