Direkt zum Hauptbereich

Was ist eine gute Projektorganisation im Unternehmen? Teil 2

Das Scrum-Training ist zu Ende. Alle Beteiligten sind zufrieden. Viele neue Erkenntnisse. Aber wie setzt man sie um? Wie geht man mit den bestehenden Strukturen um?
Im ersten Teil haben wir gesehen, dass Prozesseffizienz eine interessante Messgröße ist, um Prozesse besser zu verstehen. Wir sind immer noch bei der Frage, welche Rollen und Strukturen wir im Unternehmen brauchen.

Woher kommt die Verschwendung in den Prozessen?

Tom und Mary Poppendieck haben Beispiele für Verschwendungsquellen in der Softwareentwicklung notiert./1, Chap. 1/
  • Halbfertige und angefangene Arbeit
  • Unnötige Prozessschritte
  • Überflüssige Funktionen
  • Wechseln zwischen Aufgaben
  • Wartezeiten, insbes. warten auf Entscheidungen
  • Unnötige Bewegungen
  • Fehler
Sie lassen sich auf Dienstleistungen übertragen. Viele dieser Verschwendungsquellen lassen sich auf Rollen und Strukturen zurückführen:
  • Wer gibt Arbeit in Auftrag und lässt sie nicht abschließen?
  • Wer prüft regelmäßig, ob dies die im Moment beste Arbeitsweise ist, um einen Vorgang abzuschließen?
  • Wer gibt Funktionen in Auftrag, die nicht oder sehr selten genutzt werden?
  • Wer lässt Leute gleichzeitig an mehreren Vorgängen arbeiten?
  • Wer darf welche Entscheidungen treffen und umsetzen?
  • Welchen Abstand gibt es zwischen den Leuten, die das Wissen haben und die etwas umsetzen können?
  • Wer lässt Prozesse zu, die immer wieder zu Fehlern führen?
Viele vermeintlich sinnvolle Rollen in einer Organisation fügen der gesamten Prozesskette unnötige Schritte hinzu, ohne irgendein Risiko zu senken. Deswegen lohnt es sich, Fragen zu stellen.

Von Projekten zu Produkten

Das ist unsere Ausgangssituation: In der Hierarchie zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitenden gibt es Personen mit disziplinarischer Verantwortung: Abteilungs- und Teamleiter. Zusätzlich gibt Rollen zum Umsetzen von Projektideen und zum Betreuen der täglich anfallenden Arbeit. Projekte suchen nach Mitarbeitenden und stehen in Konkurrenz zum sog. Tagesgeschäft. Projekte stören. Mit der Zeit haben sich komplizierte Rollen- und Machtspiele entwickelt, um Veränderungen und Routine irgendwie zu bedienen.

Gute Scrum-Teams haben eine Lernkurve hinter sich und organisieren sich anders: Die GF verhandelt mit den einzelnen Bereichen, wie jeder Bereich zumUnternehmenserfolg beiträgt (Finanziell, Marktposition, Weiterentwicklung).

In jedem Bereich gibt es einen oder mehrere Product Owner, die für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich sind. Sie sind erfahrene Unternehmer/innen im Unternehmen. Jeder PO hat ein oder mehrere Teams, die bei der Produktentwicklung helfen. Dabei decken die Teams den kompletten Technologiestack ab, damit es wenig Abhängigkeiten zu anderen Bereichen gibt.

Nun hat sich die Situation geändert. Feste Teams suchen sich Projekte. Projekte stören nicht mehr, sondern sind ein Baustein zu Finanzierung der eigenen Abteilung und zur Weiterentwicklung des Produktes. Entscheidungen können schneller getroffen werden. Der PO entscheidet, ob der Auftrag angenommen wird. Das Team entscheidet über die Umsetzung.

Damit können wir einige Wartezeiten aus dem Prozess nehmen. Statt 20 Tage Durchlaufzeit können wir nun schon nach 10 Tagen ausliefern.
Verbesserte Prozesseffizienz
Wie ändern wir die bestehenden Rollen? Was machen wir mit den Abteilungs-, Team- und Projektleitern? Wir könnten sie als erstes fragen: Wie willst Du zum Unternehmenserfolg bei dem gegebenen Rahmen beitragen? Welche Strukturen kannst Du fördern, um ohne Druck eine hohe Prozesseffizienz zu erreichen?

Wahrscheinlich werden einige Personen in die PO-Rolle gehen, andere übernehmen Scrum-Master-Aufgaben und wieder andere gehen als Experten in Teams.

