Direkt zum Hauptbereich

Unternehmenskultur ändern

Bei vielen Änderungsansätzen wird gefordert, dass sich die Mitarbeiter an die neue Kultur gewohnen müssen. Vor den strukturellen Änderungen müssen die Beteiligten zunächst das neue "Mindset" annehmen. Ich sehe das sehr kritisch. Dazu gibt es eine bessere Alternative.

Viele agile Coaches fordern die Übernahme eines agilen Mindsets, bevor sich im Unternehmen etwas ändert. (Diese Forderung ist keine Besonderheit von Agilität. Auch in anderen Bereichen kennen wir solche Forderungen zur Genüge.) In einigen Change-Management-Büchern finden wir gar eine Grafik von Kübler-Ross, die angeblich beschreibt, wie Menschen auf Veränderungen reagieren /1, Knowledge Komponent 1.2/. Ich finde es nicht angemessen, das Verhalten von sterbenden Menschen auf Veränderungen im Unternehmen zu übertragen.

Viele Teammitglieder, Führungskräfte und Berater werden jedoch einwenden, dass es doch sehr schwierig sei, Menschen in Unternehmen zu Veränderungen zu bewegen. Es gab Zeiten, da habe ich mich selbst in diesen Chor eingereiht.

"Die Mitarbeiter verhindern den Wandel"

Beim ersten Gegenwind gegen eine Change-Initiative werden meist individuelle psychologische Muster zur Erklärung herangezogen. Die werden natürlich mit entsprechend "wissenschaftlichen" Tests analysiert (z. B. Myers-Briggs-Typenindikator, DISG). Dabei kommt natürlich raus, dass die Change-Initiative an Mitarbeitern scheitert, weil sie vom Typ X sind und Typ-X-Leute können wir hier nicht gebrauchen. Mich faszinieren Psychotests, aber letztendlich sind sie alle wertlos. Sie sind eine moderne Variante von Rassismus, wenn sie dazu führen, dass man bestimmten Typen für bestimmte Aufgaben bevorzugt oder ablehnt.

Bei /2/ habe ich den Hinweis gefunden, dass es Primär- und Sekundärreaktionen auf bestimmte Situationen gibt. Meine spontane (Primär-) Reaktion in einem Projektmeeting könnte Wut sein. Aber wahrscheinlich bin ich in der Lage, auf meine Gefühle Einfluss zu nehmen und Ruhe zu bewahren. Diese Psychotests bewerten in erster Linie die Primärreaktion. Wichtig ist aber, ob wir zur Sekundärreaktion fähig sind.

Von Deming stammt der Hinweis, dass 94% aller Probleme im System der Zusammenarbeit (und daher nicht beim einzelnen Mitarbeiter) liegen /3/. Psychologische Macken eignen sich also nicht als Erklärung für Widerstand gegen Change.

Organisationskultur sind starke soziale Bande

Besser finde ich die Ideen von Edgar Schein über Organisationskultur. In seinen Buch über Organisationskultur schreibt er:
"Die gemeinsam erlernten Werte, Überzeugungen und Annahmen, die für selbstverständlich gehalten werden, wenn das Unternehmen weiterhin erfolgreich ist, sind die Essenz der Unternehmenskultur. Man darf nicht vergessen, dass sie Ergebnis eines gemeinsamen Lernprozesses sind." /4, Abschnitt 2/
Wer etwas neues vorschlägt, das der aktuellen Kultur widerspricht, stellt damit den Erfolg und die gemeinsamen Erfahrungen der Vergangenheit in Frage. Damit stellt er sich gegen sehr starke soziale Kräfte. Die lassen sich nicht mit ein bisschen Change Management überwinden.

Wie sehe ich die Welt?

Bevor ich darauf eingehe, wie man die Unternehmenswelt ändert, will ich noch auf das Thema Weltsicht eingehen. Hier gibt es Forschungsarbeiten von  Dave Logan, John King, and Halee Fischer-Wright, die gut lesbar in dem Buch "Tribal Leadership" zusammengestellt wurden.