Frank Verbruggen und andere haben übrigens einen guten Artikel zur Prozesseffizienz veröffentlicht./2/

Anmerkungen und Verweise

  • /1/ Poppendieck, Mary ; Poppendieck, Tom: Lean Software Development : An Agile Toolkit. 1. Aufl.. Amsterdam: Addison-Wesley, 2003.
  • /2/ F. Verbruggen, J. Sutherland, J. Martijn van der Werf, S. Brinkkemper, A. Sutherland: Process Efficiency – Adapting Flow to the Agile Improvement Effort, 52nd Hawaii International Conference on System Sciences, Wailea, Hawaii, 2019, abrufbar via https://www.scruminc.com/scrum-papers/
  

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Profi-Tools im Windows-Explorer

Haben Sie bei der Urlaubsvertretung sich manches Mal geärgert, wenn Sie Dateien gesucht haben, die ein Teammitglied abgelegt hat? Die Suche im Explorer funktioniert tadellos, aber manchmal sollte man den Suchbegriff noch ein bisschen genauer fassen können. Z.B. mit UND oder ODER oder NICHT... Das geht so einfach, dann man von alleine kaum drauf kommt:

Die besten Bücher zum Thema Teamleistung

Es gibt viele Bücher, die sich mit Teams beschäftigen. Doch wo sollen wir anfangen? In diesem Artikel stelle ich die wichtigsten Quellen vor.

Microsoft Teams: Die neuen Besprechungsnotizen - Loop-Komponenten

  Haben Sie in letzter Zeit in einer Teams-Besprechung die Notizen geöffnet? Dort sind inzwischen die Loop-Komponenten hinterlegt. Die sind zwar etwas nützlicher als das, was zuvor zur Verfügung stand. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Und es gibt sogar einige ernstzunehmende Stolperfallen. Hier ein erster, kritischer Blick auf das was Sie damit tun können. Und auch darauf, was Sie besser sein lassen.

Das Ubongo Flow Game

Spiele bieten eine gute Gelegenheit, zeitliche Erfahrungen zu verdichten und gemeinsam zu lernen. Karl Scotland und Sallyann Freudenberg haben im Mai 2014 das Lego Flow Game veröffentlicht. Wir haben die Spielidee übernommen, aber das Spielmaterial gewechselt. Statt Legosteinen benutzen wir Material aus Grzegorz Rejchtmans Ubongo-Spiel. Hier präsentieren wir die Anleitung für das Ubongo Flow Game.

Kategorien in Outlook - für das Team nutzen

Kennen Sie die Kategorien in Outlook? Nutzen Sie diese? Wenn ja wofür? Wenn ich diese Fragen im Seminar stelle, sehe ich oft hochgezogene Augenbrauen. Kaum jemand weiß, was man eigentlich mit diesen Kategorien machen kann und wofür sie nützlich sind. Dieser Blogartikel stellt sie Ihnen vor.

Teamleitung konkret von Jan Fischbach und Alisa Stolze

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alle gute Ideen für Organisationsentwicklung schon längst existieren. Das stetige Karussell von neuen Methoden und Büchern bringen uns neue Buzzwords bei. Wir lernen sie brav, um relevant zu bleiben. Die Herausforderungen für Organisationen und ihre Mitglieder bleiben jedoch gleich und auch häufig gleich ungelöst. Mit Teamleitung konkret: 20 einfache Gewohnheiten und Praktiken für den Teamerfolg haben Jan Fischbach und Alisa Stolze doch einen genialer Ansatz gefunden, effektiv an den Kern der von Teams begegneten Probleme zu arbeiten, jedoch ohne neue Methode und ganz ohne Buzzwords./1/

Rebellieren für den Wandel: die 8 Regeln des totalen Stillstandes von Prof. Dr. Peter Kruse

In einem legendärem Vortrag skizzierte Peter Kruse 8 Regeln des totalen Stillstands. Ihm zufolge wurden die Regeln entwickelt, um Managern und Führungskräften dabei zu helfen, Bereiche mit potenziellem Widerstand gegen Veränderungen zu erkennen und Menschen auf strukturierte Weise durch den Veränderungsprozess zu führen.

Die unsichtbaren Warteschlangen

Wie können Teamleiter oder Managerinnen die Produktivität ihrer Teams verbessern? Wenn zu wenig fertig wird, liegt es selten an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Arbeit ist oft schlecht organisiert. Es werden zu viele Dinge gleichzeitig erwartet, gerade im Bereich der Dienstleistungen und Wissenarbeit. In diesem Artikel gehe ich den Hintergründen nach, erkläre die wichtigen Konzepte und dann schauen wir auf Lösungen.

Pragmatisch oder nur “Quick and Dirty”?

“Wir müssen aber pragmatisch vorgehen”, drängt der Kollege. Hm… Im Wörterbuch finde ich für “pragmatisch” in etwa: sachbezogenes, praktisches Handeln. Klingt gut. Leider zeigt sich in meinen Erfahrungen, dass pragmatisch für viele doch eher “quick and dirty” bedeutet. Es soll schnell fertig werden. Aber auf welche oder wessen Kosten? Wo ist die Grenze? Warum steht “praktisch” im Konflikt mit einem langfristigen “Nützlich”? Muss das sein?