Die Autoren gehen auf unsere selektive Wahrnehmung ein. Sie haben die Sprach- und Beziehungsmuster von mehr als 20.000 Menschen in großen Unternehmen untersucht und festgestellt, dass wir durch unsere selektive Wahrnehmung Ereignisse interpretieren. Wenn ich der Ansicht bin, dass mein Leben schrecklich ist, werde ich auch alles so wahrnehmen: "Typisch, dass die Ampel rot ist, wenn ich es mal eilig habe... Wie schön könnte mein Leben sein, wenn mein Chef nicht so wäre, wie er ist."

In diese Kategorie gehört auch die besonders bei Führungskräften beliebte Sichtweise: "Meine Mitarbeiter sind zwar nett, aber nicht so kompetent wie ich. Ich muss für sie vor- und mitdenken. Sonst fällt der Laden auseinander."

Was führt zu einer anderen Unternehmenskultur?

Jetzt haben wir ein besseres Verständnis, wie wir auf Kultur Einfluss nehmen können, ohne den Mitarbeitern gleich den Kopf waschen zu müssen.

Statt die alte Kultur grundsätzlich in Frage zu stellen, ist es einfacher den bisherigen Erfahrungen neue erfolgreiche Erfahrungen hinzuzufügen. Das kann ein interessantes Spiel in einem Training sein. Das kann ein kleines Projekt sein. Geeignet sind gemeinsame Erlebnisse, in denen die Gruppe etwas bewusst lernt.

Ergänzend lohnt es sich, über Weltsichten zu sprechen. Oft reicht es schon aus, zu erkennen, dass wir unterschiedliche Weltsichten haben. Häufig stehen wir vor einem Problem, bei dem unsere eigene Sichtweise den Blick auf die Lösung verhindert. Ein guter Scrum Master stellt deshalb bei Problemen oft die Fragen, welche Annahmen dahinter stehen.

Neue positive Erfahrungen und das Infragestellen der eigenen Annahmen sind gute Werkzeuge, um das System der Zusammenarbeit in Unternehmen zu verändern.

Anmerkungen:
  • /1/ Institute, The Change Management: The Effective Change Manager : The Change Management Body of Knowledge. New.. : Vivid Publishing, 2014. 
  • /2/ Martens, Jens-Uwe ; Kuhl, Julius: Die Kunst der Selbstmotivierung : neue Erkenntnisse der Motivationsforschung praktisch nutzen. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag, 2009.
  • /3/ John Hunter: Appreciation for a System, The W. Edwards Deming Institute Blog, erschienen am 26. Oktober 2012, abrufbar unter http://blog.deming.org/2012/10/appreciation-for-a-system/
  • /4/ Schein, Edgar H. ; Bennis, Warren ; Hölscher, Irmgard: Organisationskultur. 3. Aufl.. Berlin: EHP, 2003.
  • /5/ Logan, Dave ; King, John ; Fischer-Wright, Halee: Tribal Leadership : Leveraging Natural Groups to Build a Thriving Organization. 1. Aufl.. New York: Harper Collins, 2012.

Kommentare

  1. Hi Jan,

    Schöner Beitrag. Ergänzung: Die alte Kultur in Summe zu kritisieren und in frage zu stellen ist auch deshalb Unsinn, weil sie ja gar nicht nur schlecht gewesen sein kann, sonst hätte die Organisation gar nicht überlebt.

    Sowohl aus der Erfahrung als auch logisch lässt sich klar sagen: Jede Kultur hat auch Ihre positiven Seiten...

    Die Kunst besteht darin, die spreu vom Weizen zu trennen.

    HGA

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Warum du als Führungskraft klügere Mitarbeiter einstellen solltest (und Mikromanagement dein größter Fehler ist)

Es ist einer der am häufigsten zitierten Führungsratschläge: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du. Und einer der am seltensten wirklich befolgten. Warum? Weil er sich leichter sagt, als er sich anfühlt.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Unternehmenskultur frisst Agilität zum Frühstück

Zyklische Abfolgen sind an vielen Stellen im Leben beobachtbar: Wiederkehrende vier Jahreszeiten, alte Songs, die plötzlich als Cover-Versionen wieder auf den Markt kommen (Jugendliche identifizieren diese dann als "Grundform", denn sie kennen das Original nicht), erst Karottenjeans, dann wieder Hosen mit Schlag, dann wieder Karotte, in der Politik Republikaner, Demokrat, Republikaner, Demokrat..., Hardliner-Papst, Vermittler-Papst... - alles kommt in regelmäßigen Abständen wieder. So auch die Erkenntnis, was man alles tun müsste, um in Unternehmen wirklich agil arbeiten zu können. Warum aber gelingt die Installation agiler Zusammenarbeit in größeren Unternehmen bis heute so wenig zufriedenstellend? Werden dabei vielleicht Aspekte immer noch zu wenig gesehen?

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Coaching- und Führungsframeworks im Überblick: 21 Linsen für Teams und Organisationen

Gute Scrum Master:innen und Coaches betrachten das Geschehen durch mehr als eine Brille oder Linse. Jede Linse gibt andere Hinweise für angemessene Interventionen. Im Prinzip suchen wir immer nach der kleinsten Intervention mit der größten Wirkung. Aber welche Linsen gibt es eigenlich? In diesem längeren Beitrag stelle ich die wichtigsten 21 Konzepte von 37 Autor:innen vor, die mir bei der Recherche begegnet sind.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Warum Veränderungsinitiativen scheitern - und wie Du veränderungsresistente Strukturen knackst

[TL;DR] Viele Veränderungsinitiativen stossen auf harten Widerstand - nicht weil die Idee der Veränderung oder das Zielbild schlecht ist, sondern weil Organisationen wie Tensegrity-Strukturen funktionieren: hochgradig vernetzt, unter Spannung, systemisch. Wer das versteht, geht Veränderung anders an. Hast Du schon mal von Tensegrity Strukturen gehört? Nimm Dir doch mal kurz Zeit und schau Dir das Video an. Dann hast Du's sofort im Kopf. Und wenn Du die 58 Sekunden nicht hast und lieber weiterliest: Tensegrity-Strukturen sind faszinierende Gebilde aus schwebenden Stäben und Seilen, bei denen sich kein Stab direkt berührt - und trotzdem hält das ganze Ding sehr resilient gegen Störungen zusammen. Ich bin Tensegrity-Strukturen zuerst in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet - in der Trainingslehre. Der menschliche Körper wird nämlich von einer solchen Struktur aus Zug und Druck - Muskeln, Faszien, Sehnen - permanent im Gleichgewicht gehalten. Das Elegante daran: Stabilität entsteh...

Office-Hacks - Sammlung Teil 2: OneNote und PowerPoint

Immer wieder werde ich nach speziellen Hacks, Tipps und Tricks gefragt, die einem die Arbeit mit MS-Office-Produkten erleichtern. Also habe ich eine zeitlose Sammlung von kleinen Handgriffen zusammengestellt, die in meinen Seminaren oft für erhellende AHA-Momente sorgen. Dies ist der zweite Teil meiner kleinen Serie mit OneNote und  PowerPoint. Der erste Teil hat Outlook und Teams behandelt;  Word, und Excel werden folgen.

Neuer Scrum Master? Mit drei einfachen Fragen sofort wirksamer werden (drei praktische Linsen)

Es gibt eine Vielzahl von Linsen, durch die Scrum Master:innen und Agile Coaches auf die Arbeit eines Teams schauen können. Man muss sich aber auch mit ihnen beschäftigen, um gut zu sehen. Gibt es vielleicht Linsen, die neue Scrum Master:innen schnell benutzen und lernen können? Ja, die gibt es und sie haben ihre Nützlichkeit 1,7 Mio. mal bewiesen. Aber fast kein Scrum Master kennt sie.